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Ausgabe Nr. 18/2019 vom 29.04.2019, Fotos: picturedesk.com
Ob das Putenschnitzel auf unserem Teller aus einem ausländischen Massentierhaltungsbetrieb kommt, erfahren wir derzeit nicht.
Köstinger muss handeln, fordern Tierschützer
Das Wirtshaus-Schnitzel
bleibt anonym
Jedes zweite Hendl essen wir außer Haus. Doch woher das Fleisch kommt, bleibt meist im Dunkeln. Auch künftig soll es für verarbeitetes Fleisch im Wirtshaus keine Herkunfts-Kennzeichnung geben. Anders als in der Schweiz.
Wer in der Schweiz die Speisekarte aufschlägt, erfährt genau, woher das Putenschnitzel oder das Rindsfilet kommt. USA, Brasilien, aber auch Schweiz oder Österreich sind dort zu lesen. Auch darüber, ob unter Umständen Hormone oder Antiobiotika eingesetzt wurden, werden Hungrige informiert. Selbst wenn die „Pochierten Eier auf Toast mit Kräutersauce“ aus Käfighaltung stammen, müssen die eidgenössischen Wirte das deklarieren.

Dem Gast kann dabei schon einmal der Appetit vergehen. Bei uns wehrt sich die Lebensmittel-Industrie gegen ein nationales Vorpreschen. Anders als bei Frischfleisch gibt es bei uns noch keine Herkunfts-Kennzeichnung für verarbeitete Produkte. Die schwarz-blaue Koalition hat sich im Regierungsprogramm auf eine zusätzliche „verpflichtende Herkunfts-Kennzeichnung“ für Produkte aus Fleisch, Eiern und Milch geeinigt. Allerdings nur in Supermärkten und „in Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung“. Dort soll die Herkunft der Hauptzutaten ersichtlich sein. In Spitälern, Pflegeheimen oder in der Firmen-Kantine dürfen wir dann wissen, woher das Fleisch stammt. Im Schnellrestaurant oder beim Wirt ums Eck nicht.

Für den Grünen-EU-Parlamentarier Thomas Waitz ist das unverständlich. „Wenn das Hühnerschnitzerl auf dem Teller aus einem ukrainischen Massentierhaltungs-Betrieb stammt, dann haben wir derzeit kein Recht darauf, das zu erfahren“, erklärt der Biobauer.

Er hat jüngst gemeinsam mit der Kampagnen-Organisation „Shifting Values“ die Geschäftspraktiken eines ukrainischen Geflügelkonzerns aufgedeckt. Mit Krediten aus EU-Ländern würden Hühner in die EU geschummelt, haben die Nachforschungen ergeben. Die EU-Einfuhrbeschränkungen für Hendlbrüste werden dabei laut Berichten vom Geflügelkonzern MHP mit einem Trick umgangen. Beim Zerlegen der Tiere in der Ukraine bleibt ein Knochen an den Hendlbrüsten. In der Slowakei und in den Niederlanden wird der Knochen dann entfernt. Damit gelten die Hendlbrüste als ein EU-Produkt.

Jetzt machen die Grünen im EU-Parlament gegen eine Kapitalvergabe von 100 Millionen Euro an die MHP-Gruppe durch die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) mobil. Anteilseigner der Bank sind unter anderem die EU-Staaten sowie die EU als Institution. Derzeit wird laut Grünen beraten, ob die Übernahme eines slowenischen Unternehmens durch MHP finanziert werden soll.

Das seien öffentliche Mittel, „die dafür verwendet werden, unsere eigene Hühnerfleischproduktion durch Billigimporte kaputtzumachen. Und noch dazu unterstützen wir damit unvorstellbares Tierleid, schlechte Arbeitsbedingungen und die Zerstörung der Umwelt in der Ukraine“, kritisiert Thomas Waitz. Die Grünen wollen, dass öffentliche Mittel künftig an Tierwohlkriterien geknüpft werden.

In unserem Land sind die Tierschutz-Vorschriften deutlich höher als in den meisten Ländern. Puten und Hühner haben mehr Platz als in vielen Staaten. Dafür ist „unser“ Fleisch etwas teurer und der Selbstversorgungsgrad hierzulande niedrig. Nicht einmal die Hälfte des Putenfleisches auf unseren Tellern stammt aus hiesigen Ställen. Der Rest kommt aus dem Ausland. Auch nur eine von vier Gänsen, dafür aber acht von zehn Hühnern stammen aus unserem Land.

Doch ob das Putenschnitzel auf unserem Teller aus einem ausländischen Massentierhaltungsbetrieb kommt, erfahren wir derzeit nicht. Dabei würde eine Wirtshaus-Kennzeichnung die hiesigen Bauern unterstützen und verhindern, dass Fleisch von Tieren auf unserem Teller landet, die unter schlechteren Bedingungen leben müssen als bei uns. „Ministerin Elisabeth Köstinger ist aufgefordert, hier sofort zu handeln“, fordert der Grüne Thomas Waitz.

Tierschützer würden sogar noch einen Schritt weitergehen. Tierische Produkte sollten nicht nur nach Herkunft, „sondern auch nach der Haltungsform gekennzeichnet werden“, sagt Nina Jamal von den „Vier Pfoten“. Schließlich essen wir jedes zweite Hendl außer Haus. Im Jahr 2016 hat eine Befragung von „Vier Pfoten“ bei Gastro-Unternehmen ergeben, dass nur eine Minderheit davon ihr Hühnerfleisch ausschließlich aus dem Inland bezieht.

Bei Frischeiern funktioniert die Kennzeichnung nach der Haltungsform bereits gut. 0 steht für Bio-Haltung, 1 für Freiland-Eier, 2 für Bodenhaltung. Eier aus Käfighaltung müssen mit der Ziffer 3 versehen werden. Käfige für Legehennen sind allerdings bei uns ein Auslaufmodell.

In verarbeiteten Produkten oder in der Gastronomie, wo es diese Kennzeichnung nicht gibt, werden ausländische Käfigeier weiter verwendet. „Der Konsument könnte mit einer Kennzeichnung besser entscheiden, welche Produkte er kauft“, erklärt die „Vier Pfoten“-Expertin Nina Jamal. Wenn auf der Schnitzelfleisch-Packung oder auf der Speisekarte „aus industrieller Haltung“ oder „aus Intensivhaltung“ stünde, würden vielleicht manche nicht zugreifen.
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