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Ausgabe Nr. 27/2019 vom 02.07.2019, Fotos: Getty Images, reuters
Der Traumstrand Maya Bay (Thailand) bleibt mindestens bis 2021 gesperrt, damit sich die Natur erholen kann. Er war im Jahr 2000 Filmkulisse für Leonardo DiCaprio. Seither zog er Millionen Tagestouristen an.
In Venedig (Italien) müssen Tages-Touristen voraussichtlich ab September drei Euro „Eintritt“ zahlen, ab 2020 sind es sechs Euro.
Überfüllte Paradiese
Reisen bildet. Doch manche Dörfer, Städte und Naturspektakel werden längst von Besuchern überrannt. Dort zeigt sich die hässliche Fratze des modernen Massentourismus. Mit Sperren, Verboten und Eintritts-Beschränkungen wird der Ansturm eingedämmt. Manchmal mit Erfolg.
Sie brachen Korallenstücke als Mitbringsel ab, hinterließen ihren Plastikmüll im Meer und sahen an manchen Tagen selbst kaum noch etwas vom Traumstrand, so dicht gedrängt standen die Besucher. Seit dem Vorjahr ist der „Maya Bay“-Strand für Touristen gesperrt. Zuvor überrannten täglich bis zu 7.000 Besucher die Bucht im Süden Thailands. Sie war nach dem Film „The Beach“ (der Strand) zum Touristen-Magneten geworden. Oft lagen Dutzende Ausflugsboote in der Bucht, deren Anker die empfindlichen Korallenriffe noch zusätzlich beschädigten.

Mindestens bis übernächstes Jahr sind Landgänge dort noch verboten. 20.000 neue Korallen wurden angesiedelt, die Riffhaie sind zurückgekehrt. Doch der zuständige Nationalpark-Chef geht von einer deutlich längeren Sperre aus. „Die Bucht muss geschlossen bleiben, bis sich die Natur völlig erholt hat. Wir glauben, dass das vier bis fünf Jahre dauert.“

Der Tourismus hat in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Waren im Jahr 2000 „nur“ 669 Millionen Touristen im Ausland unterwegs, wurden im Vorjahr schon doppelt so viele gezählt. Bis zum Jahr 2030 sollen es 1,8 Milliarden sein. Denn in Ländern wie China wächst die Mittelschicht. Immer mehr Menschen können sich eine Reise leisten. Heuer werden mehr als 160 Millionen chinesische Touristen ihren Urlaub jenseits der eigenen Grenze verbringen. Vor neun Jahren waren es nicht einmal 60 Millionen.

Tausende Milliarden Euro setzt die Reise-Industrie weltweit um. In unserem Land haben Besucher aus dem In- und Ausland zuletzt mehr als 40 Milliarden Euro ausgegeben. So manche Region lebt vom Tourismus. Doch nicht immer ist es einfach, das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und Bedürfnissen der Einwohner zu finden.

Davon kann der Hallstätter Bürgermeister Alexander Scheutz (SPÖ) ein Lied singen. Der 780-Seelen-Ort am Westufer des Hallstätter Sees war schon immer ein beliebter Ausflugsort. Doch vor vier Jahren ist die Beliebtheit der oberösterreichischen Gemeinde vor allem bei Tages-Touristen sprunghaft gestiegen. Eine Million Besucher wälzen sich pro Jahr durch die Gassen. Jetzt will Hallstatt die Reisebusse in die Schranken weisen.

„Wir wollen spätestens ab dem Frühjahr ein Zeitfenster-System einführen“, erklärt Bürgermeister Scheutz. „Maximal dürfen dann 54 Busse pro Tag nach Hallstatt kommen, derzeit haben wir Tage mit bis zu 90 Bussen.“ Im Jahr 2014 zählten die Hallstätter knapp 8.000 Busse, im Vorjahr waren es 19.000. „Wir können uns den Anstieg nicht erklären“, sagt Alexander Scheutz.

Aber sicher ist, der Zustrom reißt nicht ab. In Zukunft müssen die Bus-Reiseveranstalter im Voraus einen Zeitraum buchen, in dem sie den Parkplatz benutzen dürfen. Die Mindestverweildauer soll 2,5 Stunden betragen, die Kosten 80 Euro statt wie bisher 40 Euro. „Wenn der Zeitraum schon belegt ist, dann kann er an dem Tag nicht kommen, das müssen die Unternehmer lernen. Es ist eine große Herausforderung, dass wir manche abweisen müssen. Das ist sicher nicht angenehm und wird uns wahrscheinlich auch die eine oder andere Kritik bringen. Aber wenn‘s genug ist, ist es genug.“

Es sind vor allem Gäste aus dem asiatischen Raum, aber auch Inder, Amerikaner oder Australier, die das Weltkulturerbe sehen wollen. „Die Besucher kommen aus der ganzen Welt, aber bei den Nächtigungen sehen wir, dass schon die Chinesen an erster Stelle sind.“ Der Ort lebt vom Tourismus, „doch wir müssen schauen, dass wir die Gästeströme irgendwie lenken“, weiß der Hallstätter Bürgermeister.

Auch Venedig stöhnt unter den Besuchermassen. Die Lagunenstadt im Nordosten Italiens plant einen „Eintritt“ von drei Euro für Tages-Touristen. Gelten soll er voraussichtlich ab September, je nach Ansturm können aber auch bis zu zehn Euro fällig werden. Außerdem sollen große Kreuzfahrtschiffe künftig das historische Zentrum umfahren müssen. Das haben schon längst die Touristen übernommen. In der Stadt leben heute nur noch rund 50.000 Menschen, vor 60 Jahren waren es noch mehr als drei Mal so viele. Die Venezianer klagen nicht nur über den Lärm und Dreck, den die Gäste mit sich bringen, sondern auch über steigende Mietpreise, fehlende Geschäfte und Handwerksbetriebe. „Venedig droht, zur Kulisse zu verkommen“, fürchten Kritiker.

Die kroatische Hafenstadt Dubrovnik kündigte im Vorjahr an, nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag anlegen zu lassen. In der spanischen Metropole Barcelona gewann Ada Colau die Bürgermeister-Wahl mit dem Spruch „Die Stadt den Bürgern zurückgeben“. Und in Peru testete die Regierung neue Zugangsbeschränkungen zur berühmten
Inka-Stadt Machu Picchu. Denn die Touristenmassen drohen die Steinoberflächen der Ruinenstadt zu zerstören.

Auch der Salzburger Dom leidet unter den geschätzten zwei Millionen Besuchern pro Jahr. Die Klimaveränderung im Inneren durch die Menschenmassen setzt den sieben Orgeln, dem Stuck und den Gemälden zu. Ganz zu schweigen vom Müll, den manche Reisende hinterlassen. Für den heurigen Sommer ist sich der geplante Touristen-Eintritt nicht mehr ausgegangen, im Frühjahr soll es aber soweit sein, ist der Domkustos Johann Reißmeier optimistisch. „Touristische Nutzung ist Fremdnutzung und die muss abgegolten werden“, erklärt der Prälat. „Doch wenn jemand sagt, ,ich geh‘ hinein zum Beten oder ich will ein Kerzerl anzünden‘, kann er ohne Formalität hinein. Und wenn jemand schwindelt, dann schwindelt er.“ Vier bis fünf Euro könnte der Eintritt kosten. Das Geld wird für den Salzburger Dom dringend gebraucht, aber dadurch will der Domkustos auch die Zahl der Besucher verringern. „Wir dürfen nicht mehr so viele Touristen haben, alles leidet darunter.“
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