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Ausgabe Nr. 21/2019 vom 21.05.2019, Foto: picturedesk.com
Naomi Osaka
Die geklonte Siegerin
Naomi Osaka, 21, spricht nicht mehr als zehn Sätze am Tag, trinkt niemals Alkohol und hatte noch nie eine Liebesbeziehung. Kein Wunder, denn die erste japanische Nummer eins der Tenniswelt wurde von ihrem Vater seit ihrem Babyalter rigoros zum Champion geformt. Das Konzept, um aus ihr einen Serena-Williams-Klon zu machen, schrieb er vor ihrer Geburt.
Der eigene Sproß als Sportmillionär, für manche Eltern ist das ein lebenslanger Traum. Doch Leonard Francois, Vater des Tennis-Asses Naomi Osaka, 21, setzte ihn um. „Im Jahr 1997 faszinierte mich ein Fernsehbericht, wie Serena und Venus Williams‘ Vater aus den Schwestern Tennis-Champions geformt hatte, so sehr, dass ich beschloss, sein System zu kopieren“, erzählt der in Haiti geborene Amerikaner. „Anfangs hielten mich die Menschen für verrückt, weil ich mit einem Schild ‚Ich habe die künftige Nummer eins‘ herumging, noch bevor Naomi geboren wurde.“ Zusätzlich lag ein von ihm selbstgeschriebenes 70-seitiges Karrierekonzept fertig auf seinem Tisch.

Was danach folgte, war die kompromisslose Durchsetzung dieses Konzeptes. Bald zog die Familie von Japan nach Florida (USA), wo auch die Williams-Schwestern aufgewachsen sind. Naomi und ihrer zwei Jahre älteren Schwester Mari wurde ein Tennisschläger in die Hand gedrückt und der Vater, ein Hobbyspieler, trainierte beide stundenlang täglich anhand von Büchern und DVDs. „Mir machte das damals keinen Spaß“, erinnert sich die berühmte Tochter zurück. Exakt nach dem Williams-Vorbild wurde vor allem auf Sandplätzen geübt und den Kindern eine beidhändige Rückhand beigebracht. Wie Serena und Venus erhielten auch Naomi und Mari Privatunterricht, schließlich wurde sogar der ehemalige Serena-Williams-Trainer Sascha Bajin angeheuert.

Mit Erfolg, während es Mari zwar nur bis auf Platz 338 der Weltrangliste schaffte, erstürmte ihre Schwester Naomi den Tennisthron. Als 19jährige schlug sie die Wimbledonsiegerin Angelique Kerber, mit 20 gewann sie die US Open, mit 21 die Australian Open und am 28. Jänner 2019 übernahm sie als erste Japanerin die Spitze der Weltrangliste. Zuletzt plagte sie allerdings eine schmerzhafte Verletzung an der rechten Schlaghand, wenn sie diese in den Griff bekommt, will sie ab kommender Woche in Paris (F) ihr drittes Grand-Slam-Turnier in Serie gewinnen.

So begeistert die Tennisszene von Osakas einzigartiger Laufbahn ist, so auffallend waren zuletzt auch gravierende soziale Defizite bei der Sportlerin, die auf eine verpasste Kindheit hinweisen. „Ich spreche normalerweise nicht mehr als zehn Sätze am Tag“, sagt Osaka über sich selbst. „Oft setze ich die Kopfhörer ohne Musik auf, weil ich von nimandem angesprochen werden will.“ Aber auch Alkohol und Liebesbeziehungen erklärte sie noch vor einem halben Jahr zum unentdeckten Neuland für sich, zuletzt soll sie immerhin mit dem US-Rapper YBN Cordae geflirtet haben. Große Gefühle sucht der Anhänger ebenfalls vergeblich bei ihr, selbst nach dem US-Open-Sieg über ihr größtes Idol Serena Williams blieb ihre Miene wie versteinert. „Nach manchem Sieg habe ich mich selbst schon gefragt, ob irgendetwas nicht mit mir stimmt, weil ich mich so wenig freuen konnte“, gibt sie zu. „Manchmal lächelte ich in die Kamera, weil mir gesagt wurde, ich soll lächeln. Aber es war ein Roboterlachen.“

Abseits ihrer stockenden Heranreifung zur Frau brachten Osaka die jüngsten Erfolge freilich Berühmtheit im Blitztempo und das Geld einer mit Millionen lockenden japanischen Werbeindustrie. „Danke, dass du ganz Japan deine Energie und Inspiration geschenkt hast“, überschüttete sie der japanische Premierminister Shinzo Abe mit Dank. Wissend, dass die in der gleichnamigen Stadt Osaka (Japan) geborene Naomi seit dem dritten Lebensjahr in den USA lebt, nur gebrochen Japanisch spricht und mit dem größten Teil ihrer Familie in Japan auf
Kriegsfuß steht. „Das sind leider die Folgen meiner Liebe zu einem farbigen Amerikaner“, beklagt Mutter Tamaki die angespannte Situation. „Mit meiner eigenwilligen Partnerwahl brachte ich in den Augen meines Vaters Schande über die Familie“, berichtet sie, viele Verwandte betrachten die Mutter und ihre Familie seither als Ausgestoßene. Deswegen findet sich auch die junge Tennisheldin heute ein wenig zwischen den Kulturen der USA, Japans und Haiti wieder, ohne einen rechten Platz zu haben. „Ich kleide mich zu wild für Amerika, aber zu angepasst für Japan“, behauptet sie. Allerdings nennt Naomi Osaka trotzdem Sushi als ihre Leibspeise, will weiterhin für Japan spielen und behielt auch den japanischen Nachnamen ihrer Mutter. „Weil es praktischer ist“, behauptet sie.
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