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Ausgabe Nr. 20/2019 vom 14.05.2019, Fotos: duty, Remise Erdberg/Manfred Helmer
Seine Liebe zu Lego-Steinen hat der Wiener Robert Staringer nie verloren.
Eine historische Pferdetram ist das neueste Projekt des Designers
Er bringt Lego auf Linie
Seine Liebe zu Lego-Steinen hat der Wiener Robert Staringer nie verloren. Auch jetzt, im „zarten“ Alter von 39 Jahren, widmet er noch immer seine Freizeit den bunten Bausteinen, mit denen er die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Wien originalgetreu nachbaut.
Der fährt jetzt zum Begräbnis“, sagt der siebenjährige Tobias, während er ein Lego-Männchen in ein eigenartig wirkendes Gefährt setzt, das ebenfalls aus Lego-Steinen zusammengesetzt ist. Aus exakt 350 Stück. Einerseits sieht es aus wie eine altertümliche Straßenbahn, die aber eigenartige schwarze Kisten transportiert. Dass sich diese Kisten als Särge herausstellen, und das Gefährt die Nachbildung einer Leichentram ist, wie sie in Wien im Ersten und Zweiten Weltkrieg im Einsatz war, erklärt zwar Tobias‘ Begräbnisfahrt, aber nicht, wie es zu diesem ein wenig morbiden Szenario in seinem Kinderzimmer kommt.

Wofür schlussendlich sein Vater Robert Staringer verantwortlich ist. Der Wiener hat einen Nebenberuf, von dem nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene träumen. Er baut Legomodelle von Wiener Gebäuden und Fahrzeugen nach.

„Hauptsächlich fertige ich Linienbusse, Straßen- und Schnellbahnen der Wiener Linien, aber auch die ÖBB ist ein Kunde von mir. Sogar die Bestattung Wien hat meine Modelle, wie etwa diese Lego-Leichentram. Dieses Bauset umfasst neben den 350 Steinen für den Waggon obendrein zwei Särge und ein Lego-Männchen. Die historische Leichentram transportierte Verstorbene zum Wiener Zentralfriedhof“, erklärt Staringer.

Die Lego-Welt faszinierte den Wiener von klein an. „Mit fünf Jahren habe ich mein erstes Lego-Modell bekommen, ein Raumschiff aus dem ‚Krieg der Sterne‘-Film. Von da an war mir klar, dass ich einmal bei der Firma Lego arbeiten möchte“, erinnert sich der 39jährige. Doch da es weltweit nur 14 zertifizierte Lego-Designer gibt, wurde der Berufswunsch zunächst einmal beiseite gelegt und eine Ausbildung zum Medizintechniker angegangen. Viele Stunden seiner Freizeit verbrachte er aber weiterhin mit den bunten Bausteinen.

„Eines Tages habe ich mir gedacht, dass es doch interessant wäre, die öffentlichen Verkehrsmittel von Wien mit Lego-Steinen nachzubauen. Ich habe dann bei den Wiener Linien nachgefragt, ob Bedarf bestehe, und so ist die Zusammenarbeit entstanden.“ Die nun schon seit neun Jahren besteht, in denen er Modelle gemeinsam mit den Wiener Linien immer weiter entwickelt. „Zur Zeit arbeite ich an einem historischen Fahrzeug, der Pferdetram.“ Von der Idee bis zum fertigen Modell ist einiges an Konstruktionsaufwand vonnöten.

„Zuerst plane ich die Modelle möglichst originalgetreu am Computer nach. Das dauert im Durchschnitt drei Tage. Danach bestelle ich die dafür nötigen Legosteine. Da die Firma Lego die Bausteine für mich ja nicht extra anfertigt, sondern ich für meine Modelle wirklich nur mit den schon vorhandenen, einzelnen Lego-Steinen arbeite, kann das schon eine Weile dauern.“ Immerhin muss der Bastler aus etwa 10.000 Lego-Steinen in allen möglichen Farben und Ausführungen die für ihn passendsten wählen. „Wenn der Prototyp fertig ist und dem Auftraggeber gefällt, wird die Verpackung entworfen und ich fertige für die Modelle eine Bauanleitung an“, erzählt Staringer, der mit seiner Familie eine Vereinbarung getroffen hat, um sein liebstes Hobby nicht ausufern zu lassen. „Wenn ich von meiner Arbeit nach Hause komme, widme ich mich zuerst meiner Frau und meinen beiden Kindern und von 20 bis 22 Uhr ist dann meine Lego-Zeit, in der ich die Modelle zusammenbaue und sie auf Funktion und Tauglichkeit teste.“

Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis eines seiner Modelle zum Verkauf bereit steht. Unter www.derklassiker.at sind die in Lego wiederauferstandenen Wiener Öffis vergangener Jahrzehnte wie auch aktuelle Modelle zu bewundern. Erhältlich sind sie aber nur bei seinen Lizenz-Partnern und im Spielwarengeschäft Walter Gröbl in Gänserndorf (NÖ). Dort kostet etwa der Omnibus aus dem Jahr 1912 der Wiener Linien 91,90 Euro oder die Leichentram von der Wiener Bestattung 112,90 Euro. Staringers Kunden sind über alle Altersklassen verteilt. „Es gibt viele erwachsene Sammler, welche die Modelle in Vitrinen stellen. Kinder wiederum lassen Bus, Bim und Bahn auf den Schienen fahren, denn meine Modelle sind genau an die Größe einer Lego-Stadt angepasst.“

Wie Robert Staringer betont, verdient die Firma Lego an seinen Modellen über Patente nicht mit. „Denn ich kaufe lediglich die Lego-Standardteile ein, die von der Fabrik produziert werden“, sagt der Tüftler. Dem diese Beschränkung einiges an Kreativität abverlangt. Die Schräge bei den Straßenbahnen stammt etwa aus einem Lego Star-Wars-Raumschiff. „Und den Kopf einer Lego-Vogelscheuche habe ich beispielsweise für ein Skelett im Sarg verwendet“, schmunzelt der Familienvater.

Sein größtes Modell hat er im Jahr 2011 gefertigt. „Da habe ich die Wiener Gloriette für das Spielwarengeschäft Müller auf der Mariahilfer Straße gebaut. Das Modell besteht aus 14.000 Steinen, ist zwei Meter lang, einen halben Meter breit und einen halben Meter hoch. Meine Frau Verena war damals gerade schwanger und hat mit mir das Modell in zwei Wochen zusammengebaut.“ Sohn Tobias muss schon im Bauch der Mutter ein Lego-Anhänger gewesen sein, hat er sich doch bis zur Fertigstellung der Wiener Sehenswürdigkeit Zeit gelassen, das Licht der Welt zu erblicken.
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