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Ausgabe Nr. 15/2019 vom 09.04.2019, Foto: AdobeStock
Niedrige Gehälter, hohe Lebenshaltungskosten
Jeder Vierte hat keine Ersparnisse
Für immer mehr Menschen in unserem Land wird es zusehends schwieriger bis unmöglich, sich einen finanziellen Sicherheitspolster zu schaffen. Während das reichste Prozent der Haushalte fast ein Viertel des Vermögens besitzt, verfügt laut einer aktuellen Studie jeder Vierte über gar keine Ersparnisse. Rund die Hälfte gibt an, am Monatsende kein Geld mehr am Konto zu haben.
Die Menschen hierzulande haben weniger Geld zur Verfügung als früher. Weil die Löhne seit Jahren kaum gestiegen, die Lebenshaltungskosten aber hoch sind.

Wie schlecht es um die Geldreserven der Menschen steht, zeigt jetzt eine Internet-Umfrage der Bank ING, bei der rund 1.000 Menschen, die keine Kunden der Bank sind, zu ihrer Geldsituation befragt wurden. Demnach haben dreizehn Prozent der Befragten weniger als ein Nettomonats-Einkommen als Sparreserve zur Verfügung. Vier von zehn Personen können auf ein bis sechs Monatsgehälter zurückgreifen und nur etwa jeder Siebente (14 %) hat mehr als ein ganzes Jahreseinkommen gespart. Demgegenüber kann rund jeder Vierte auf gar keine Ersparnisse zurückgreifen. Die meisten von ihnen verdienen laut eigenen Angaben zu wenig, um Geld auf die Seite legen zu können. Zudem hat jeder zweite aller Befragten am Monatsende gar kein Geld mehr auf dem Konto.

„Der Anteil derjenigen, die nichts sparen können, wird größer, gleichzeitig legen diejenigen, die sparen können, noch mehr zur Seite“, erklärt Josef Baumgartner vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). „In den vergangenen zehn Jahren ist die Inflation um mehr als 20 Prozent gestiegen, bei Lebensmittelpreisen und beim Wohnen war der Anstieg sogar deutlich höher. Die Privatmieten sind in zehn Jahren um knapp 50 Prozent gestiegen, bei Genossenschaftswohnungen sind es 34 Prozent, während Gemeindewohnungen mit 30 Prozent preislich noch am wenigsten angezogen haben. Haushalte von Niedrigverdienern müssen einen höheren Anteil ihres Einkommens für diese notwendigen Güter ausgeben.“

Der Pensionsexperte der Arbeiterkammer (AK) Wolfgang Panhölzl weist zudem darauf hin, dass Menschen, denen weniger Geld zur Verfügung steht, naturgemäß schlecht für ihren Ruhestand vorsorgen können. „Hierzulande gibt es rund 1,4 Millionen Erwerbsverhältnisse mit einem Jahreseinkommen unter der jährlichen Steuergrenze von 11.000 Euro. Eine private Pensionsvorsorge, etwa in Form einer Lebensversicherung, geht sich da nur schwer aus.“ Zumal sich eine private Pensionsvorsorge aufgrund der hohen Kosten und der derzeit niedrigen Zinsen bei der Veranlagung ohnehin kaum auszahle.

Zurückzuführen ist dies auf die anhaltende Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), aufgrund derer auch die Sparzinsen im Keller sind. Je nach Bank winken für ein Sparbuch mit einer Veranlagungsdauer von einem Jahr kaum mehr als 0,5 Prozent Zinsen.
Angesichts der jährlichen Inflationsrate von etwa zwei Prozent verliert das Geld deswegen dramatisch an Wert.

Andererseits ließ etwa der mit Ende des Jahres scheidende Erste Bank-Chef Andreas Treichl, 66, wissen, dass im abgelaufenen Geschäftsjahr 2018 ein Rekordgewinn von rund 1,8 Milliarden Euro erwirtschaftet wurde. Freilich, die kleinen Sparer haben davon nichts.

Wie ungleich das Vermögen hierzulande verteilt ist, zeigt eine aktuelle Studie der Österreichischen Nationalbank (OeNB). Während das reichste Prozent der heimischen Haushalte fast ein Viertel des Vermögens besitzt, teilen sich die untersten 50 Prozent gemeinsam nicht einmal vier Prozent. Laut Nationalbank hat unser Land damit eine der höchsten Vermögensungleichheiten in Europa.

Experten kritisieren daher immer wieder die Tatsache, dass hierzulande seit 1995 keine Vermögenssteuer und seit 2008 keine Erbschaftssteuer mehr eingehoben wird. Schätzungen zufolge könnten durch Vermögenssteuern je nach Gestaltung zwischen 2,7 und 6,3 Milliarden Euro in die Staatskassa fließen, Geld, das für den Sozialstaat und speziell für die gestiegenen Kosten der Pflege bitter nötig sei, meint AK-Präsidentin Renate Anderl.

Sie pocht daher auf eine „Besteuerung großer Erbschaften und Schenkungen“. Nach einer aktuellen Umfrage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind zwei von drei Personen hierzulande für eine höhere Besteuerung von Reichen.

Zusätzlich fordert Anderl eine sogenannte Finanztransaktionssteuer. Dabei werden etwa Aktien- oder Anleihengeschäfte laut einem Vorschlag der EU-Kommission mit einer Steuer von 0,1 Prozent belegt, was unserem Staat jährlich rund 500 Millionen Euro einbringen soll.

In SPÖ-Kreisen stößt auch immer wieder sauer auf, dass sich etliche große Unternehmen ihrer Steuerpflicht entledigen, indem etwa Firmensitze in Länder mit niedrigeren Steuersätzen verlegt werden beziehungsweise auch hierzulande alle nur erdenklichen Steuertricks angewendet werden.

Laut dem Finanzsprecher der SPÖ, Jan Krainer, entgeht dem Staat auf diese Weise jährlich rund eine Milliarde Euro.

Er kritisiert die türkis-blaue Regierung, die alles tue, damit es so bleibt, und wirft ihr „lupenreine Klientelpolitik für die Konzerne“ vor. Auch die Finanztransaktionssteuer, die EU-weit umgesetzt hätte werden sollen, sei von ÖVP-Finanzminister Hartwig Löger während unserer EU-Präsidentschaft im Jahr 2018 verhindert worden, sagt Krainer. rb
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