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Ausgabe Nr. 25/2019 vom 17.06.2019, Fotos: picturedesk.com, SOS-Archiv
Hermann Gmeiner gründete vor 70 Jahren die SOS-Kinderdörfer
Umringt von „seinen“ Kindern
„Reds nit, tuats was“
Hermann Gmeiner, am 23. Juni vor 100 Jahren als Bergbauernbub geboren, war zeit seines Lebens vom Gedanken beseelt, schutzlosen Kindern nicht mit Worten, sondern mit Taten zu helfen.
Verschwindet von hier. Hier gibt‘s nichts zu sehen“, brüllte ein Soldat die Bewohner des russischen Dorfes Makharow an. Dort wurden am 28. April 1943 deutsche Gefangene zur Erschießung geführt. Ein Leutnant entkam dem Tötungskommando wie durch ein Wunder. Es war der gellende Angstschrei eines Kindes und die unmittelbar darauf einschlagenden Granaten, die Hermann Gmeiner das Leben retteten, obwohl er schwer verwundet wurde. Damals schwor er, für diese Rettung sein Leben lang dankbar zu sein und sein ganzes Tun den Kindern dieser Welt zu widmen.

„Hermann hat den Albtraum des Zweiten Weltkrieges überlebt. Darüber hinaus hat er früh seine Mutter verloren. Was er selbst als Kind und am Schicksal der Kinder im Krieg erlebte, erzeugte in ihm einen tiefen Glauben an die Mitverantwortung“, erzählt Helmut Kutin, 77, einer der engsten Freunde des SOS-Kinderdorf-Gründers Hermann Gmeiner (Bild unten).

Am 23. Juni 1919 als sechstes Kind einer Bergbauernfamilie in Alberschwende (V) geboren, hatte Gmeiner vier Brüder und vier Schwestern. Nach der Geburt des neunten Kindes starb die Mutter. Der Vater arbeitete schwer und bewirtschaftete sechs Hektar Bergwald sowie Bergwiesen, hielt Kühe und hatte Pferde für den Holztransport.

Der „kleine Hermann“ litt darunter, ohne mütterliche Fürsorge aufzuwachsen. „Die Mutter war die Seele unseres Hauses. Sie war immer lieb, verzeihend und gütig“, bedauerte er den Verlust der Mutter. Das erklärt, warum der Kinderdorf-Gründer überzeugt war, dass es nichts Besseres gebe, als einem verwaisten Kind eine Mutter, Geschwister, ein Haus und ein Dorf zu geben. Schließlich wurden „Mutter“, „Geschwister“ und „Dorf“ zu den tragenden Säulen seiner Idee.

Helmut Kutin lernte den Kinderdorf-Vater Gmeiner kennen, als er zwölf Jahre alt war. „Nach dem Tod meiner Mutter kam ich ins SOS-Kinderdorf Imst (T). Als Erstes wollte er mein Schulzeugnis sehen. Das war in Italienisch verfasst, da ich in Südtirol aufgewachsen bin. Gmeiner übersetzte den Text ins Deutsche und unterschrieb das Zeugnis, das ich noch immer habe“, schmunzelt der 77jährige. Kutin, der von 1985 bis 2012 der Präsident von SOS-Kinderdorf war, beschreibt seinen „Vater, Mentor und Freund“ als herzensgütigen Menschen. „Aber wenn es sein musste, konnte er schon mit der Faust auf den Tisch hauen. Da war er ganz der Vorarlberger Bauernsohn“, beschreibt Kutin ihn als „Rädelsführer-Typ“. „Reds nit, tuats was“, einer seiner Lieblingssprüche, wurde zum „Motor“ für die Kinderdorf-Arbeit. „Gmeiner trug seine Vision nicht nur im Geiste, er verwirklichte sie“, nennt Kutin den 1986 an Krebs verstorbenen Gmeiner einen „Pragmatiker“, der am 25. April 1949 das SOS-Kinderdorf gründete. Da er selbst nur 600 Schilling zur Verfügung hatte und von der öffentlichen Hand kein Geld bekam, bat er die Bevölkerung um Unterstützung. 15.000 Menschen steuerten monatlich einen Schilling, also ca. 70 Cent, bei. 70 Jahre später unterstützen sechs Millionen Menschen den Verein.

Hermann Gmeiners großes soziales Erbe ist in 135 Ländern auf allen Kontinenten vertreten. Derzeit gibt es 572 SOS-Kinderdörfer, hierzulande werden in 14 Kinderdörfern mit Standorten in allen Bundesländern 1.800 Kinder und Jugendliche betreut.
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