Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 19/2019 vom 07.05.2019, Foto: Philipp Podesser
Menschen aus der Region Deutschlandsberg (Stmk.) stemmen sich gegen zwei Kraftwerksprojekte.
„Unser Naturjuwel muss erhalten bleiben“
An der Schwarzen Sulm, einem der längsten naturbelassenen Flüsse in der Steiermark, könnte schon bald ein Kleinkraftwerk entstehen. Zudem ist auf der Koralm, wo der Fluss entspringt, das stärkste Pumpspeicherkraftwerk unseres Landes geplant. Der Widerstand gegen die Pläne privater Investoren ist groß, da die Menschen um ihr Naturjuwel in der Region fürchten.
Die rauschenden Wasserfälle der Schwarzen Sulm inmitten idyllischer Waldschluchten ziehen nicht nur Menschen aus der Weststeiermark in ihren Bann. Der aus den Höhen der Koralpe entspringende Fluss gilt als eines der letzten wilden Fließgewässer unseres Landes.

Doch die ansässigen Menschen sehen das Naturjuwel dieser Region durch zwei Kraftwerksprojekte von privaten Investoren bedroht, um die seit Jahren ein heftiger Streit entfacht ist.

Unter anderem ist an der Schwarzen Sulm ein Kleinkraftwerk geplant, das dem Fluss sein glasklares Gebirgswasser rauben könnte. Konkret soll der Schwarzen Sulm der Großteil des Wassers entnommen und über eine Druckrohrleitung in das Tal der Gemeinde Schwanberg befördert werden, wo im geplanten Kraftwerk durch zwei sogenannte Pelton-Turbinen, die stark einem klassischen Wasserrad ähneln, über Generatoren rund fünf Megawatt Strom produziert werden soll. Das entspricht in etwa der Energiemenge von zwei Windrädern. Laut den Projektbetreibern soll das Wasser nach zwölf Kilometern nahe dem Kraftwerk zur Gänze wieder in das Flussbett der Schwarzen Sulm zurückgeleitet werden. Flussabwärts fließt die Schwarze Sulm noch etwa 15 Kilometer bis zur Vereinigung mit der Weißen Sulm zur Sulm, die später in die Mur mündet.

Der Gewässerschutzexperte der Natur- und Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF), Gerhard Egger, zeigt sich über die Pläne besorgt. „Der Schwarzen Sulm wird oberhalb des Kraftwerkes bis zu 65 Prozent des Wassers entzogen, mit dramatischen Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt. Hier leben etwa Fischotter und Steinkrebse. Zudem gibt es seltene Pflanzen, wie die Sturzbach-Gämswurz, die nur auf der Koralpe vorkommt. Sie verlieren ihren Lebensraum.“

Obwohl die Schluchtstrecke der Schwarzen Sulm als Natura-2000-Europaschutzgebiet ausgewiesen ist, wurde das Kraftwerk 2006 und 2007 vom damaligen steirischen SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves bewilligt. Der Fall schaffte es bis vor den Europäischen Gerichtshof, der eine Klage der EU-Kommission gegen den Kraftwerksbau 2016 jedoch abwies.

Egger verweist darauf, dass der Kraftwerksbetrieb ohnehin fragwürdig sei, zumal die Schwarze Sulm aufgrund der trockenen, heißeren Sommer bereits jetzt weniger Wasser führe und der wichtigste Zufluss der Schwarzen Sulm, der Seebach, für zwei Jahre ausgeleitet werden solle.

Dies dient der Auffüllung der beiden Speicherbecken eines Pumpspeicherkraftwerkes, das in den nächsten Jahren auf der Koralm entstehen soll und einen noch erheblicheren Eingriff in die Natur darstellt. Mit einer Höchstleistung von fast 1.000 Megawatt wäre es das stärkste heimische Kraftwerk. Zum Vergleich bringen es die drei Pumpspeicher im Salzburger Kaprun auf rund 830 Megawatt. Kosten soll das Koralmkraftwerk 1,2 Milliarden Euro, laut Betreibern kommt das Geld von privaten Investoren.

Das Pumpspeicherwerk würde aus einem in den Berg gebauten Kraftwerksgebäude und zwei durch eine Rohrleitung verbundenen Betonbecken mit einem Höhenunterschied von 600 Metern bestehen. Sie wären jeweils zwanzig Hektar groß, das entspricht 28 Fußballfeldern, und hätten ein Fassungsvermögen von je fünf Millionen Kubikmeter.

Wird Strom benötigt, fließt das Wasser vom Ober- in das Unterbecken und treibt dabei die Turbinen an. Ist im Energienetz überschüssiger Strom vorhanden, wird das Wasser in das Oberbecken zurückgepumpt, um es später wieder zur Stromerzeugung zu nutzen. Dadurch können Schwankungen in der Energieversorgung ausgeglichen werden. Der Nachteil ist, dass Pumpspeicherkraftwerke beim Hochpumpen des Wassers rund 30 Prozent mehr Energie verbrauchen, als sie danach produzieren.

Für den Sprecher der Bürgerinitiative „NEIN zum Industriepark Koralm“, Andreas Mathauer, steht deswegen fest, „dass dies kein Ökokraftwerk ist. Letztendlich geht es um Gewinnmaximierung. Daher wird der billige Strom zum Hinaufpumpen des Wassers zu einem großen Teil aus Atomkraftwerken im Osten kommen, wie aus dem slowenischen Krsko und dem ungarischen Paks.“

Mathauer ist überzeugt, dass das Land Steiermark beide Kraftwerksprojekte durchboxen möchte.„Zu Gunsten der Projektbetreiber wurde das Landschaftsschutzgebiet auf der Koralm verkleinert, sodass der geplante Pumpspeicher nicht mehr innerhalb dieses Schutzgebietes liegt. Die Behörden glaubten, auf diesem Weg eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) umgehen zu können, was die Höchstgerichte aber revidierten.“ Zuletzt seien vier Gutachten in der Umweltprüfung negativ ausgefallen, sagt Mathauer.

Das geplante Kraftwerk an der Sulm, für das keine Umweltprüfung nötig ist, weil es ein Kleinkraftwerk ist, hat unlängst der ÖVP-Bürgermeister der Gemeinde Schwanberg, Karl-Heinz Schuster, auf Eis gelegt, indem er die für die Druckrohrleitung beanspruchten Flächen nicht zur Verfügung stellt.

Eine Entscheidung, die von den beiden Projektbetreibern Peter Masser und Alfred Liechtenstein nicht hingenommen wird. „Uns wurde im Jahr 2007 der Bau der Leitung auf Gemeindegebiet genehmigt“, erklärt Masser. Er geht davon aus, dass nach dem Ende aller Verhandlungen 2020 gebaut wird, beim Koralmkraftwerk soll es 2021 soweit sein. Masser unterstreicht die Notwendigkeit. „Bis zum Jahr 2030 soll der Strom hierzulande zu hundert Prozent aus erneuerbarer Energie, wie etwa Wind- und Wasserkraft oder Photovoltaikanlagen kommen. Derzeit sind wir bei 70 Prozent. Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen.“

Für Egger vom WWF steht aber fest: „Hierzulande gibt es
mehr als 5.000 Wasserkraftwerke, aber nur noch 15 Prozent unserer Flüsse gelten als ökologisch intakt. Auch wenn wir sie der Stromerzeugung opfern, kämen wir der Energiewende nicht näher.“ rb
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung