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Ausgabe Nr. 19/2019 vom 07.05.2019, Foto: picturedesk.com
Anna Jarvis, Muttertags-Erfinderin
Zwischen Kommerz und Kinderliebe
Der Muttertag ist der größte Umsatzbringer nach Weihnachten und Ostern. 20 Millionen Blumen werden an diesem Tag verschenkt. Doch was den Handel freut, war der Muttertags-Erfinderin zuwider. Bei uns möchte jeder vierte diesen Feiertag streichen.
Es war die Brief-Kampagne einer einzelnen Frau, die uns den Muttertag bescherte. Die Amerikanerin Anna Jarvis bombardierte nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1905 Politiker und Zeitungsherausgeber mit der Forderung nach einem Feiertag für Mütter. Neun Jahre später war sie endlich erfolgreich. Der amerikanische Kongress legte den zweiten Sonntag im Mai als Muttertag fest.

Als Symbol ließ die kinderlose Muttertags-Erfinderin weiße Nelken bei Feiern verteilen. Denn das Weiß „symbolisiert die Wahrheit, Reinheit und umfassende Barmherzigkeit der Mutterliebe“, erklärte Anna Jarvis. Doch schon in den frühen 1920er Jahren begannen die Blumenhändler den Ehrentag zu vermarkten. Nach weißen Nelken wurden auch rote angeboten, es folgten Grußkarten, Süßigkeiten und alle möglichen anderen Geschenke.

Die Kommerzialisierung des Tages ging der „Muttertags-Mutter“ gegen den Strich. „Eine gedruckte Karte bedeutet nichts anderes, als dass du zu faul bist, der Frau zu
schreiben, die mehr für dich getan hat als jeder andere auf
der Welt“, urteilte sie. Vor Gericht versuchte sie die Feier „ihres“ Tages zu verhindern. Nachdem sie eine Süßwarenhersteller-Konferenz in Philadelphia (US-Staat Pennsylvania) gestört hatte, wurde sie sogar festgenommen. Doch das bremste Jarvis nicht. Bis zu ihrem Tod kämpfte sie gegen den Muttertag. Noch als fast 80jährige brachte sie 1943 eine Petition zur Abschaffung des Feiertages ein. Im Jahr 1948 starb sie verarmt in einem Sanatorium. Das Begräbnis bezahlten Grußkarten- und Blumenhändler.

Zu uns fand der Muttertag Mitte der 1920er Jahre. Marianne Hainisch, die Mutter des damaligen parteilosen Bundespräsidenten Michael Hainisch setzte sich dafür ein. „Der Muttertag soll ein Volksfeiertag sein wie der Weihnachtsabend oder der Allerseelentag“, schrieb sie im Jahr 1927 für die „Österreichische Illustrierte Zeitung“. „Er soll allen Kindern deutlich machen, was die Mutter für sie ist, was sie für sie leistet. Er soll den Kindern die Dankespflicht vor Augen führen.“

Die Nationalsozialisten bemächtigten sich der Idee für ihre Blut-und-Boden-Propaganda und machten aus dem Muttertag den „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“. 1939 wurde an diesem Tag erstmals das „Mutterkreuz“ für Frauen mit vier oder mehr Kindern verliehen. Nach dem Krieg begann der ursprüngliche Muttertag erst seinen großen Siegeszug. Sogar für Sozialdemokratinnen gab es Anfang der 1950er Jahre „Mütterehrungen“.

Die Wirtschaft profitiert davon. „Der Muttertag ist für den Handel der drittbeste Umsatzbringer nach Weihnachten und Ostern“, erklärt Peter Buchmüller, der Obmann der Bundessparte Handel in der Wirtschaftskammer. 2017 haben wir 185 Millionen Euro für Mütter, Omas und Ehefrauen ausgegeben, 2018 waren es 186 Millionen Euro. „Wir hoffen, das Niveau halten zu können.“ Das sind allerdings nur die Handelsumsätze. Die Gastronomen freuen sich noch über weitere Millionen für Muttertags-Ausflüge und Restaurantbesuche.

Gut 20 Millionen Blumen verschenken wir am Muttertag. Daneben verdienen Parfümerien, Drogerien und Juweliere an der Kinderliebe. Nicht vergessen werden darf der Lebensmittelhandel. „Ein neuer Trend ist aus meiner Sicht, dass viele ein Muttertags-Frühstück zuhause machen, einen Muttertags-Brunch“, erzählt der Handels-Obmann Buchmüller. „Und da wird natürlich einiges eingekauft, auch Spezialitäten.“

Pro Person lassen wir uns den Muttertag rund 45 Euro im Handel kosten. Fast zwei Drittel wollen ein Geschenk kaufen. Für jeden zweiten hat laut einer Studie der Muttertag einen „sehr oder eher großen Stellenwert“. Jeder vierte würde ihn aber laut einer Umfrage aus dem Jahr 2014 lieber abschaffen. Ganz im Sinne seiner Erfinderin.
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