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Ausgabe Nr. 20/2019 vom 14.05.2019, Fotos: AdobeStock, picturedesk.com
Hilfe beim Putzen, bei Schulveranstaltungen, in der Bibliothek
Lehrer wollen mehr Strafen
857 Polizei-Einsätze gab es zuletzt wegen Körperverletzung, Nötigung oder Diebstahl an unseren Schulen. Nach der „Spuckaffäre“ setzt die Regierung auf Vorbeugung und Auszeit-Gruppen. Lehrer wünschen sich aber mehr Straf-Möglichkeiten.
Ein Eintrag im Klassenbuch, Gespräche mit dem Klassenvorstand, dem Direktor oder auch eine schlechte Betragensnote. Nur im Extremfall droht die Suspendierung. Lehrern sind enge Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, störende oder aggressive Schüler im Zaum zu halten.

„Es gibt im Prinzip nichts zwischen einem beratenden Gespräch und der Versetzung in eine andere Klasse oder einem Schulverweis“, sagt Herbert Weiß, der Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft. „Das ist so, als würde ich bei einem Autofahrer sagen, es gibt entweder eine Beratung oder einen Führerschein-Entzug.“

Der Mathematik-Professor wünscht sich deshalb Sanktions-Möglichkeiten dazwischen. „Ich denke an einen Dienst für die Schulgemeinschaft. In einem Schulhaus gibt es viele Arbeiten, für die manchmal keine Zeit ist, bei denen etwa dem Schulwart geholfen werden könnte.“

Zurück zum Rohrstock oder zum Karzer will niemand, aber eine Art Sozialdienst könnte so manchen Schüler zur Einsicht bringen. „Es sollten einfach Mittel sein, mit denen wir relativ früh sagen können: ,Pass auf, du hast eine Grenze überschritten.‘ Wenn wir Möglichkeiten hätten, mit denen wir früher eingreifen könnten, dann würde die Situation wahrscheinlich oft gar nicht eskalieren.“

857 Mal rückte im Vorjahr die Polizei in Schulen aus, 847 Anzeigen gab es. Das zeigen Zahlen des Bildungsministeriums. Wobei manche Pädagogen vermuten, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt. Die meisten Vorfälle gab es an den Neuen Mittelschulen. In sechs von zehn Fällen waren Täter und Opfer Schüler.

Bei Gewalt gegen Mitschüler oder Lehrer droht der Schulverweis. Aber das passiert nur in seltenen Fällen. „Bei allen anderen Respektlosigkeiten oder Pflichtverletzungen der Schülerinnen und Schüler haben wir kein Mittel außer Ermahnen“, erklärt Herbert Weiß. Zwar gibt es in einigen Schulen sogenannte „Verhaltensvereinbarungen“, bei denen dann auch Reinigungsarbeiten oder andere Hilfstätigkeiten außerhalb der Schulzeit vorgesehen sind. Doch ob die Vereinbarungen in jedem Fall halten, ist zweifelhaft. „Ich glaube nicht, dass das durchgesetzt werden kann, wenn sich ein Elternteil dagegen wehrt“, zweifelt der Gewerkschafter Weiß.

Für ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann sind die Verhaltensvereinbarungen hingegen „ein gutes Instrument.“ Er setzt nach der „Spuckaffäre“ an einer Wiener HTL unter anderem auf Vorbeugung und „Time-Out“-Gruppen, also Auszeit-Gruppen bei „erheblichen Verhaltensauffälligkeiten“. Bis zum Sommer will Faßmann ein pädagogisches Konzept dafür haben. Ab Jänner soll es erste Pilotmodelle geben. Zusätzliches Personal gibt es dafür aus derzeitiger Sicht nicht.

In der Schweiz existieren schon seit fast zwanzig Jahren „Auszeit-Klassen“, sogar ganze „Time-Out-Schulen“. Sie sind in der Regel für schulpflichtige Kinder zwischen zehn und 16 Jahren gedacht. Meist sind Burschen in der Mehrheit. Wer alle Aufträge und Anweisungen im Klassenzimmer verweigert, ist ebenso ein „Auszeit“-Kandidat, wie Dauer-Störer, die den Unterricht erheblich beeinträchtigen oder Mobber. „Bei uns werden höchstens sieben Jugendliche von einem Lehrer und einer Sozialpädagogin betreut“, erzählt ein Schweizer „Auszeit-Lehrer“. Für jeden gibt es einen maßgeschneiderten Wochenplan mit den regulären Lernzielen. Der Schultag dauert von 8 bis 16 Uhr, inklusive gemeinsamen Mittagessen. Einmal pro Woche steht ein Arbeitspraktikum auf dem Stundenplan. „Zum Kennenlernen der Berufswelt, dabei geht es auch um Pflichterfüllung, sich einzufügen, Durchhaltewillen.“ Dazu gibt es Erlebnispädagogik von Flusswanderungen bis zum Backen.

Im Schnitt sind die Kinder drei bis sechs Monate in der „Auszeit-Klasse“, höchstens jedoch ein Jahr. Wichtig ist die räumliche Trennung von der bisherigen Schule. „Weg aus dem Dorf und Umfeld, unsere Schülerinnen und Schüler reisen bis zu einer Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln an“, weiß der Schweizer Pädagoge. Nach ihrer Auszeit sollten sie wieder in die reguläre Schule gehen.

Die hierzulande geplanten „Time-Out-Gruppen“ wären „zumindest ein erster Schritt“, sagt der AHS-Lehrergewerkschafter Herbert Weiß. Er plädiert für ein flächendeckendes Angebot. Die „Auszeit“ ist aber auch in der Schweiz nicht immer erfolgreich. Studien zeigen, dass nur ein Teil der Schüler in die regulären Klassen zurückkehrt.
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