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Ausgabe Nr. 20/2019 vom 14.05.2019, Foto: Pfizer
Die Zecken werden mehr. Die FSME-Fälle haben sich verdoppelt.
Ein Stich mit Langzeit-Folgen
Die Zecken sind aktiv und das aufgrund des Klimawandels inzwischen fast ganzjährig. Im Vorjahr wurden die ersten Fälle Ende April gemeldet, der letzte Anfang Dezember. Das Problem, zu dem bei uns heimischen und am meisten verbreiteten Holzbock gesellt sich eine exotische Zeckenart, die ebenfalls gefährlich sein kann.
Es ist ein trauriger Rekord, der im Vorjahr in unserem Land aufgestellt wurde.Mehr als einhundertfünfzig Menschen mussten mit FSME im Spital behandelt werden. Fünf davon sind gestorben.

„Und das trotz einer Durchimpfungsrate von mehr als achtzig Prozent und einer fast einhundertprozentigen Schutzwirkung der Impfung“, berichtet Prof. Ursula Kunze vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. „Allerdings ist diese hohe Durchimpfungsrate trügerisch, weil viele Menschen mittlerweile die Auffrischungsimpfung nicht rechtzeitig wahrnehmen. Sie setzen sich oft unwissentlich erneut
einem Infektionsrisiko aus. Das betrifft vor allem Menschen jenseits der 60, die aufgrund des nachlassenden Immunsystems alle drei Jahre zur Auffrischung müssen
und häufiger von schweren Krankheitsverläufen betroffen sind.“ Unsicherheiten bestehen aber nicht nur bei den Auffrischungsintervallen. Prof. Ursula Kunze, Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, und Dr. Georg Duscher vom Institut für Parasitologie der Veterinärmedizinischen Universität, beantworten wichtige Fragen.

Leben Zecken nur im Grünen oder auch in Städten?
Auch in Großstädten. Überall, wo Gras oder Sträucher sind, halten sie sich bevorzugt auf. Das kann im Schrebergarten oder am öffentlichen Spielplatz sein.

Lassen sich Zecken nun von Bäumen fallen oder nicht?
Nein. Sie können bis auf 1,50 Meter klettern, doch sie werden meist vom Vorbeigehenden von Gräsern, Büschen oder Blättern abgestreift. Vor allem schmale Gräser sollten gemieden werden. Ist das nicht möglich, raschen Schrittes durchgehen, denn ist der Kontakt mit Zecken kürzer als 0,1 Sekunden, haben sie nicht genug Zeit, um sich festzuhalten.

Wie schnell erfolgt die Übertragung der Erreger?
Hat eine infizierte Zecke zugestochen, überträgt sie das FSME-Virus sofort über den Speichel. Bei Borreliose erfolgt die Übertragung der Bakterien zwölf Stunden bis drei Tage, nachdem sich das Tier am Menschen festgeklebt hat. Daher Zecken immer sofort entfernen.

Es heißt, Erreger können aus der Zecke gepresst werden, wenn das Tier entfernt wird. Wie mache ich es richtig?
Gefundene Zecken vorsichtig mit Hilfe einer Zeckenzange oder einer Pinzette und leichten Dreh- oder Hin-Her-Bewegungen herausziehen. Das Tier dort packen, wo es der Haut am nächsten ist, ohne auf den Körper der Zecke zu drücken. Bitte keine Klebstoffe, Nagellack, Öl oder ähnliches verwenden. Sollte ein kleiner schwarzer Punkt in der Haut bleiben, ist das meist nicht der Kopf der Zecke, sondern ein Teil der Beißwerkzeuge. Erreger können aber nicht mehr in den menschlichen Körper gelangen.

Hilft Duschen, nachdem ich eine Zecke entfernt habe?
Nein. Das hilft gar nichts.

Wie häufig kommt es zu FSME-Infektionen?
Statistisch gesehen erkranken etwa 33 Prozent der Infizierten, womit etwa jeder hundertste bis dreihundertste Zeckenstich tatsächlich zu einer Infektion führt.

Das klingt aber nicht viel …
Dennoch sind im Vorjahr 154 Menschen bei uns mit FSME im Spital behandelt worden, fünf gestorben.

Kann eine durchgemachte FSME-Infektion Folgen haben?
Ja. Im Vorjahr benötigten zwei Drittel der Betroffenen einen langen Krankenhausaufenthalt mit anschließender Rehabilitation. Sie hatten motorische Folgeschäden sowie Beeinträchtigungen bei der Wahrnehmung, beim Lernen, Erinnern und Denken. Aber damit nicht genug, unter langfristigen Auswirkungen können sogar jene leiden, die es ursprünglich gar nicht so schwer erwischt hat. Bei manchen Patienten kommt es zu Konzentrationsstörungen, Gedächtnisschwächen, Wortfindungsstörungen oder Gangunsicherheit. Außerdem können psychische Störungen, Kopfschmerzen und eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit auftreten.

Gibt es eigene FSME-Medikamente?
Nein, behandelt werden nur die Symptome. Ein eventuelles Fortschreiten der Erkrankung bis hin zu den gefürchteten neurologischen Folgen kann nicht mehr verhindert werden. Der einzige Schutz vor FSME ist die vollständige Impfung.

Menschen, die jünger als 60 Jahre alt sind, sollen alle fünf Jahre auffrischen, jenseits der 60 alle drei Jahre. Gibt es nicht einen Test, der den Impfschutz überprüft?
Von so einer Titerbestimmung ist abzuraten. Die verfügbaren Tests sind dafür nicht aussagekräftig genug. Es ist nicht feststellbar, ob alle gemessenen Antikörper in der Lage sind, den Erreger unschädlich zu machen. Es kann zwar bei einer gewissen nachgewiesenen Antikörpermenge vermutet werden, dass ein Schutz vorliegt. Zu sagen, wie gut er ist und wie lange er hält, ist nicht möglich. Auch der Zeitpunkt der Blutabnahme und die Anzahl der Vorimpfungen haben Einfluss auf das Ergebnis. Außerdem ist eine regelmäßige Titerbestimmung teurer als die Impfung.

Kann die neu eingewanderte „Riesenzecke“ Krankheiten übertragen?
Ja. Die Hyalomma marginatum kann Babesien übertragen. Das sind einzellige Parasiten in den roten Blutkörperchen. Weiters kann sie gefährliche Bakterien wie Rickettsien und Viren wie das Thogot- oder West-Nil-Virus und das lebensbedrohliche Krim-Kongo-Fieber-Virus übertragen. In keinem dieser Fälle schützt die FSME-Impfung.

Wie schütze ich mich vor Zecken?
Mit heller, eng anliegender, langer Bekleidung, mit Anti-Zecken-Sprays sowie dem sofortigen Absuchen nach dem Aufenthalt im Grünen. Da die Hyalomma-Zecke viel größer ist, erleichtert das ihre Auffindung.

Wann ist ein Arztbesuch notwendig?
Nach jedem Zeckenstich, der mit Unwohlsein, Rötungen und/oder Fieber einhergeht.
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