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Ausgabe Nr. 24/2019 vom 11.06.2019, Foto: Getty Images
YouTuber wie „Rezo“, im Bild, machen in
Deutschland Politik
Die Generation YouTube
Es gibt eine Bildschirmwelt, in die sich Menschen jenseits der 30 seltener verirren. Es ist die der YouTuber, die auf der Plattform Schminktipps geben, singen oder auch politische Reden halten. Das hat sogar Einfluss auf Wahlergebnisse.
Der 13jährige Leo schaut selten fern. Manchmal setzt er sich zu seinen Eltern, wenn sie Nachrichten oder einen Film sehen. Doch ansonsten schaut er Kurzfilme auf der Videoplattform YouTube im Internet. Er weiß ganz genau, wer der Schwede „PewDiePie“ ist, dessen Videos regelmäßig Millionen-Aufrufe haben, oder „Dagi Bee“, die vor allem durch Kosmetik- und Mode-Videos bekannt geworden ist. Und natürlich kennt er auch „Rezo“.

Der 26jährige Deutsche mit der blauen Haartolle hat eine Woche vor der EU-Wahl einen 55 Minuten langen Verriss der Merkel-Partei, die „Zerstörung der CDU“, auf die Kurzfilm-Plattform gestellt. Zerstören heißt im YouTube-Jargon so viel wie jemanden argumentativ zerlegen.

Mehr als 14 Millionen Mal wurde das Video angeklickt, in dem er unter anderem anprangert, dass die CDU und ihre bayerische Schwester CSU Politik für die Reichen machen und zu wenig gegen die Erderwärmung tun.

Kurz vor der EU-Wahl haben Dutzende bekannte YouTuber noch einmal zugeschlagen. In einem Video prangerten sie die Klimapolitik an und riefen dazu auf, CDU, CSU, SPD und AfD nicht zu wählen. Sie wollten „dafür sorgen, dass Parteien einen Anreiz haben, im Sinne der Wissenschaft zu handeln. Und der offensichtliche Anreiz, den wir schaffen können, ist, dass sie bei den Wahlen Stimmen verlieren“.

YouTuber, „das sind Menschen, denen es um Aufmerksamkeit geht, weil sie wissen, je mehr Aufmerksamkeit jemand in unserer Gesellschaft hat, desto mehr kann er damit verdienen“, erklärt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. „Ein YouTuber verkauft seine eigene Persönlichkeit, um damit Geld zu machen.“ Sie sprechen meist Jugendliche an, auch wenn insgesamt alle Generationen die Video-Plattform nutzen, aber unterschiedlich.

YouTube ist nicht nur ein Kurzfilm-Portal, sondern auch die zweitgrößte Suchmaschine der Welt. Sie gehört zum Internetriesen Google. Jedes Monat gibt es mehr als
1,9 Milliarden angemeldete Nutzer auf der Plattform. Mit Videos und eigenen Kanälen lässt sich Geld machen. Mit Werbung, Produktplatzierungen oder Firmenkooperationen.

In den YouTuber-Kurzfilmen geht es um Schminktipps, die Zuseher können Videospielern zuschauen, andere setzen auf Lustiges, erzählen aus ihrem Leben oder werden politisch. Auch in unserem Land gibt es bekannte YouTuber, doch in Deutschland wird deutlich mehr Geld in die Szene investiert.

YouTuber sprechen die jungen Menschen an, „weil sie ein für sie praktisches relevantes Wissen vermitteln, Informationen weitergeben und weil sie es in einem Stil machen, der zu dieser Zielgruppe passt“, weiß Heinzlmaier, der Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung. Die Jungen wollen keinen Armin Wolf im Anzug sehen, sondern jemanden, der wie sie ist.

Doch das „Zerstörungs-Video“ über die CDU hat nicht nur die Jugendlichen erreicht. In den Zeitungen wurde tagelang darüber und über die Reaktion der Regierungsparteien berichtet. Manche Beobachter stellten gar einen Generationenkonflikt fest. Zumal „Rezo“, der nur unter seinem Künstlernamen firmiert, zu seinem Video geschrieben hat: „Geht wählen am nächsten Wochenende. Sonst entscheiden Rentner über eure Zukunft, geil ist das nicht.“

Doch Jung und Alt unterscheiden sich nicht so sehr bei den Themen, sondern vor allem im Kommunikationsstil, weiß der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. „Sie reden in einer anderen Form über diese Sachen. Ich glaube, dass es eher eine Kluft zwischen oben und unten gibt. Diese YouTuber, die hier reden, sind alle Angehörige der Oberschicht oder der oberen Mittelschicht. Das sind Kinder aus guten Familien, die exponieren sich jetzt und machen ganz unverhohlen Werbung für die Grünen.“

„Rezo“ selbst sagt nicht, wen er gewählt hat. Er wisse nicht, meinte er vor Kurzem, ob er die Menschen beeinflussen möchte, eine bestimmte Partei zu wählen.

Laut Experten hat es einen „Rezo-Effekt“ bei der deutschen EU-Wahl gegeben, auch wenn der Pfarrerssohn das bestreitet. Und zwar bei den Jungen bis 29 Jahren, die häufiger Grün gewählt haben.

„Rezo“, der zuvor etwa Musik-Videos ins Netz gestellt hat, macht für die Schlappe der Regierungsparteien aber unter anderem die „vielen Politiker“ verantwortlich, ,,die in Netzthemen und Klima einfach keinen guten Job gemacht haben“, erklärte er auf dem Kurznachrichtendienst
Twitter.

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier ist dennoch überzeugt: „Die Menschen, die sich hier äußern, haben vor allem kommerzielle Motive. Wir reden nicht von den großen Idealisten, sondern wir reden von Werbetreibenden.“ Bei seinem CDU-Video habe er die Werbung ausgeschaltet, erzählte „Rezo“ jüngst. Mit Werbung hätte er eine „fünfstellige Summe“ verdient.
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