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Ausgabe Nr. 24/2019 vom 11.06.2019, Foto: NABU/Hapke
Ein Kreuzfahrtschiff produziert täglich so viel Schadstoffe wie fünf Millionen Autos.
UMWELTSÜNDER
auf hoher See
Sie sind bis zu 360 Meter lang, 70 Meter oder 18 Decks hoch und beherbergen inklusive der Besatzung bis zu 8.000 Personen. Reisen auf Kreuzfahrtschiffen sind mit jährlich knapp 30 Millionen Passagieren beliebter denn je. Die Belastung für das Klima ist angesichts des Schadstoffausstoßes jedoch enorm. Für umweltbewusste Urlauber gibt es aber Alternativen.
Kreuzfahrten liegen im Trend. Ob sich die Passagiere für türkisfarbenes Meer und Palmen in der Karibik oder atemberaubende Fjorde im hohen Norden entscheiden, die Passagierzahlen klettern seit Jahren in die Höhe, während die Preise sinken. Wer auf Angebote achtet, reist eine Woche lang schon um weniger als 500 Euro.

Allein im Jahr 2018 wurden weltweit rund 28,5 Millionen Kreuzfahrten gebucht, um sieben Prozent mehr als im Jahr davor. Auch 160.000 Menschen aus unserem Land frönten dem Luxus auf hoher See, denn die Riesenkreuzer bieten Unterhaltung rund um die Uhr.

Die Umweltbilanz der rund 300 Schiffsgiganten, die bis zu 360 Meter lang sind, fällt allerdings desaströs aus, wie der Verkehrsexperte Sönke Diesener vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) erklärt. „Wie Containerschiffe fahren sie mit giftigem Schweröl als Kraftstoff, einem umwelt- und gesundheitsschädlichen Abfallprodukt der Erdölraffinerie, das an Land verboten ist.“

Die Folgen sind verheerend. „Auch moderne Schiffe blasen täglich rund 7.500 Kilo Schwefeldioxid, 5.200 Kilo Stickoxide und 450 Kilo Rußpartikel in die Luft. Ein einziges Schiff emittiert so viele Schadstoffe wie fünf Millionen Personenkraftwagen“, erklärt Diesener. Zudem entsteht durch eine einwöchige Luxuskreuzfahrt ein CO2-Ausstoß pro Passagier von rund 3.300 Kilo. Das ist eineinhalb Mal so viel, wie ein Pkw auf einer Strecke von 12.000 Kilometern ausstößt. Umweltaktivisten haben am Wochenende im Kieler (D) Hafen gegen die schwimmenden Klimasünder mobil gemacht und das Kreuzfahrtschiff „Zuiderdam“ sechs Stunden lang am Auslaufen gehindert. Über die Internet-Plattform Twitter ließen sie wissen: „Kreuzfahrtschiffe tragen zur Erhitzung des Planeten bei. Durch Rußpartikel, die sich auf Eisbergen in der Arktis absetzen, schmilzt das Eis dort noch schneller.“

Eine Entlastung, zumindest was die stark umweltschädlichen Schwefeldioxide betrifft, sollen die im nächsten Jahr in Kraft tretenden verschärften Umwelt-Grenzwerte auf See bringen. Bislang dürfen Schiffe Schweröl mit höchstens 3,5 Prozent Schwefel verfeuern, ab 2020 sinkt dieser Wert auf 0,5 Prozent. In Schutzgebieten wie der Nord- und Ostsee darf schon seit Jahren nur noch der stark schwefelreduzierte Marinediesel (MDO) verwendet werden, der allerdings deutlich teuer als Schweröl ist und den Reedereien höhere Kosten verursacht.

Es ist aber weiterhin erlaubt, hochschwefelige Treibstoffe zu verwenden und das Schwefeldioxid mit speziellen Reinigungsanlagen aus dem Abgas zu waschen. Das dadurch entstehende Waschwasser gelangt oft mit anderen Abwässern ins Meer.

Eine umweltfreundlichere Treibstoff-Alternative stellt Flüssiggas (LNG) dar. Allerdings ist bis jetzt nur die im Vorjahr vom Stapel gelaufene AIDAnova als einziges Kreuzfahrtschiff auf diese Antriebsform ausgelegt. „Luftschadstoffe wie Schwefel- oder Stick-oxide können durch Flüssiggas stark reduziert werden“, erklärt Diesener. Doch es handle sich ebenfalls um einen fossilen Kraftstoff. Das Ziel der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO), die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 zu halbieren, sei mit Flüssiggas nicht erreichbar.

Die derzeitigen Schiffsabgase gehen nicht nur zu Lasten der Umwelt, sondern stellen auch für unsere Gesundheit eine Belastung dar. „Messungen an Bord von Schiffen haben gezeigt, dass die Konzentration von ultrafeinen Partikeln rund 200 Mal so hoch ist wie in natürlicher Umgebungsluft“, erklärt Diesener. Zudem kommen die Schiffe besiedelten Gebieten nahe, beziehungsweise legen in der Nähe von Stadtzentren an. Betroffen davon ist etwa die italienische Lagunenstadt Venedig, wo 2018 mit rund 500 Kreuzfahrtschiffen eineinhalb Millionen Touristen ankamen, was für die Stadt mit ihren schmalen Gassen eine enorme Belastung darstellte. Zudem wird der hohe Wellengang der Schiffe mitverantwortlich dafür gemacht, dass die berühmte Altstadt jährlich um bis zu einem Zentimeter absackt. Zuletzt befeuerte ein Zusammenstoß eines Kreuzfahrtschiffes mit einem kleineren Passagierschiff die Diskussion, die Kolosse aus der Lagunenstadt zu verbannen.

Auch die kroatische Stadt Dubrovnik, die als Perle der Adria gilt, leidet als Kreuzfahrtdestination unter dem Massentourismus. Zumal der Ort selbst finanziell von den Besucherströmen kaum profitiert, weil die Kreuzfahrtveranstalter eigene Busse inklusive Verpflegung vor Ort für ihre Passagiere organisieren. Nicht zuletzt leidet auch Hamburg (D) unter den Kreuzfahrtschiffen. Damit die Schiffsgiganten im Hafen der Stadt nicht mehr ihre Motoren anwerfen, um den enormen Stromverbrauch für ihren Hotelbetrieb selbst zu produzieren, ließ die Stadt eine zehn Millionen Euro teure Landstromanlage bauen, um die Schiffe mit Strom zu versorgen. „Sie wird allerdings kaum genutzt, weil der Landstrom den Reedereien rund drei Mal so teuer kommt als der mit Schweröl selbst produzierte Strom, weswegen die Schiffe im Hafen erst recht ihre Motoren anwerfen und die Luft verpesten. Die Abgase der Schiffsgiganten gelangen bis ins Landesinnere“, sagt Norbert Hackbusch (Die Linke).

Vorreiter beim Landstrom ist Norwegen, weil die traditionelle Schiffslinie des Landes, Hurtigruten, derartige Anlagen nutzt. Norwegen will mit Schweröl betriebene Schiffe ab 2026 komplett aus seinen als Ausflugsziele begehrten Fjorden verbannen. Bereits ab nächstem Jahr werden die Schadstoffgrenzen für die dort verkehrenden Schiffe gesenkt. Zudem stellt Hurtigruten Boote auf Hybrid-
antrieb um. „Sie fahren sowohl mit Flüssiggas als auch mit Akkubetrieb“, sagt die Hurtigruten-Sprecherin Anne Karstens.

Für Diesener ist das ein Schritt in die richtige Richtung, „denn wenn die Branche eine Zukunft haben will, muss sie mit Hochdruck an emissionsfreien Antrieben arbeiten.“ Derzeit sei die Schifffahrt mit unseren Klimazielen aber noch nicht vereinbar. rb
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