Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 28/2019 vom 09.07.2019, Foto: zVg
Die beiden Überflieger auf dem Wasser machen auch einmal Pause.
Zwei, die über die Wellen fliegen
Sie flitzen übers Wasser statt über Schnee, tragen Badehosen statt Ganzkörperanzüge und schlürfen eisgekühlte Getränke statt Jagatee. Doch ansonsten springen unsere Top-Wasserschispringer Claudio Köstenberger, 30, und Daniel Dobringer, 51, so weit wie die „Adler“ im Winter.
Fast könnten die Winter-Adler neidisch werden. Denn ihre Sommer-Kollegen müssen niemals wachseln, frieren nie und die Suche nach dem perfekten Windfenster lässt sie kalt. „Aber ansonsten liegen unsere Techniken gar nicht so weit auseinander“, lacht der Wasserschispringer Claudio Köstenberger, 30, unser heißestes Eisen bei der EM kommende Woche im spanischen Sesena, der sich früher sogar von Trainern der Springer rund um Michael Hayböck Tipps holte. „Wir sind im Winter ein Mal versuchsweise über eine Schischanze gesprungen und haben uns gleich wohl gefühlt. Das Flugverhalten ist ähnlich.“

Allerdings springen die Wasserflitzer nicht wie etwa die Asse der Vierschanzentournee in die Tiefe, sondern werden von einem 57 km/h fahrenden Motorboot über eine 1,80 Meter hohe und sieben Meter lange Holzschanze gezogen, die sie rund sieben Meter hoch in die Luft schleudert, wobei die ersten zehn Meter ein Steigflug sind. „60 Prozent eines guten Sprunges macht bei uns ein guter Anlauf aus“, betont Köstenberger. „Tempo und Anfahrtswinkel sind entscheidend, wobei uns eine kurz vor der Schanze sehr eng gefahrene Kurve auf bis zu 120 km/h beschleunigt. Dem Absprung kommen nur etwa 30 Prozent und dem Flug nur 10 Prozent an Bedeutung für die Gesamtweite zu.“

All diese Faktoren freilich machen das Fliegen übers Wasser vergleichsweise zur überaus belastenden Knochenarbeit. Die Schi sind mit 2,50 Meter ähnlich lang, aber mit 20 Zentimetern doppelt so breit wie die der Wintersportler und an der vom Boot per Seil gezogenen Stange wurden Zugräfte von bis zu einer Tonne gemessen. „Das bewirkt, dass du als Sportler nicht mehr als zehn Sprünge am Tag aushältst, sonst steigt die Verletzungsgefahr ins Unermessliche“, berichtet der Kärntner. Und gerade das Abstürzen muss um jeden Preis vermieden werden, weiß er. „Bei meinem letzten Sturz verlor ich beim betonharten Aufprall auf dem Wasser das Bewusstsein, beim vorletzten brach ich mir einen Finger.“

Wegen dieser Risiken weisen die Wasserspringer einen völlig anderen Körperbau auf als ihre „Schnee-Kollegen“. Köstenberger, der übrigens bei der EM auch im Slalom antritt, ist mit 1,88 Metern Größe und 92 Kilo Gewicht geradezu ein Gigant gegenüber dem 56-Kilo-Floh Stefan Kraft, der nur 1,70 Meter misst. „Meine Kollegen sind alle Muskelpakete und häufig in der Kraftkammer anzutreffen, um ihren Körper vor den starken Aufprallkräften zu schützen“, verrät er. Mit einer persönlichen Bestweite von 69,20 Meter befindet sich der 20-fache Staatsmeister und ehemalige Jugend-Europameister mitten in der Weltelite. So ein Sprung würde bei der EM eine Medaille bringen, da ist Köstenberger sicher. „Trotzdem war bisher ein vierter Platz mein bestes Ergebnis, mit einer Medaille wollte es nie klappen.“ Darin ist ihm sein oberösterreichischer EM-Kollege Daniel Dobringer voraus, der bereits fünf Mal EM-Silber einheimsen konnte, mit seinen 51 Jahren allerdings merkt, dass die Zeit nicht ganz stillgestanden ist. „Ich bin der Dinosaurier im Feld und meine Gegner sind im Schnitt 25 Jahre jünger als ich“, schmunzelt er. „Doch ich bin nach wie vor fit und eine gute Platzierung ist immer noch für mich drin.“

Beide rot-weiß-roten „Wasseradler“ haben bisher auch abseits der spritzenden Wellen ein abenteuerliches Leben geführt. Köstenberger lebte und studierte zehn Jahre in den USA und überlegt mit seiner englischen Freundin Elenor als ausgebildeter Apotheker wieder dorthin zurückzugehen. Dobringer wiederum arbeitete als studierter Sportwissenschaftler und Berater für Motorsport-Größen wie Pascal Wehrlein oder Matthias Lauda. „Ich war sogar fünf Jahre lang der Fitnesstrainer von Formel-1-Fahrer Ralf Schumacher“, erzählt er. Mittlerweile ist er in die Lebensmittelbranche gewechselt. Das Wasserschispringen will er aber auch mit 51 Jahren noch lange nicht an den Nagel hängen, obwohl er gewaltige Konkurrenz für sich heranwachsen sieht. „Wir haben hierzulande in der Nachwuchsarbeit eine tolle Generation im Anmarsch, die schon bald viele Medaillen für uns gewinnen wird.“ Wolfgang Kreuziger
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung