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Ausgabe Nr. 21/2019 vom 21.05.2019, Foto: vegefox.com/AdobeStock
„Rutschig“, „leer“ oder „weich“ – In der TCM gibt es bis zu 30 krankhafte Pulse
Wie‘s uns geht, sagt der Puls
Sie ist eine der ältesten Untersuchungsmethoden und eine Kunst, die lange geübt sein will. Das Interpretieren des Pulsschlages durch Ertasten. Während mit der Puls-Diagnose in der westlichen Medizin schnell wichtige Körperfunktionen abgefragt werden, ist sie dem erfahrenen TCM-Arzt ein Wegweiser zu Störungen in Organen und deren energetischem Zustand.
Er „sitzt“ knapp unterm Handgelenk, neben dem Kehlkopf, und für feinfühlige Finger direkt an den Schläfen. Wahrscheinlich haben die meisten schon einmal ihren Puls ertastet, das rhythmische Pochen unter der Haut gefühlt und vielleicht sogar mitgezählt.

Der Ruhepuls oder „normale Puls“ sagt uns, wie oft unser Herz in einer Minute schlagen muss, um den Körper mit ausreichend Blut zu versorgen. Bei gesunden Erwachsenen liegt dieser Ruhepuls zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute. Strengen wir uns körperlich an, kann er schnell auf 120 oder gar bis zu 160 Schläge pro Minute hinaufschnellen.

Unser Puls, der sich als Welle durch die Arterien in unserem Körper ausbreitet, liefert in erster Linie Informationen über die Frequenz und Qualität des Herzschlages, den Flüssigkeitshaushalt und die Durchblutung des Menschen. Doch er kann noch viel mehr, wie erfahrene TCM-Ärzte meinen.

„Über das Erfühlen der Pulsqualitäten werden energetische Mängel, Fülle oder Disharmonien in Organen unterschieden und Aussagen über Zustände der Yin- und Yang-Organe getroffen. Zu den Yin-Organen gehören Leber, Herz, Milz, Lungen und Nieren. Die Yang-Organe sind im Wesentlichen dafür zuständig, Nahrung zu verdauen. Zu ihnen gehören die Gallenblase, Magen, Dünn- und Dickdarm, Blase und der dreifache ‚Erwärmer‘, ein Meridian, der Atmung, Verdauung und Ausscheidung kontrolliert. Dazu wird mit der Pulsdiagnose das Qi, die Lebensenergie, beurteilt. Sie treibt die Bewegung des Blutes an. Die Pulsdiagnose ist eine energetische Bestandsaufnahme des Menschen und weniger eine Diagnose organischer Erkrankungen“, erklärt die TCM-Ärztin Shichun Wen aus Wien (Tel.: 0664/5431286, www.tcm-austria.com).

Die Pulsdiagnose hat eine jahrhundertelange Tradition in der Chinesischen Medizin. Vor etwa 2.700 Jahren wurde sie zum ersten Mal von dem chinesischen Arzt Bian Que beschrieben. Da es als unschicklich galt, Patienten zu entkleiden, waren diagnostizierende Behandler gezwungen, Methoden zu entwickeln, die den weit gefassten Intimbereich des Patienten respektierten. Bis heute haben sich aus diesem gesammelten Erfahrungsschatz 28 Pulsarten entwickelt, manche sprechen sogar von vierzig. „In der Praxis finden wir am häufigsten um die acht bis zehn Pulsarten“, verrät Shichun Wen. Dennoch, jede einzelne verlangt viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Rund ein Jahr nimmt das Erlernen einer Pulsart in Anspruch.

Um energetische Schwächen im Körper aufzuspüren, wurde der Puls früher an mehreren Körperstellen ertastet. „Zum Beispiel an der Schläfe, am Hals und am Fußrücken. Diese Methoden werden heute nicht mehr verwendet. Wir tasten jetzt nur an beiden Handgelenken. Diese Form nennen wir Cun-Kou-Methode.“

Die Art des Pulses wird in der Hautoberfläche, in der mittleren und tiefen Ebene ermittelt. Erfasst werden Frequenz, Volumen, Rhythmus und Form der Pulse.

Um mit den Fingern in den Körper hineinzuhorchen, legt der TCM-Arzt auf jedes Handgelenk drei Finger gezielt auf bestimmte Punkte. „Der Puls wird auf drei
Positionen an beiden Handgelenken entlang der Hauptschlagader gefühlt. Diese Punkte nennen wir Cun, Guan, Chi. Auf dem rechten Handgelenk ertastet
der TCM-Arzt damit das Lungen-Qi, das Milz-Qi und das Nieren-Yang-Qi. Auf dem linken Handgelenk das Herz-Qi, das Leber-Qi und das Nieren-Yin-Qi. Im Durchschnitt für eine Minute. „Möchte ich den Zustand eines bestimmten Organes genauer erfahren, bleibt der Finger länger an der dafür vorgesehenen Stelle“, erklärt die Ärztin. Bis zu ein paar Minuten kann die Pulsdiagnose daher in der TCM-Praxis dauern.

Der gesunde Puls ist regelmäßig, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Er entspricht vier bis fünf Schlägen pro Atemzug, ist nicht oberflächlich und nicht tief. Doch Leiden und Krankheiten, ja sogar die Jahreszeiten beeinflussen ihn.

„Im Frühling wird der Puls mehr saitenförmig, im Sommer kraftvoller, im Herbst oberflächlicher und im Winter tiefer“, verrät die TCM-Ärztin. Ungewöhnlich für europäische Ohren hören sich die Namen der verschiedenen Pulsformen an. Unter ihnen gibt es den rauen Puls, den schlüpfrigen, leeren, trommelnden, hängenden, rutschigen und den hohlen Puls, um nur ein paar zu nennen. „Die ‚Informationen‘, die ein geübter TCM-Arzt über den Puls des Patienten erhält, geben ein vielschichtiges Bild über dessen Zustand ab und beeinflussen natürlich die Behandlung. Ob sie wirksam ist, erkennen wir nicht nur vielleicht am Äußeren des Patienten und dessen Angaben, sondern wieder über den Puls. Er kann sich jederzeit verändern. Bessern sich die Beschwerden, geht der Puls mit. Ist der Mensch wieder gesund, normalisiert sich schließlich auch sein Puls wieder.“
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