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Ausgabe Nr. 18/2019 vom 29.04.2019, Foto: AdobeStock
Weniger Infusionen, weniger Nebenwirkungen, mehr Lebensqualität für Krebspatienten durch Tabletten
Die Chemo-Therapie daheim
Die orale Chemotherapie gewinnt stark an Bedeutung. Es gibt immer mehr Krebserkrankungen, die nicht (nur) mit Infusionen, sondern mit zu schluckenden Medikamenten behandelt werden. Für Patienten ist sie oft leichter zu ertragen, bedeutet aber mehr Eigenverantwortung.
Übelkeit, Haarausfall, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, schmerzhafte Schwellungen an Händen und Füßen, Schleimhautentzündungen, Krankenhausaufenthalte. Eine Chemotherapie hat viele, mitunter schwere Nebenwirkungen für Krebspatienten, doch sie ist noch immer eine der wirksamsten Therapien, um Tumorzellen abzutöten.

Die Vielzahl der dafür zur Verfügung stehenden Medikamente lässt sich grob in zwei Gruppen teilen. In Wirkstoffe, die das Wachstum von Zellen hemmen, also eine zytostatische Wirkung haben. Und Wirkstoffe, die Zellen direkt schädigen, mit einer sogenannten zytotoxischen Wirkung. Das Problem für Ärzte wie für Patienten, die meisten Zytostatika wirken nicht auf die Krebszellen allein. Sie beeinträchtigen auch gesundes Gewebe, dessen Zellen sich rasch teilen. Dazu gehören die Zellen des Knochenmarks, des Verdauungstraktes und Haarfollikel. Dadurch können Nebenwirkungen entstehen wie Blutbildveränderungen, Übelkeit, Erbrechen, Haarverlust sowie Müdigkeit und Erschöpfung.

Für immer mehr Krebspatienten gibt es nun eine neue Form der Chemotherapie. Anstelle der klassischen Chemotherapie mit Infusionen und Spitalsbesuchen werden die Wirkstoffe als Tabletten zu Hause eingenommen.

„Es kann zwar nicht jede Infusions-Chemotherapie durch neue Tablettentherapien ersetzt werden, aber dank der Krebsforschung kommen laufend neue Tabletten oder Kapseln zum Einsatz, die gegen den Krebs wirken“, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin I in Wien.

Tatsächlich steigt die Zahl der Patientengruppen, die ihre Chemotherapie zu Hause einnehmen können.

„Darunter haben wir zum Beispiel Patienten mit Lungen-, Nieren- und bestimmtem Weichteilkrebs. Ein typisches Beispiel für den Vorteil von Krebsmedikamenten in Tablettenform stellt der Wirkstoff Olaparib dar, der bei Eierstockkrebs und einer ganz bestimmten Form von Brustkrebs eingesetzt wird. Olaparib-Tabletten zeigen eine Wirkung auch bei Patienten, bei denen die Chemotherapie nicht mehr wirksam ist. Ob damit aber Heilungen möglich sind, ist derzeit fraglich“, erklärt Prof. Dr. Heinz Ludwig, Direktor des Wilhelminen-Krebsforschungsinstituts in Wien.

Hoffnung auf Erleichterung

Ärzte und Wissenschaftler forschen intensiv an neuen Formen der Tumortherapie, um noch wirksamere und weniger belastenden Behandlungsformen zu entwickeln

So sind Tabletten statt Infusionen für Patienten mehrfach erleichternd. Das Medikament wird in Ruhe zu Hause eingenommen und macht die sonst übliche Venenkanüle überflüssig. Das verhindert mögliche Nebenwirkungen wie Schmerzen oder Entzündungen des Gewebes an der Einstichstelle. Die Arztbesuche lassen sich auf ein Minimum verringern, der Komfort der Patienten im Alltag ist verbessert.

Schließlich sind die Nebenwirkungen einer Chemotherapie mit Tabletten im Allgemeinen weniger stark als bei einer direkt ins Blut verabreichten Chemotherapie. Blutbildveränderungen, welche zu Infektionsgefährdung und Blutungsneigung führen, fallen geringer aus, ebenso Durchfall und Übelkeit. Der gefürchtete komplette Haarverlust am Kopf ist selten.

„Bei den neuen zielgerichteten Therapien gegen Krebs in Tablettenform werden die Tumorzellen stärker gehemmt als die gesunden Zellen, weswegen die Behandlung gesunden Zellen weniger oder nichts anhaben kann“, erklärt Prof. Ludwig die häufig geringeren Nebenwirkungen.

Eine Chemotherapie in Tablettenform bringt zwar viele Vorteile für den Patienten, doch sein Körper muss für diese Behandlungsform geeignet sein, erklärt Prof. Preusser.

„Der Patient muss bestimmte körperliche Voraussetzungen mitbringen. Seine Organe müssen zum Beispiel ausreichend gut funktionieren und die Blutbefunde bestimmten Mindestanforderungen entsprechen, um Risiken der Therapie gering zu halten. Der Patient muss dazu gut schlucken und verdauen können. Das ist zum Beispiel bei Tumoren im Hals, in der Speiseröhre oder im Magen nicht immer der Fall.“

Viel Eigenverantwortung

Schließlich erfordert diese Form der „Heimtherapie“ ein hohes Maß an Eigenverantwortung.

Die Einnahmezeiten und die Zahl der Tabletten müssen genau eingehalten und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nahrungsmitteln immer berücksichtigt werden.

„Daher ist es wichtig, dass das ärztliche Behandlungsteam den Patienten immer ausführlich über alle Therapien aufklärt. Ist eine Chemotherapie mit Tabletten möglich und gewünscht, kann sie selbstverständlich durchgeführt werden“, versichert Prof. Preusser.
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