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Ausgabe Nr. 17/2019 vom 23.04.2019, Fotos: dpa, akg-images
Die Luftaufnahme macht das Ausmaß der Katastrophe deutlich.
Notre-Dame, wie sie war.
Notre-Dame gibt‘s nicht mehr
Wer in die französische Hauptstadt Paris kommt, lässt einen Besuch in der Kirche Notre-Dame kaum aus. Pro Jahr lockt sie mehr als doppelt so viele Touristen an wie der Wiener Stephansdom. Nun wurde das romanisch-gotische Bauwerk durch ein Feuer schwer beschädigt. Wiederaufbaupläne gibt es bereits, doch die historische Kirche wird nie wieder so sein, wie sie war.
Die Luftaufnahme macht das Ausmaß der Katastrophe deutlich. Das Dach des Kirchenschiffes ist zerstört. Die Holzkonstruktion krachte 35 Meter in die Tiefe. Ein Denkmal der katholischen Kirche, ein Symbol des Glaubens, wurde zum Opfer der Flammen.

Gegen 19 Uhr am Montag der Vorwoche soll das Unglück seinen Lauf genommen haben. Ein Feuer brach im gotischen Spitzturm der Kirche Notre-Dame de Paris (deutsch: „Unsere liebe Frau von Paris“) aus. Die in den Jahren 1163 bis 1345 errichtete Kathedrale ist der Gottesmutter Maria geweiht. Sie steht im historischen Zentrum von Paris (F), hat zwei aus Naturstein errichtete Türme von 69 Metern Höhe, die Breite des Kirchenschiffes beträgt 48 Meter. Der Spitzturm ragte etwa in der Mitte des 130 Meter langen Kirchenschiffes empor. Von dort fraß sich das Feuer über die Holzkonstruktion des Daches, brachte es zum Einsturz und ließ auch den Spitzturm in sich zusammenbrechen.

Die Ermittlung der Brandursache gestaltet sich schwierig, weil die Experten kaum in das Innere des Gotteshauses vordringen können. „Es ist zu gefährlich“, erklärt einer der Ermittler, die bislang 40 Mitarbeiter von Baufirmen befragten, die an der Kirche Renovierungsarbeiten vorgenommen haben. An einem Lastenaufzug, der dafür errichtet wurde, könnte ein Kurzschluss entstanden sein, der den Brand ausgelöst hat. Von einer fehlerhaften Installation ist gar die Rede. Die Unternehmer weisen jedoch alle Schuld von sich und geben an, entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen zu haben.

Monseigneur Patrick Chauvet, der Dom-Dekan, meint, „der Brand könnte aufgrund eines Computerprogramm-Fehlers des Aufzuges entstanden sein.Näheres lässt sich jedoch noch nicht sagen. Vielleicht werden wir in zwei bis drei Monaten herausgefunden haben, was tatsächlich den Brand ausgelöst hat. Meines Erachtens ist ein Gutteil der Kirche durch den Brand erheblich beeinträchtigt.“

Um welchen Teil es sich handelt, sagte er nicht. Es sei für ihn auch noch unklar, wie es für die 67 Angestellten der Kirche weitergehe. Um trotz der Katastrophe Touristen anzulocken und Gläubige nicht im Stich zu lassen, schlug Chauvet vor, eine Holzkirche auf dem Vorplatz von Notre-Dame zu errichten. Sie soll während der Renovierungsarbeiten für Gottesdienste zur Verfügung stehen.

Wohl eine lange Zeit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nutzte die Brand-Katastrophe für Eigenwerbung vor der Europa-Wahl am 26. Mai und versprach dem Volk in einer Fernsehrede den Wiederaufbau unter seiner Führung in fünf Jahren. Ein für Architekten utopisches Ziel. Experten sprechen von bis zu 20 Jahren. Umfragen zeigen jedoch, dass Macron bei der Bevölkerung punkten konnte. Seine Beliebtheit hatte zuletzt deutlich gelitten, weil er der Mittelschicht keine Entlastung brachte. Hohe Spritpreise und fehlende Sozialleistungen hatten Macron in Bedrängnis gebracht. Jetzt ließ er zudem verlauten, dass er all jenen, die großzügig für den Wiederaufbau von Notre-Dame spenden, steuerliche Erleichterungen ermöglichen werde. Profitieren und profilieren werden sich die Reichen, die gleich einen Wettbewerb veranstaltet haben, wer mehr Geld fließen lässt. François-Henri Pinault,
zu dessen Imperium die noble Modekette Gucci gehört, will 100 Millionen Euro spenden, Bernard Arnault erhöhte kurz darauf auf 200 Millionen Euro. Er ist Geschäftsführer des börsennotierten Unternehmens LVMH Louis Vuitton, das Vermögen seiner Familie wird auf 82 Milliarden Euro geschätzt. Durch Kleinbeträge wurden zusätzlich bereits mehr als elf Millionen auf das Spenden-Konto der französischen Kulturerbe-Stiftung eingezahlt.

Staatliche Unterstützung wurde bisher ebenso wenig zugesichert wie Geld vom Vatikan aus Rom (Italien). Notre-Dame, so heißt es, sei aber in staatlichem Besitz, es gebe keine Versicherung, durch die der Schaden gedeckt wäre. Dafür hagelt es mittlerweile Kritik am Spendenaufkommen. „Wenn sie es schaffen, Dutzende Millionen für Notre-Dame zu geben, sollten sie aufhören, uns zu erzählen, dass kein Geld da ist, die soziale Ungerechtigkeit auszugleichen“, beschwert sich unter anderem der Gewerkschaftschef Philippe Martinez.

Wie der Aufbau durchgeführt werden soll, steht noch nicht fest. Der zerstörte Dachstuhl war eine Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert. Von ihm gibt es laut Forschern keine Baupläne. Ein originalgetreuer Wiederaufbau scheint unmöglich. Der deutsche Kirchenexperte Stephan Albrecht ist daher überzeugt: „Notre-Dame, wie wir sie kennen, ist verloren.“ Den Touristen-Magneten, der bis zu 13 Millionen Menschen pro Jahr, doppelt so viel wie der Stephansdom in Wien, und 33.000 Besucher am Tag anlockte, gibt es in der ursprünglichen Form nicht mehr. Experten sprechen sich bereits dafür aus, die Kirche moderner zu gestalten. „Wir sollten etwas wagen“, meint ein Architekt. „Wie auch andere Kathedralen ist Notre-Dame kein erstarrtes Kulturerbe. Seit Jahrhunderten haben sich verschiedene Stile überlagert. Wichtig ist allerdings, den Geist von Notre-Dame zu erhalten und zu stärken.“

Möglich wäre ein ähnliches Vorgehen wie beim Stephansdom in Wien. Im April 1945 brannte das aus Holz bestehende Dach ab und wurde durch eine Stahlkonstruktion ersetzt. Für die Pariser Umweltschützer der Organisation „Robin Hood“ gibt es aber vor dem Wiederaufbau ein dringlicheres Problem zu lösen. „Durch das Schmelzen von mindestens 300 Tonnen Blei ist das gesamte Gebiet rund um die Kirche vergiftet und muss gesäubert werden“, erklärt deren Sprecher.
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