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Ausgabe Nr. 20/2019 vom 14.05.2019, Foto: zvg
Mit 17 Jahren will Florian Nüßle erster
Snookerprofi unseres Landes werden
Der einsame Wolf am Filztisch
Ob blau, gelb oder rot. Florian Nüßle, 17, locht die Kugeln am Snookertisch präziser ein als seine Rivalen hierzulande und hat schon lang sein Leben diesem Sport untergeordnet. Beim Turnier in Wigan (GB) kann er sich zum ersten Snookerprofi des Landes krönen.
Die undurchdringliche Stille am Tisch ist fast befremdlich. Nur das leise Klacken der Kugeln unterbricht die Ruhe bei den nicht selten über zehn Stunden dauernden Bewerbsspielen oder beim täglichen fünfstündigen Training.

„Wir Snookerspieler haben alle etwas von einem einsamen Wolf, keiner darf ein Problem damit haben, allein zu sein“, schmunzelt Florian Nüßle, 17. Die schweigenden Männer an den langen Queues (sprich Kös) ruhen tief in sich selbst und stellen Selbstbeherrschung über alles. „Ich arbeite seit Jahren hart daran, unter Stress keinerlei Gefühle zu zeigen, sondern roboterartig meine Stöße zu absolvieren“, verrät Nüßle.

Mit drei Jahren lochte er die ersten Kugeln ein, seit er elf ist, nennt er seine Laufbahn professionell. „Der Snookersport ist mein Leben, ich träume sogar nachts davon“, erzählt der gebürtige Grazer. Da kann es auch passieren, dass er in der Straßenbahn seine Station verpasst, weil ihn ein Turnier am Mobiltelefon in den Bann zieht. Die Schule hat er längst durch ein trainingsfreundliches Abendmaturamodell ersetzt, aber Nüßle ist ohnehin anders als gleichaltrige Jugendliche. Während Altersgenossen feuchtfröhliche Feste feiern, tauscht der Steirer freiwillig T-Shirt und Jeans gegen ein steifes Hemd mit Krawatte und hält seine Emotionen unter Verschluss. Doch Gefühlsausbrüche waren sowieso nie seine Sache. „Ich bezweifle, dass Florian wegen Billard seine Kindheit verpasste“, relativiert Mutter Claudia, die in Salzburg einen Schönheitssalon führt, alle Bedenken. „Seit er klein ist, war es immer sein größter Wunsch, alles dem Sport unterzuordnen.“ Im Fußball war ihr Sohn früher ebenfalls ein hoffnungsvoller Nachwuchsspieler des SK Sturm Graz und stand nebenbei noch im Golf-Nachwuchs-Nationalkader. „Ich musste täglich kunstvoll meine Termine jonglieren und ihn zwischen Billard-, Golf- und Fußballtraining hin- und herchauffieren“, erinnert sich die Mama lächelnd. „Eines Tages ging es nicht mehr, ich sagte ihm: ,Du musst dich entscheiden.‘“ Nüßles Wahl fiel auf Snooker. Einen „Plan B“, falls er keine Erfolge einfahren kann, hat der medienfanatische Betreiber mehrerer Videokanäle auf der Plattform „Youtube“ nicht. „Höchstens vielleicht Kellner zu werden, Berufe in der Gastronomie faszinieren mich.“

Mittlerweile ist Nüßle aber dreifacher Staatsmeister und seit dem 14. Lebensjahr hierzulande quasi unangefochtener Herr über die bunten Kugeln. In Europa gehört er laut Experten zu den beiden größten Talenten seiner Altersklasse und könnte beim „Q-School-Turnier“ in Wigan (England) ab Samstag, 18. Mai, als erster Spieler unseres Landes einen der raren Startplätze auf der Profitour ergattern, was einer Sensation gleichkäme. „Florian verbindet ein gutes Spielverständnis mit einer unglaublichen Ruhe und Nervenstärke. Selbst unter Stress verzieht er keine Miene“, weiß Marius Eder-Marquardt, Nationalteamreferent des heimischen Snooker- und Billard-Verbandes. „Dass er auch international aufzeigt, ist bemerkenswert. Bei uns gibt es nur 250 Ranglistenspieler, in Ländern wie Großbritannien jedoch ist der Sport eine große Nummer. Dort gibt es mehr Snooker- als Fußballspieler.“

Generell gilt Nüßles Metier als die Königsdisziplin aller Billardspielarten, der Tisch ist größer, die Kugeln jedoch sind kleiner als beim Pool-Billard. Auf den riesigen Tischmaßen 3,5 mal 1,8 Meter müssen mit einer weißen Kugel abwechselnd eine rote und eine farbige in eine der sechs Taschen versenkt werden, wobei die Farbigen verschieden hohe Punktewerte haben. Gelingt das Einlochen nicht, ist der Gegner am Stoß, am Ende gewinnt der Spieler mit den meisten Punkten. „Viel Training ist das Um und Auf“, betont Nüßle, der beim großen Spiel mit der Physik der Banden und den Drehungen der Kugeln auf sein Bauchgefühl statt auf berechnete Winkel und vordefinierte Anspielpunkte setzt. „Ich bin ein Gefühlsspieler.“

Privat gleicht Nüßle eher einem 22jährigen als einem 17jährigen. Seine Sätze kommen druckreif, kein einziges Jugendlichenposter ziert sein Zimmer und mit der ehemaligen Rhythmischen Sportgymnastin Lucy-Ann Huber unterhält er schon länger eine stabile Beziehung. „Ich würde gerne nicht immer nur als Wunderkind gesehen werden, sondern schön langsam auch als Mann“, gibt er ehrlich zu. Ein weiterer Baustein dazu wäre zweifellos ein Erfolg in Wigan. Dann würde er, auch abgesprochen mit Mama Claudia, die Abendschule sofort beenden. „So eine Chance müsste rückhaltlos genützt werden“, betont er und denkt auch an das hohe Preisgeld für Spitzenspieler. Der berühmteste Snookerspieler, Ronnie O‘Sullivan (GB), ist mehrfacher Millionär, Judd Trump (GB) kassierte zuletzt fast 600.000 Euro für seinen WM-Titel. „Wenn die Einnahmen steigen, will ich auch meiner Familie zurückzahlen, was sie in mich investiert hat“, versichert Nüßle. Kreuziger
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