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Ausgabe Nr. 17/2019 vom 23.04.2019, Foto: picturedesk.com
Ein Bild aus besseren Tagen: Katerina Jacob, 61, mit ihrer Mutter Ellen Schwiers, 88, die ihrem Leiden durch das Sterbefasten ein Ende setzen möchte.
Ellen Schwiers, 88, ist schwer krank. Ihre Tochter, Schauspielerin Katerina Jacob, 61, sagt: „Meine Mutter hat sich für das Sterben entschieden“
Eigentlich bin ich ja fast schon tot. Ich liege den ganzen Tag nur im Bett und werde von unerträglichen Glieder-, Nerven- und Knochenschmerzen gequält. Und das, obwohl ich ein Schmerzpflaster bekomme, das alle acht Tage gewechselt wird. Aber das hilft nur bedingt“, beschreibt Ellen Schwiers ihr leidvolles Dasein.
Die am 11. Juni 1930 im polnischen Stettin geborene Schauspielerin liebte ihren Beruf und legte Wert auf ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben. Umso schlimmer für sie, dass sie jetzt, mit 88, rund um die Uhr auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist. „Auf keinen Fall will ich 90 werden. Ich möchte keine Belastung sein, ich möchte sterben“, sagte Ellen Schwiers in den vergangenen Monaten mehrfach. Sie hat mit ihrem Leben abgeschlossen.

In ihrem Haus in Berg am Starnberger See (D) wird sie seit Längerem rund um die Uhr von 24-Stunden-Pflegekräften aus Kroatien betreut. „Ich habe immer schwer gearbeitet. Plötzlich nichts mehr tun zu können, ist einfach nur furchtbar. Wenn ich mein Taxi, so nenne ich meinen Rollstuhl, brauche, rufe ich nach meiner Betreuerin, die mir den Rollstuhl ans Bett bringt“, beschreibt die Schauspielerin ihre Situation, die ihr schwer zu schaffen macht.

„Des Lebens müde“ interessieren sie nicht einmal mehr die Fotoalben aus früheren, besseren Zeiten. Obwohl Schwiers auf ein „buntes, reiches und schönes Leben“ zurückblicken kann. Mit 19 Jahren war die Frau mit den markanten Gesichtszügen, vollen Lippen und Katzenaugen erstmals in der heiteren Romanze „Heimliches Rendezvous“ auf der Leinwand zu sehen. Schwiers drehte mehr als 100 Filme, darunter „08/15 – Im Krieg“ (1955) mit Joachim „Blacky“ Fuchsberger, „Das Erbe von Björndal“, „Der letzte Zeuge“ (beide 1960) und „Der Würger vom Tower“ (1966). Sie spielte an der Seite von Burt Lancaster, Henry Fonda, Robert De Niro und Gérard Depardieu. Sie war die Zigeunerin, die Spanierin, die Mutter Courage, die Buhlschaft, aber nie das brave Gretchen. Beim „Bund deutscher Mädel“ im Zweiten Weltkrieg wurde von ihr ein Nachweis über ihre arische Herkunft verlangt, weil sie nicht blond und blauäugig war. Rückblickend sagt sie, durfte sie in ihrem Leben alle Rollen spielen, die sie interessierten.

Nun, im hohen Alter, sieht sich Ellen Schwiers mit ihrer bislang forderndsten Rolle konfrontiert, und zwar als schmerzgeplagtes, hilfloses Wesen. „Genau das habe ich nie gewollt“, sagt die 88jährige, die mittlerweile begonnen hat, das Essen zu verweigern.

„Meine Mutter hat sich für das Sterbefasten entschieden. Ich respektiere ihre Entscheidung, weil es für sie eine Erlösung ist“, sagt Schwiers‘ Tochter, die Schauspielerin Katerina Jacob, 61, bekannt aus der Serie „Der Bulle von Tölz“. Ihr bleibe in dieser Situation nichts anderes übrig, als „an Mamas Seite zu sein und ihr, so absurd das klingen mag, den Abschied so angenehm wie möglich zu machen“. Jacob meint, das sogenannte „Sterbefasten“ ihrer Mutter sei eine friedliche Angelegenheit. „Sie dämmert ruhig vor sich hin. Für uns Angehörige ist es natürlich eine schwere Zeit, aber wir müssen uns damit abfinden, dass es für sie keine Rettung mehr gibt.“ In manchen Momenten sei ihre Mutter zwar noch klar bei Sinnen und mache sogar Scherze, aber dann schlafe sie ganz schnell wieder ein.

Bevor sich Ellen Schwiers entschieden hat, nichts mehr zu essen, war rund um das Thema „Sterbehilfe“ eine öffentliche Debatte entbrannt. Tochter Katerina Jacob wurde vorgeworfen, ihrer Mutter die Möglichkeit der Sterbehilfe zu verweigern. Ein Vorwurf, den Jacob entschieden zurückweist. „Ein Mensch, der in Würde sterben möchte, darf das in Deutschland nicht, weil es so wie in vielen anderen Ländern keine gesetzliche Grundlage dafür gibt. Als meine Mutter den Wunsch nach Sterbehilfe äußerte, war sie nicht mehr transportfähig. Um sie in die Niederlande zu bringen, wo die Sterbehilfe wie in der Schweiz erlaubt ist, hätte meine Mama aber transportfähig sein müssen. Das steht ganz klar in den Bestimmungen“, rechtfertigt sich Jacob. „Die Chance, im Kreise der Familie würdevoll Abschied zu nehmen, müsste grundsätzlich für jeden Menschen auf dieser Welt legal gegeben sein. Daher muss das Gesetz für Sterbehilfe dringend geändert werden“, spricht sie sich für ein selbstbestimmtes Ableben aus.

Ähnlich qualvoll wie bei ihrer Mutter empfand Katerina Jacob das Sterben ihres Bruders 1985. „Daniel war erst 21, er litt an einem Hirntumor. Seine Schmerzen müssen höllisch gewesen sein, er hat nur noch geschrien. Es war furchtbar. Wir haben den Arzt gebeten, wenigstens die Dosis seiner Opiate zu erhöhen. Obwohl längst klar war, dass Daniel nicht überleben wird, musste er bis zum Schluss elendiglich leiden.“

Auch ihrer Mutter würden die Ärzte keine höheren Morphindosen verabreichen. „Es heißt, dass das Sterbefasten je nach Konstitution zwischen zwölf und 21 Tage dauern kann. Ab und zu trinkt sie ein bisschen Wasser. Wie sich jeder vorstellen kann, ist es für mich ganz schrecklich, ihr hilflos bei diesem Leidensweg zuzuschauen“, sagt Jacob.

Ihr bleibt aber nichts anderes übrig. Denn, „wenn es der Wunsch eines Menschen ist, freiwillig auf das Essen und Trinken zu verzichten, dann ist das zu akzeptieren. Das Sterbefasten ist rechtlich zulässig, vorausgesetzt, der Mensch ist zurechnungsfähig und einsichtsfähig“, erklärt Prof. Dr. Rudolf Likar, der Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (ÖGP).
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