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Ausgabe Nr. 27/2019 vom 02.07.2019, Fotos: Getty Images, AdobeStock
Der Blutdruck sinkt, das Gehirn bekommt
weniger Blut
Die Hitze legt uns lahm
Heiße Tage, tropische Nächte und Menschen, die unter den anhaltend hohen Temperaturen von 30 Grad und mehr leiden. Die gesundheitlichen Gefahren, die von Hitzewellen ausgehen, bedrohen das körperliche Wohl, senken die Leistungsfähigkeit, steigern die Zahl der Hitzetoten und lassen vor allem ältere Menschen zunehmend seelisch verzweifeln.
Sommer, Sonne und Temperaturen wie in der Karibik. In öffentlichen Bädern und Eissalons herrscht Hochbetrieb. Täglich 30 Grad und mehr sorgen für anhaltende Urlaubs- und Jubelstimmung. Sogar Wettermoderatoren finden angesichts der extrem frühen und anhaltenden Hitzewelle in unseren Breiten keine Worte der Besorgnis.

„In Wahrheit sind diese Temperaturen, vor allem, wenn sie tagelang anhalten, kein Grund zum Jubeln. Sie sind für viele Menschen eine Katastrophe. Das wird gerne vergessen“, ärgert sich der Umweltmediziner Assoz.-Prof. Dr. Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien über den verharmlosenden Umgang mit den vermehrten und intensiven Hitzewellen im Land. Es wird immer heißer und das immer öfter, bestätigen offizielle Zahlen. Etwa die der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Wurden in den Jahren 1981 bis 1990 102 Rekord-Hitzetage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad in Wien gemessen, waren es in den vergangenen sieben Jahren 201 Tage. Die lebensbedrohlichen
Folgen sind belegt. In den vergangenen vier Jahren starben statistisch gesehen mehr Menschen an den Folgen der Hitze als im Straßenverkehr. 414 bis 479 Verkehrstote pro Jahr seit 2013 stehen 586 bis 1.122 Hitzetoten gegenüber.

Das Gehirn wird schlechter durchblutet

Hohe Temperaturen, wie sie der Juni bereits brachte, bedeuten für den Körper Schwerstarbeit, gibt der Experte zu bedenken. „Die Temperatur im Inneren unseres Körpers beträgt rund 37 Grad. Damit dieser Wert bei Hitze stabil bleibt und nicht steigt, muss das körpereigene Kühlsystem aktiviert werden. Über ein perfektes Regelsystem werden die Blutgefäße in der Haut weitergestellt und es wird jede Menge Blut in die Arme und Beine gepumpt. Damit wird die Schweißabsonderung angeregt und die Kühlung bewerkstelligt. Der Preis dafür, der Blutdruck sinkt, das Herz muss schneller pumpen. Für das Gehirn bleibt weniger Blut über und damit auch weniger Sauerstoff. Hinzu kommt der Flüssigkeitsverlust durch das Schwitzen, das dem Körper ebenfalls zu schaffen macht. Um dieses eigene Kühlsystem am Laufen zu halten, wird unser Herz-Kreislaufsystem stark belastet. Wir fühlen uns müde und erschöpft.“

Wer jung, gesund und fit ist, spürt nicht viel davon. Doch das ist eine kleine Gruppe. „Für alle anderen wird‘s belastend“, warnt Dr. Hutter. „Dazu gehören die über 65jährigen, Säuglinge und Kinder bis zu einem Jahr, Menschen mit Herz- oder Atemwegserkrankungen, Schwerarbeiter und Berufstätige, die ohnedies in Wärme arbeiten wie Bäcker, Küchenangestellte oder Frisöre.“ Sie spüren die Folgen der Hitze am deutlichsten, wie körperliche Schwäche, Probleme bei der Konzentration, Koordination und Reaktionsgeschwindigkeit. „Wir stoßen rasch an unsere Belastungsgrenze und fühlen uns überfordert. Das hat psychische Folgen. Wir werden aggressiv“, sagt Prof. Hutter.

Hitze steigert Ängste und senkt die Leistungskraft

Die Auswirkungen anhaltender Hitze auf die Psyche sind nicht nur gesteigerte Aggressivität. „Während einer Hitzewelle kommt es bei älteren oder geschwächten Menschen zu einer deutlichen Zunahme von Ängsten
und Depressionen. Das zeigen unsere aktuellen Studien. Diese Menschen können der Hitze nicht mehr entfliehen und fürchten sich vor der nächsten Hitzewelle.“ Die Dauer-Hitze macht nicht nur Angst, sie senkt auch unsere Leistungsfähigkeit. Während ein Büroangestellter bei 23 Grad noch die volle Leistung erbringt, erreicht er bei
30 Grad nur noch 70 Prozent. Experimente haben gezeigt, dass Bürokräfte bei mehr als 30 Grad nur halb so schnell tippen wie bei 20 Grad Raumtemperatur. Wer bei
tropischen Temperaturen also arbeiten muss, ob im Haus-
halt, im Freien oder im Büro, sollte die Folgen der hohen
Temperaturen nicht unterschätzen und dem Körper oft Erholung gönnen. „Mehrere kurze Pausen ganz bewusst einlegen. Das ist wichtig. Es genügen ein paar Minuten. Ein Glas Wasser trinken, die Unterarme kalt abwaschen, ein nass-kühles Tuch in den Nacken legen. Es hilft dem Körper weniger, wenn statt kleinerer nur eine einzige längere Pause erfolgt. Das Gleiche gilt für die Flüssigkeitszufuhr, lieber viele kleine Mengen statt einen Liter Wasser auf einmal trinken“, klärt Dr. Hutter auf.

Bei Unwohlsein sofort in den Schatten

Die tödliche Gefahr, die hohe Temperaturen mit sich bringt, wird noch unterschätzt. Zu stark erinnert die übermäßige Wärme an Urlaub und Ferienzeit. „Doch wenn wir unter solchen stressigen Bedingungen arbeiten müssen, sind extreme Hitzeperioden einfach nur Schlechtwetter. Wer der Hitze und Sonne nicht auskommt, dem drohen Hitzekollaps, ein Hitzschlag oder ein Sonnenstich.“ Übelkeit, Schwindel, Flimmern vor den Augen, Verwirrtheit und ein spürbarer schneller Herzschlag sind Alarmzeichen. „In diesem Fall sich sofort in den Schatten begeben, sich hinsetzen, Wasser trinken, sich kühlen und ausruhen. Werden die Symptome
stärker, verliert der Körper die Kontrolle über den Blut-
kreislauf. Sinkt der Blutdruck weiter ab, kann kurz das Bewusstsein verloren gehen. Kippt noch die Regulierung
des Flüssigkeitshaushaltes und der Körpertemperatur völlig, droht ab 40 Grad ein Hitzschlag mit Bewusstseinsverlust und Schock. Dann heißt es rasch handeln. Den Patienten in die stabile Seitenlage bringen und den Notarzt rufen. Sonst kann es zu bleibenden Hirnschäden kommen oder sogar tödlich enden.“
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