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Ausgabe Nr. 26/2019 vom 25.06.2019, Foto: picturedesk.com
Elton John kam am 25. März 1947 in Pinner (England) zur Welt. Sein bürgerlicher Name lautet Reginald Kenneth Dwight. Als Künstler schaffte er den großen Durchbruch im Jahr 1970 mit dem Album „Elton John“. In den 80er Jahren landete er Hits wie „I‘m Still Standing“, „Sad Songs“ und „Nikita“. Königin Elisabeth II. schlug Elton John 1998 zum Ritter, seither darf er sich „Sir“ nennen. Mit seinem Ehemann David Furnish zieht der Künstler die Söhne Zachary, 8, und Elijah, 5, groß. Sie wurden von einer Leihmutter ausgetragen.
„Ich habe meine Angst mit Drogen bekämpft“
Der Name Elton John hat in der Musikwelt zweifellos Gewicht. Die Verfilmung seines Lebens, die derzeit in unseren Kinos unter dem Titel „Rocketman“, benannt nach einem seiner Hits, zu sehen ist, sorgt indes für Aufregung. Sie sei zu sexistisch, heißt es. Am Mittwoch, dem 3. Juli, gibt der 72jährige Engländer in der Messe Graz (Stmk.) ein Konzert. Ein Exzentriker auf Tour …
Sie waren als Kind ziemlich schüchtern. Auf der Bühne sind Sie aber, was Kleidung und Auftreten betrifft, alles andere als scheu. Wie erklären Sie das?
Alle Darsteller, insbesondere auch Musiker, sind Rampensäue. Wenn du dich nicht aufplusterst nimmt keiner von dir Notiz. Du kannst dastehen und spielen und spielen und niemanden kümmert es. Ich will aber bemerkt werden, denn Musik ist meine Leidenschaft. Auf der Bühne will ich immer alles geben, da fühle ich mich wohl. Die Bühne ist mein Zuhause. Privat war das anders.

Inwiefern?
Ich war ängstlich. Meine Schüchternheit und Unfähigkeit zu kommunizieren führten schließlich zu der Drogenabhängigkeit, die mich 16 Jahre plagte. Ich dachte, wenn ich Drogen nähme, würde ich mich anpassen. Kokain brachte mich auch tatsächlich zum dauerhaften Reden. Es war der sinnloseste Mist, den man sich vorstellen kann. Ich aber dachte: „Das öffnet dich, macht dich locker.“

Seit dem Jahr 1990 haben Sie keine Drogen mehr genommen?
Stimmt. Davor gab es keine Balance in meinem Leben. Auf der Bühne war ich eine Person und hinter den Kulissen und draußen eine andere, die nicht zu leben wusste. Ich machte berufliche Fortschritte, aber keine menschlichen. Ruhm macht den Menschen selbstsüchtig. Und ich war weltberühmt. Das führte mich in eine Blase. Ich lebte isoliert. Ich war von Menschen umgeben, die mich zu kontrollieren versuchten. Ich wollte aber Konfrontationen vermeiden, deshalb flüchtete ich in die Drogen. Bis 1990, da war ich 43 Jahre alt, war ich nicht erwachsen. Deshalb musste ich später eine Menge nachholen. Ich musste sozusagen wieder das Gehen lernen, menschliches Verhalten. Dieser Vorgang bereitete mir Freude. Ich war froh, den ganzen Dreck hinter mir gelassen zu haben.

Und drei Jahre später trafen Sie Ihren Partner David Furnish?
Das geschah zu einem Zeitpunkt, als ich Lieder für den Film „Der König der Löwen“ schrieb. Wunderbare Dinge geschahen nun mit mir. Vor allem traf ich jemanden, der mit mir nur dann in eine Beziehung eintreten wollte, wenn sie ausgeglichen war. Vor David hatte ich meine Partner als Geiseln genommen.

Wie meinen Sie das?
Meine Partner mussten sich mir anpassen, mussten tun, was ich tat. Ich nahm sie mit auf meine Reisen um die Welt, kaufte für sie teure Versace-Hemden und Cartier-Uhren. Nach sechs Monaten hassten sie mich, weil sie kein eigenes Leben hatten.

Sie scheinen ein Mensch zu sein, der alles übermäßig zu tun versucht.
Zum Beispiel, was Ihre extravagante Kostümierung betrifft. Sie sollen hundert rote Brillen haben, stimmt das?

Oh, ja. Ich kann mich nicht mit einer Krawatte bescheiden, ich kann nicht nur ein Auto besitzen. Ich kann nichts nur ein Mal haben. Dass ich mich auf der Bühne so auffallend kleide, liegt wohl daran, dass ich als Kind konservativ angezogen wurde. Ich sage immer: Ich erlebte meine Teenager-Jahre erst, als ich von zuhause ausgezogen war und frei leben durfte. Als ich Elton John wurde.

Wie waren denn Ihre Eltern?
Meine Mutter kämpfte im Zweiten Weltkrieg. Sie war ein Flak-Mädchen, schoss in England mit einer Kanone auf deutsche Flieger. Sie erzählte mir, sie habe dabei jede Minute genossen. Sie war diszipliniert und unterstützte meine beruflichen Träume. Mein Vater war nicht so angetan davon, dass ich ein Rock-‘n‘-Roll-Musiker werden wollte. Nach dem Krieg waren die Zeiten hart in England. Das Essen war rationiert. Wir führten ein einfaches, konservatives Leben, bis Elvis Presley kam und die Welt veränderte. Und dann die „Beatles“ und die ganze musikalische Revolution und die Revolution der Gesellschaft. So unterstützte mich meine Mutter, mich zu meiner Homosexualität zu bekennen. Sie machte mir auch Mut, meinen musikalischen Träumen zu folgen.

Dabei erhielten Sie zu Beginn Ihrer Karriere einen gehörigen Dämpfer …
Ja, so lernte ich Bernie Taupin kennen, der für viele meiner Lieder den Text geschrieben hat. Ich spielte und sang in einer Band, mochte aber deren Musik nicht. Ich war schüchtern und zu dick. Eines Tages las ich eine Anzeige in einer Musikzeitschrift und ging zum angegebenen Büro. Ich sagte zu dem Typ hinterm Schreibtisch: „Ich kann singen und ich kann Texte schreiben.“ Er erwiderte: „Die Texte mache ich.“ Dann drückte er mir einen gelblichen Umschlag in die Hand und sagte: „Mach die Musik dazu.“ Dieser Typ war Bernie. Die Anzeige änderte mein Leben für immer. Wenn ich heute zurückschaue, frage ich mich, woher ich den Mut nahm, das Büro aufzusuchen. Heute schreibe ich immer noch Lieder für Bernie und er kümmert sich um die Lyrik.

Was hätten Sie gemacht, wenn Taupin Ihre Melodie nicht gefallen hätte?
Vielleicht wäre ich Verkäufer in einem Schallplattenladen geworden. Aber die aus der damaligen Zeit gibt es jetzt auch nicht mehr. Zum Glück kam es für mich anders. Es ist ja so, dass es ein paar Menschen gibt, die Musik und Texte schreiben können. Ich kann das nicht. Es ist ein Riesenspaß, Bernies wunderbare Lyrik in mein Studio zu tragen und sie zu vertonen.

Sie sind seit mehr als 50 Jahren im Geschäft und sind zuweilen recht hart zu sich selbst. Sie litten einmal unter einer Blinddarmentzündung und unternahmen dennoch 25 Flüge und spielten neun Shows.
Ich weiß auch nicht, wie ich das geschafft habe. Eigentlich müsste ich schon tot sein. Wenn mein Körper nicht so widerstandsfähig gewesen wäre, hätte ich damals eine Bauchfellentzündung bekommen und wäre vielleicht in einem Flugzeug gestorben. Nachdem das passiert war, redeten David und ich davon, nicht mehr zwölf Monate im Jahr zu arbeitern, sondern uns mehr um unsere beiden Kinder zu kümmern. Aber meine Arbeitswut ist meine Achillesverse. Leider bin ich immer noch arbeitswütig.

Dennoch haben Sie angekündigt, nicht mehr so viele Konzerte geben zu wollen.
Die Freude, dein Heim zu betreten, mit deiner Familie am Küchentisch zu sitzen und die Vertrautheit zu genießen, ist einmalig. Gleichgültig, wo ich auf der Welt unterwegs bin, ich freue mich stets darauf, nach Hause zu kommen.
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