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Ausgabe Nr. 25/2019 vom 17.06.2019, Fotos: Toppress
Elfriede Ott strebte nach großen, klassischen Rollen. Es kam anders.
Mit Adoptivsohn Goran David.
Sie wollte gar nicht lustig sein
Nichts anderes als Schauspielerin wollte die in Wien geborene Elfriede Ott werden. Obwohl sie jahrzehntelang unter schlimmen Migräneanfällen litt, auch auf der Bühne, wurde sie zum Publikumsliebling, weil sie die Massen zum Lachen brachte. Am vergangenen Mittwoch starb die Künstlerin nun im Alter von 94 Jahren. Sie wird im Ehrengrab ihres zweiten Mannes beerdigt.
Die Beine haben ihr den Dienst versagt. Operationen an beiden Knien brachten keine Besserung. Deshalb musste Elfriede Ott die Schauspielerei schon vor Jahren aufgeben. Das ließ sie verzweifeln. Nur bei ihren Tieren fand sie etwas Trost. Unter anderem beim Perserkater namens „Nicolaus“, den sie auch immer wieder gerne malte.

Freilich, das Theater konnten auch die geliebten Vierbeiner nicht ersetzen. „Der Abschied tut mir weh“, sagte Ott einmal. Am Freitag, dem 28. Juni, wird eine große Theatergemeinde nun von ihr Abschied nehmen. Denn Elfriede Ott starb einen Tag nach ihrem 94. Geburtstag am 12. Juni und wird Ende des Monats am Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Im Ehrengrab ihres zweiten Mannes Hans Weigel.

Ans Theater wollte Elfriede Ott schon immer. Der Mutter hat dieser Wunsch der Tochter gefallen, weil sie es selbst nicht geschafft hatte. Der Vater, ein Uhrmacher, war dagegen. „Er hatte Angst, dass ich über ein Mittelmaß nicht hinauskommen würde, und davor wollte er mich bewahren“, berichtet Elfriede Ott in ihrer Lebenserzählung „Ich hätte mitschreiben sollen“ (Verlag Styria). Ott, die am 11. Juni 1925 in Wien zur Welt kam, lebte mit ihren Eltern und dem vier Jahre älteren Bruder Walter, er wurde im Zweiten Weltkrieg getötet, in der Innenstadt Am Hof. „Meine Kindheit war glücklich. Ich litt keine Entbehrungen, ich fühlte mich behütet und beschützt. Mit Papa waren immer Mutproben zu bestehen. Alles, was er mit mir unternahm, war Abenteuer. Wir durchwanderten Höhlen und schwammen in der Donau, unsere Kleider waren auf Autoreifen gebunden“, heißt es in Otts Erzählungen. Der Vater war ihr Held, ihr Liebling. Dass sie seinen Tod verschuldete, machte ihr das ganze Leben über zu schaffen. Immer war sie auf der Suche nach einer Vaterfigur – auch in der Liebe.

Dabei hätte alles besser werden sollen. Nach dem Tod des Bruders war die Mutter in eine schwere Krise gestürzt. Der Vater wollte sie herausholen und plante eine Erholungsreise. In den Erinnerungen von Elfriede Ott heißt es: „Wir fahren auf Urlaub. Da geschieht das Fürchterliche. Und ich bin die Ursache. Wegen mir ist es passiert. Ich höre noch Papas Stimme: ,Zieh nicht diese blöden Holzschuhe an. Nur weil es modern ist, musst du sie auf der Reise anziehen.‘ Warum habe ich nicht auf ihn gehört. Mit ihnen bin ich im Geleise stecken geblieben. Ich stürzte, der Gegenzug kam, mein Vater riss mich von den Schienen, wurde selbst vom Zug erfasst. Tot. Ich fuhr allein mit meiner Mutter mit dem nächsten Zug zurück.“

Ott fühlte sich innerlich leer. Nur der Wunsch, Schauspielerin zu werden, trieb sie voran. Die Mutter unterstützte sie dabei. Die Bindung zwischen den beiden verfestigte sich. Und dann gab es noch den kleinen Langhaardackel „Gucki“, der das Leben von Elfriede Ott bereicherte. Die Liebe zu Hunden blieb ihr ganzes Leben lang erhalten.

Mit 19 Jahren war es schließlich soweit. Das erste Engagement, der erste Vertrag am Burgtheater im Stück „Liliom“. Weitere klassische Werke folgten. „Die Recha im ,Nathan‘, die Hermia im ,Sommernachtstraum‘ und die Melitta in der ,Sappho‘.“ Dann kam es zu einer Radioaufnahme, bei der sie Ernst Waldbrunn kennenlernte. „Ernst hat was Witziges zu mir gesagt, ich hab was Witziges geantwortet. Wir haben miteinander gelacht. Er hat mich nachher begleitet – am Graben hatte ein Hund etwas liegen gelassen – ich hab ihm einen kleinen Schubs gegeben, er ist hineingetreten – das war, glaube ich, der Moment, in dem er sich entschieden hat, mich zu heiraten. Aus lustig ist Liebe geworden.“ Die Ehe hielt 14 Jahre und war ein Auf und Ab. Zwischen Heiterkeit und Schmerz, denn so genial Waldbrunn auf der Bühne war, er hatte einen schlimmen Feind, den Alkohol. In der Zeit ihrer Ehe wurden ihre Auftritte immer seltener, die Schauspielerin schreibt in ihren Erinnerungen, dass sie von Selbstzweifeln darüber geplagt wurde, möglicherweise die falsche Berufswahl getroffen zu haben. „Jahre des Tiefs. Dann erhielt ich ein Angebot aus Hamburg (D) für Fernsehaufnahmen. Es ging beruflich wieder bergauf. Ensemblemitglied in der Josefstadt, ein Stück nach dem anderen. Doch mein privates Tief blieb. Bis es plötzlich einen Lichtblick gab. Ein Freund von Ernst. Der von uns allen gefürchtete Kritiker Hans Weigel. Er hat mich heraus- und heraufgezogen. Zu den Dichtern, den Literaten, der Musik. Alles, wonach ich mich gesehnt habe, hatte ich plötzlich. Der Vater war da.“

Ott trennte sich von Waldbrunn und ging eine dauerhafte Beziehung mit Weigel ein, den sie aber erst im Jänner 1991 heiratete. Nur wenige Monate vor seinem Tod. Er war ihr stets ein guter Ratgeber, überredete sie zu Rollen, die ihrer Karriere zuträglich waren. Selbst wenn sie dafür nur die halbe Gage bekam. In ihrem Beruf war Ott ohnedies eine Zerrissene. „Als junge Schauspielerin habe ich darunter gelitten, dass meine Mutter immer wieder zu mir gesagt hat: ,Du musst in deinen Rollen immer lächeln, da bist du hübsch.‘ Oh,

wie ich mich dagegen gewehrt habe. Ich möchte auf der Bühne den Schmerz ausdrücken, das Dramatische darstellen. Ich wollte nicht lustig sein. Aber nur das Heitere, Lachenmachende wurde von mir verlangt.“

Darin verstand sich die später mit den Titeln „Professorin“ und „Kammerschauspielerin“ geehrte Wienerin vortrefflich. Unter anderem in dem in der Josefstadt aufgeführten Stück „Der Mustergatte“ an der Seite von Alfred Böhm, dem Ober Alfred aus der Fernseh-Serie „Seniorenklub“.“

Obwohl auf der Bühne zu Hause, hat Ott selbst hin und wieder im Fernsehen mitgewirkt. Von 1980 bis 1983 etwa in der Serie „Die liebe Familie“ in 243 Episoden. Zuletzt im vielbeachteten Kinowerk „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ aus dem Jahr 2010.

Dass sie mehr als 30 Jahre lang unter schrecklichen Migräne-Anfällen gelitten hat, blieb dem Publikum stets verborgen. „Aus nichts heraus“, schrieb Ott in ihren Memoiren, „nahm ich plötzlich nur noch das halbe Gesicht meines Gegenübers wahr. Ich spürte ein Zacken, Wellen, Unwirklichkeitsgefühle, dann Kopfschmerz, dann Erschöpfung, langsames Abklingen und einige Tage davon gezeichnet. Und es überfällt mich: im Gespräch, auf der Bühne, im Fernsehstudio, im Urlaub, im Schlaf, auf der Probe – mit nichts zu verhindern, mit nichts zu behandeln. Unerforscht. Heute weiß ich, dass meine Heiterkeit mit unendlichen körperlichen Schwierigkeiten gepflastert war, die durch ständigen Druck ausgelöst wurden. So oft sagen Menschen zu mir: ,Ach, im Alter muss man mit so vielen Krankheiten fertig werden.‘ Ich habe das alles in der Jugend durchlebt, die Gallensteine, die Nierensteine, die Mittelohrentzündungen, die Blasenentzündungen, vor jeder Premiere Halsschmerzen und und und. Mein Nervensystem hat das wahrscheinlich empfohlen. Aber es hat sich gelohnt. Diese Tausenden von Lachern, die ich erzeugen durfte, hatten halt ihren Preis. So musste ich durch Schmerzhaftes durch, um anderen Menschen das zu verschaffen, was kein Arzt verschreiben kann: herzlich zu lachen.“

Zu diesen Schmerzen gehört zweifellos das Loslassen von ihrem zweiten Mann Hans Weigel. „Und dann kommt der Tag der Trennung, den man fast bewusstlos erlebt, wo ein schwarzer Wagen vor der Tür steht, dann wegfährt – und man unvorstellbar verlassen zurückbleibt.“ Und doch wusste sie sich über den Tod ihres Mannes hinaus von ihm geleitet. Das war ihr Trost.

Auch, dass sie in Goran David einen Adoptivsohn fand, der ihr die Familie vervollständigte. Wie es ebenso ihre geliebten Vierbeiner taten. Die ihr eine nie vorgetäuschte Liebe entgegenbrachten. Etwas, zu dem Menschen nicht fähig sind, davon war Elfriede Ott überzeugt. „Kein Tier würde einem absichtlich etwas antun. Sein Verhalten hat immer einen Sinn. Wenn ich ihn auch im Moment nicht ganz durchschaue. Tiere strahlen aus. Sie beschützen. Erzeugen Atmosphäre. Wenn ich meine spielenden Hunde beobachte, vergesse ich alles. Beim Spazieren mit meinen Hunden treffen wir viele Artgenossen. Da sind oft zehn oder zwölf, die sich miteinander unterhalten. Winzige Zwergerln oder große, stolze. Wilde, sanfte. Was für ein Frieden könnte
auf der Welt sein. Es ist alles so selbstverständlich. Nur die Menschen dürfen sich nicht einmischen. Ich bedanke mich für ihre Gegenwart.“

Eine Daseinsphase, mit der die Künstlerin selbst zum Schluss keine rechte Freude mehr hatte. „Ich merkte es an meinen Theater-Schülern. Ich glaube, sie wussten gar nicht, wer ich war. Sie hatten keine Ahnung, welche großartigen Schauspieler dieses Land hervorgebracht hat. Aber vielleicht erinnern sich noch welche an mich, die mich schon vergessen haben.“
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