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Ausgabe Nr. 20/2019 vom 14.05.2019, Foto: duty
Elisabeth Schwendt betreut sechs Kinder.
Keines ist ihr eigenes.
Mutter aus Berufung
Die SOS-Kinderdörfer feiern in diesem Jahr ihr 70jähriges Jubiläum. Seit 18 Jahren trägt Elisabeth Schwendt ihren Teil dazu bei, dass Kinder aus problematischen Familienverhältnissen ein Zuhause finden. Im Kinderdorf Hinterbrühl (NÖ) gibt die 54jährige sechs Kindern jene Geborgenheit, die sie in ihrem Elternhaus schmerzlich vermissen mussten.
Ich wollte immer schon eine große Familie haben“, sagt Elisabeth Schwendt. Der Wille war also vorhanden, allein der passende Partner fehlte, um die Vision umzusetzen. Dass die 54jährige Niederösterreicherin trotzdem ihren Lebenstraum verwirklichen konnte, daran ist ihre Großmutter „schuld“. „Auf ihrem Küchentisch ist eine Informationsbroschüre vom SOS-Kinderdorf gelegen“, erinnert sich Schwendt. Deren Durchsicht verdankt sie eine sechsköpfige Kinderschar, die ihr Leben im Moment bereichert. Denn die Krankenschwester gab ihren Beruf auf und ließ sich zur Kinderdorf-Mutter ausbilden.

„Wir leben hier eigentlich wie eine ganz normale Familie“, sagt Schwendt, die mit ihrer Kinderschar eines der insgesamt 27 Häuser auf dem weitläufigen Areal des Kinderdorfes in der Hinterbrühl (NÖ) bewohnt. „Ich habe mit vier Mädchen begonnen, wovon eines noch immer bei mir ist. Michelle war damals ein paar Wochen alt. Jetzt ist sie 17 Jahre und besucht die Hauswirtschaftsschule.“ Was eher ungewöhnlich ist, denn – und das ist die Einschränkung zu einer „normalen“ Familie – die Kinder des Kinderdorfes haben ja auch noch leibliche Eltern, die, aus welchem Grund auch immer, nicht in der Lage sind, ihren Nachwuchs zu erziehen und zu versorgen. „Aber die meisten unserer Kinderdorf-Kinder haben regelmäßig Kontakt zu einem oder beiden Elternteilen“, sagt Schwendt. „Wenn sich die familiäre Situation verbessert hat, werden die Kinder wieder zurückgeführt.“ Was sowohl den ihr Anvertrauten als auch der Ersatzmama selbst nicht immer leicht fällt.

Das wird schon allein aus der Szene ersichtlich, als der fünfjährige Marvin gefragt wird, wen er hier denn am liebsten habe. „Die Mutti“, ruft er wie aus der Pistole geschossen und umarmt Schwendt dabei innig. Was seine drei Jahre alte, leibliche Schwester Melinda sieht, es sofort ihrem Bruder gleichtut und die Kinderdorf-Mama das Liebesbedürfnis zweier herziger Kinder mit Drücken und Knuddeln stillt. „Die beiden sind seit einem Jahr bei uns und haben sich hervorragend eingelebt“, lacht die 54jährige. Was zum einen am liebevollen Umgang der Kinderdorf-Mutter mit ihren Schützlingen, zum anderen an den räumlichen Gegebenheiten liegt. Im Erdgeschoß befindet sich die große Küche mit angrenzendem Wohnzimmer, im ersten Stock die fünf Kinderzimmer. „Marvin und Melinda teilen sich ein Zimmer, so lange sie noch so klein sind.“ So haben auch schon die elf Jahre alte Leonie und die neunjährige Jasmin ihre eigenen Zimmer.

Der Tag fängt für die Kinderdorf-Mutter um sechs Uhr in der Früh an. „Ich beginne die Kinder zu wecken und bereite das Frühstück zu. Dass dabei nichts linear abläuft, werden Mütter mit mehr als einem Kind nachvollziehen können. Den Kleinen muss ein bisschen zur Hand gegangen werden, die Großen sind schon selbstständig.“ Als besonders hilfsbereit lobt Schwendt den 15jährigen Stefan, der seit sechs Jahren in ihrer Familie ist. Aber nicht nur untereinander wird geholfen. Zwei ausgebildete Sozialpädagoginnen arbeiten im Schwendt-Team an den Entwicklungszielen der Kinder und Jugendlichen, teilen die Verantwortung, besprechen Herausforderungen und unterstützen und vertreten sich gegenseitig. Denn obwohl für Schwendt ihr Leben als Kinderdorf-Mutter Berufung ist, ist es auch ihr Beruf. Somit hat sie wie jeder Arbeitnehmer Urlaubsanspruch. „Und ich habe sechs Tage im Monat frei.“ Die sie meist in ihrer kleinen Wohnung außerhalb des Kinderdorfes verbringt, um wieder Kraft zu tanken. Um an allen anderen Tagen des Monats wieder für ihre Kinder da zu sein.

Nicht wie Arbeitnehmer gewöhnlich acht, sondern 24 Stunden. Wenn nach einem arbeitsreichen Tag mit Kochen, Aufräumen, Wäsche waschen, bei den Aufgaben helfen, Spielen und vielen anderen Handgriffen ab 19.30 Uhr die Jüngsten im Familienverband von ihr zur Nachtruhe geleitet werden, heißt das noch nicht, dass Schwendt nun alle Viere von sich strecken kann. „Dann muss ich am Computer noch die Dokumentation über den Tagesablauf schreiben.“ Worunter auch die Ausgaben fallen, denn zur Versorgung ihrer Familie bekommt die Kinderdorf-Mutter monatlich etwa 2.000 Euro, die ihr für Essen, Kleidung sowie etwaiges Schulgeld und Ausflüge zur Verfügung stehen.

Und wenn sie schließlich gegen 23 Uhr in ihr Zimmer geht und müde ins Bett fällt, kann es sein, dass die Ruhe jäh unterbrochen wird. „Wenn die Kinder in der Nacht Angst haben, dürfen sie bei mir klopfen“, sagt Schwendt. Dann kann es passieren, dass sie am nächsten Tag neben einem kleinen Marvin oder einer kleinen Melinda erwacht. „Deshalb habe ich auch ein Doppelbett in meinem Schlafzimmer“, sagt die Kinderdorf-Mutter mit einem herzlichen Lachen.

Das SOS-Kinderdorf sucht derzeit im ganzen Land Kinderdorf-Mütter und -Väter. Interessenten bringen im besten Fall eine sozialpädagogische oder erziehungswissenschaftliche Ausbildung mit, können sie aber auch drei Jahre berufsbegleitend absolvieren. Bewerbungen unter www.sos-kinderdorf.at/familie.
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