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Ausgabe Nr. 15/2019 vom 09.04.2019, Foto: AdobeStock
Wie Ärzte und Patienten künftig Zeit sparen können
Tele-Medizin statt Arztbesuch
Chronische Erkrankungen, Reha-Aufenthalte, schwer heilende Wunden. In Zukunft könnten Patienten zahlreiche Erkrankungen therapieren lassen, ohne dabei die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Eine Kommunikation mit dem Arzt oder Therapeuten über Computer soll das möglich machen.
Otto Schein wohnt nach zwei Schlaganfällen und einer Gehirnblutung im Pflegeheim Kühnsdorf in Kärnten.

Seit zwei Jahren leidet der 73jährige Pensionist an offenen Füßen und muss daher ständig Verbände tragen. Die mehrmals in der Woche sorgfältige Pflege der Wunde ist wichtig, doch der Weg in die Wundambulanz des Elisabethinen Krankenhauses in Klagenfurt ist wegen der kranken Füße anstrengend für den Kärntner.

Das ist nun anders, denn Herr Schein ist Teilnehmer eines Probebetriebes zur Tele-Medizin. Das heißt, seine Wunden werden zu Hause versorgt, unterstützt durch den Hausarzt, einer in Wundversorgung ausgebildeten Pflegekraft und den Einsatz von Computer und Bildschirm.

„Mit diesem Projekt wollen wir die Lebensqualität der Patienten steigern. Belastende Transporte ins Krankenhaus oder Spitalsaufenthalte werden vermieden, Warte- und Wegzeiten verkürzt“, erklärt Oberarzt Dr. Walter Müller vom Elisabethinen Krankenhaus Klagenfurt.

„Wir betreuen derzeit zehn Patienten mit chronischen Wunden mit Hilfe der Tele-Medizin. Das heißt, der Hausarzt und die Pflegekraft kommen gemeinsam zum Patienten nach Hause. Der Hausarzt macht ein oder mehrere Fotos der Wunde und schickt sie sofort über eine sichere Datenleitung an das Wundzentrum am Elisabethinen Spital. Ein Wundarzt begutachtet die Bilder und gibt seine Empfehlungen, wie die Wunde weiter versorgt wird. Sollte sich der Zustand der Wunde verschlechtert haben, sodass ein Aufenthalt im Spital notwendig wird, kann auch das sofort entschieden werden.“

Weniger Stress unterstützt die Heilung

Vor allem Menschen wie Herrn Schein, die durch andere Erkrankungen beeinträchtigt sind, soll damit geholfen werden. Ebenso Patienten nach Bypass- oder Gefäß-Operationen. „Wir sind sicher, dass mit dieser Form der Betreuung zum Beispiel chronische Wunden besser heilen. Allein durch die laufende Vorort-Wundversorgung und durchgehende Begleitung der Wundspezialisten“, ist Dr. Müller überzeugt. Otto Schein hat sich bereits einige Spitalsfahrten erspart. „Das ist eine große Erleichterung. Es erspart ihm Stress. Seine Wunde heilt besser, weil ständig eine spezialisierte Pflegekraft die Versorgung übernimmt“, freut sich seine Frau Josefine.

Für die Kärntner Hausärztin Dr. Maria Korak-Leitner ist Tele-Medizin ein sinnvolles wie wichtiges Werkzeug in der Patientenbehandlung. „Tele-Medizin gibt es schon in anderen Formen. Wir beraten Patienten am Telefon oder sie schicken uns über einen Computer und eine sichere Datenleitung Informationen wie Blutdruck- oder Herzfrequenzdaten zu. Es ist am Anfang für die Patienten ein wenig seltsam, aber sie gewöhnen sich daran“, ist die Ärztin optimistisch.

Hausärzte sind zuversichtlich

Die Behandlung von chronischen Wunden mit Hilfe der Tele-Medizin findet sie interessant. „Wir Hausärzte versorgen oft schlecht heilende Wunden. Wenn nun das Angebot kommt, über Fotos und digitale Kommunikation mit Wundexperten Unterstützung zu bekommen, ist das begrüßenswert.“

Befürchtungen, dass Hausärzte noch mehr belastet werden könnten, sehen die Experten (noch) nicht. „Der Hausarzt ist nicht bei jeder Konsultation dabei. Dafür gibt es die Pflegekraft, die eine Ausbildung in der Versorgung chronischer Wunden absolviert hat. Der Hausarzt ist nur ein Mal in der Woche vor Ort.“

Einen künftig vermehrten Einsatz der Tele-Medizin, also in der Fernbehandlung von Patienten, sehen Ärzte auch in der Behandlung anderer Krankheiten, etwa bei Diabetes. Das ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien. Befragte Ärzte meinten, die Behandlungsqualität könne sich verbessern, wenn der Patient keine Anreise und nur wenig Wartezeit hat. Dabei können Blutzuckerwerte schon jetzt über ein Computer-Programm an den Arzt geschickt werden. Eine Alarmfunktion verständigt ihn, wenn die Werte des Patienten gefährliche Höhen oder Tiefen erreichen. Tritt der Notfall ein, nimmt der Arzt mit dem Patienten Kontakt auf. Darüberhinaus könnte die Versorgung von Diabetes-Patienten, zum Beispiel die Blutzuckereinstellung, über Tele-Medizin erfolgen. Ein ärztliches Betreuungssystem also, das ausbaufähig sei, sagen die Ärzte. Vorausgesetzt, ein zeitlicher Mehraufwand werde ihnen bezahlt.

Reha zu Hause erspart lange Aufenthalte

Die Vorteile einer Fern-Behandlung über einen Bildschirm sollen künftig auch in der Rehabilitation genützt werden. „Patienten, die nach einer Operation zur Reha antreten sollen, können oder wollen manchmal nicht zwei, drei oder mehr Wochen von Zuhause weg sein. Sie könnten künftig mit Hilfe eines Smartphones, eines Tablets oder anderer digitaler Geräte mit Bildschirm ihr Übungsprogramm zu Hause absolvieren. Verbunden über das Gerät und eine sichere Datenleitung mit ihrem Therapeuten“, erklärt Constance Schlegl, Präsidentin der Physio Austria. Ganz ohne persönlichen Kontakt vorab mit dem Therapeuten ist das aber nicht möglich. „Der Physiotherapeut muss entscheiden, ob der Patient körperlich und geistig in der Lage ist, zu Hause zu üben, und ob der Platz zu Hause dies erlaubt.“

Bekommt ein Patient „grünes Licht“ für die Reha durch Tele-Medizin, kann er sich lange Reha-Aufenthalte oder mehrmalige Anreisen zu Therapiestunden ersparen. „Die Übungseinheiten haben denselben Umfang wie beim stationären Aufenthalt. Der Patient ist über Sensoren mit dem Programm verbunden. Macht er falsche oder zu wenig Bewegungen, wird das sofort dem Therapeuten gemeldet. Das Schummeln wird also auch bei der Reha zu Hause nicht möglich sein.“
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