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Ausgabe Nr. 26/2019 vom 25.06.2019, Fotos: picturedesk.com
Der amerikanische Kardinal Raymond Burke, 70, sorgt mit extremen Ansichten für Aufsehen
Papst Franziskus hat einen schweren Stand
Der Todesengel Gottes
Unter der Leitung des amerikanischen Kardinals Raymond Burke haben mehrere Bischöfe einen sogenannten „Wahrheitskatalog“ veröffentlicht, der die traditionelle Position der Kirche betont. Unter anderem verteidigen sie die Todesstrafe, die Papst Franziskus abschaffen möchte.
Du sollst nicht töten.“ Das fünfte Gebot des Alten Testaments ist eindeutig. Die Christen sollten sich daran halten. Doch selbst höchste Würdenträger finden es nicht verwerflich, ein Menschenleben auszulöschen. Angeführt vom amerikanischen Kardinal Raymond Burke, 70, hat eine kleine Gruppe von bischöflichen Mitstreitern vor Kurzem einen Text veröffentlicht, in dem sie die Todesstrafe befürworten.

Unter dem Titel „Erklärung der Wahrheiten in Bezug auf einige der häufigsten Irrtümer im Leben der Kirche unserer Zeit“ gibt es 39 weitere Punkte, wie sich der Kardinal und seine Befürworter das Christentum vorstellen. Ihnen zufolge ist etwa die Ehe eine „Göttliche Anordnung und durch das natürliche Sittengesetz eine unauflösliche Vereinigung von einem Mann und einer Frau“. Außerdem „sündigen zwei gleichgeschlechtliche Personen, die gegenseitige geschlechtliche Lust suchen, schwer“ und „homosexuelle Handlungen sind in keinem Fall zu billigen“.

Was in dem Dokument besonders heraussticht, ist aber die Haltung von Kardinal Burke zur Todesstrafe. In der Niederschrift steht zwar, dass es einer Frau strengstens untersagt werde, eine Abtreibung vorzunehmen, die Todesstrafe aber zulässig sei. Der Todesengel Gottes erklärt dies mit der berechtigten Einmischung der Kirche in die gesellschaftliche Ordnung. „Die Kirche hat sich nicht geirrt, wenn sie lehrte, dass die staatliche Gewalt die Todesstrafe an Übeltätern erlaubterweise anwenden kann, wo dies wirklich notwendig ist, um die Existenz oder die gerechte Ordnung von menschlichen Gesellschaften zu bewahren.“

Derzeit warten in amerikanischen Todeszellen etwa 2.800 Gefangene auf ihre Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl oder die Giftspritze. Im Vorjahr wurde das Urteil 25 Mal vollstreckt. In 30 der 50 Bundesstaaten gilt noch die Todesstrafe, in den anderen wurde sie abgeschafft. Präsident Donald Trump ist ebenfalls ein Befürworter der Todesstrafe und forderte sogar, sie öfter anzuwenden. Ungeachtet der Tatsache, dass vier von hundert zum Tode verurteilte Menschen aufgrund von Verfahrensmängeln unschuldig sind. Dies haben Ermittlungen von Menschenrechtsorganisationen immer wieder belegt.

An Kardinal Burke prallen derartige Informationen ab. Er stellt sich mit seiner Haltung auch gegen seinen „Vorgesetzten“, den Papst, der sich entschieden für die Abschaffung der Todesstrafe in der ganzen Welt einsetzt. Franziskus, 82, verbannte die Todesstrafe sogar aus dem
Katechismus, dem Handbuch der Unterweisung in den grundlegenden Fragen des römisch-katholischen Glaubens. Der im Jahr 1992 veröffentlichte Katechismus ist die verbindliche Richtlinie für alle Katholiken. In der alten Fassung hieß es noch, die Kirche schließe die Todesstrafe unter bestimmten Bedingungen nicht aus, wenn das der einzige Weg wäre, Menschen zu schützen.

In der vom Vatikan in Rom (Italien) veröffentlichten Änderung des Handbuches steht nun seit dem Jahr 2018, dass die Todesstrafe „unzulässig ist, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt“. Der aktualisierte Katechismus-Artikel führt aus, dass es heute „ein wachsendes Bewusstsein dafür gibt, dass die Würde des Menschen auch dann nicht verlorengeht, wenn jemand schwerste Verbrechen begangen hat“. Zudem gebe es inzwischen wirksamere Haftsysteme, die sowohl die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger garantierten als auch eine Besserung von Täterinnen und Tätern erlaubten, heißt es aus dem Vatikan.

Raymond Burke gilt dort jedoch als konservativer Gegenspieler des Heiligen Vaters. Der Amerikaner ist in fast allen Punkten anderer Meinung. Ein erzkonservativer Mann, der unter den Vorgängern von Franziskus Karriere gemacht hat. Zunächst wurde Burke Erzbischof von St. Louis, Papst Benedikt XVI. beförderte ihn dann im Jahr 2008 zum Präfekten der Apostolischen Signatur, der obersten Gerichtsbarkeit der katholischen Kirche.

Im Konklave (die Versammlung der wahlberechtigten Kardinäle der römisch-katholischen Kirche zur Wahl des Bischofs von Rom) nach Benedikts Abdankung galt Burke sogar als „Papabile“, als Anwärter auf das höchste Amt. Das Kollegium aber wählte im Jahr 2013 nicht Burke, sondern den Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum neuen Oberhaupt. Seitdem intrigiert Raymond Burke gegen Franziskus, wo er nur kann, kritisierte ihn schon 2016 einmal öffentlich, weil sich das Kirchen-Oberhaupt für die Scheidung aussprach – und zwar in Fällen, in denen es unvermeidlich und moralisch notwendig ist.

Kirchenintern ist der 70jährige amerikanische Würdenträger höchst umstritten. „Kardinal Burke ist ein rechthaberischer Typ und gegen jegliche Modernisierung der Kirche. Demokratie und Menschenrechte gehören in der heutigen Zeit dazu und deshalb hat auch die Todesstrafe auf dieser Welt nichts zu suchen“, meint Hans-Peter Premur, 57, Pfarrer von Krumpendorf in Kärnten. Er hat das Buch „Deine Kirche – Meine Kirche“ geschrieben, in dem er sich mit den Problemen der Kirche auseinandersetzt. Davon gibt es ohnedies genug. „Ich wünsche mir, dass Frauen zur Priesterweihe zugelassen werden und das Zölibat gehört auch geändert. Die Kirche muss modernisiert und zukunftsfähig gemacht werden“, ist Premur überzeugt.

Dass die Menschen in unserem Land mit der Amtskirche derzeit nicht zufrieden sind, belegen die Kirchenaustritte, die im Jahr 2018 gegenüber dem Jahr davor um 8,7 Prozent gestiegen sind. Insgesamt traten fast 58.400 Personen aus der katholischen Kirche aus. Im Jahr 2017 waren es knapp 53.700. Derzeit gibt es noch 5,05 Millionen Katholiken in unserem Land.

Darunter der „singende Pfarrer“ Franz Brei, 50, der schon recht erfolgreich zwei religiöse Volksmusik-Alben veröffentlicht hat. Derzeit ist er als Dekan für das Mittelburgenland zuständig. Auch er kann über die Aussagen von Kardinal Burke nur den Kopf schütteln. „Ich bin ein Gegner der Todesstrafe. Niemand hat das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen.“
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