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Ausgabe Nr. 14/2019 vom 02.04.2019, Fotos: Fotos: Birdlife, WWF
In Zistersdorf (NÖ) wurden seit 2016 mehr als 40 Greifvögel vergiftet.
Christina Wolf-Petre
Umweltorganisation WWF:

„Das Problem von vergifteten Greifvögeln
gibt es im ganzen Land. “
Mit Gift vom Himmel geholt
Greifvögel wie Seeadler, Rotmilane und Mäusebussarde sind in unserem Land streng geschützt. Trotzdem werden immer wieder Giftköder ausgelegt, die den Tieren einen qualvollen Tod bescheren. Vor allem in der Region um Zistersdorf im Bezirk Gänserndorf (NÖ) werden seit geraumer Zeit auffallend oft Kadaver gefunden. Tierschützer vermuten die Täter unter der Jägerschaft, weil sie Greifvögel und Füchse als Konkurrenz sehen.
Das Gift wirkt schnell“, sagt Matthias Schmidt, der auf einem Feld in Zistersdorf im Bezirk Gänserndorf (NÖ) einen toten Mäusebussard begutachtet. „Weil die Muskulatur verkrampft, kann sich der Greifvogel nicht mehr koordiniert bewegen, letzendlich versagt auch die Atmung und das Tier erstickt unter großen Schmerzen“, erklärt der Vogelexperte der Organisation „Birdlife“.

Tierschützer finden immer wieder Greifvögel, aber auch Füchse, Marder und Hauskatzen, die durch die für die Vögel bestimmten Giftköder qualvoll verenden müssen. „Jedes Jahr werden in unserem Land rund zwanzig Fälle von vergifteten Greifvögeln bekannt, doch das ist nur die Spitze des Eisberges, die Dunkelziffer ist bedeutend höher“, ist Schmidt überzeugt. „Das Problem existiert im ganzen Land“, bestätigt die Artenschutzexpertin der Natur- und Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) Christina Wolf-Petre.

„Es gibt auch Fälle von vergifteten Greifvögeln etwa in der Steiermark und in Oberösterreich, jedoch ist das Flachland im Osten unseres Landes ein besonders ausgeprägtes Verbreitungsgebiet dieser Tiere. Gerade in der Region um Zistersdorf verzeichnen wir eine besorgniserregende Zunahme der Greifvögelverfolgung.“ Hier wurden
seit dem Jahr 2016 mehr als 40 Greifvögel und zahlreiche Säugetiere getötet.

„Prinzipiell stehen alle Greifvögel unter Schutz“, erklärt Wolf-Petre. Hierzulande angesiedelte Arten sind etwa Rotmilane, Kaiseradler, Mäusebussarde und Seeadler, die mit einer Flügelspannweite von bis zu 250 Zentimetern Europas größte Adler sind. Obwohl sich der Bestand laut WWF etwas erholt hat, gilt er als vom Aussterben bedroht. „Bundesweit gibt es nur noch 35 Brutpaare. Junge Seeadler werden erst nach vier bis fünf Jahren geschlechtsreif. Viele erreichen dieses Alter aber gar nicht und können zum Bruterfolg nicht beitragen. Es ist daher besonders bitter, wenn Tiere vergiftet werden. Zuletzt wurde bei Rabesreith im Bezirk Waidhofen an der Thaya (NÖ) ein vergiftetes Seeadler-Weibchen entdeckt“, sagt Wolf-Petre.

Über die Täter könne laut der Artenschutzexpertin nur gemutmaßt werden. „Wenn verendete Tiere in Siedlungsnähe gefunden werden, könnten etwa speziell Hundehasser am Werk gewesen sein, am wahrscheinlichsten sind aber Jäger.“

Der gleichen Meinung ist auch Matthias Schmidt. „Manche Jäger, die Niederwild wie etwa Fasane, Hasen, Enten und Rebhühner jagen, sehen Greifvögel, Füchse und Marder als Konkurrenz an und legen deshalb Giftköder aus.“ Abschießen brauche viel Zeit, mit Gift gehe das schneller, weiß Schmidt.

„Meist werden die Tiere mit dem verbotenen Pestizid Carbofuran getötet, das früher in der Landwirtschaft weit verbreitet war und von dem es, trotz eines aktuellen Verbotes, noch riesige Restbestände gibt. Prinzipiell ist nur eine kleine Menge nötig, um ein Tier zu vergiften.

Oft werden als Köder Innereien, präparierte Hasen, Enten oder manchmal sogar Hauskatzen verwendet. Damit das Gift tödlich wirkt, muss es nicht einmal direkt aufgenommen werden. Es kann auch vorkommen, dass etwa ein Fuchs von einem Köder frisst und daran stirbt. Vergreift sich dann ein Greifvogel an dem Fuchskadaver, ist auch er dem Tode geweiht.“ Wesentlich ist laut Schmidt, dass das Gift auch für Menschen hoch gefährlich sei, gerade für Kinder.

Der Niederösterreichische Landesjagdverband (NÖLJV) verurteilt die Auslegung von Giftködern, wie die Generalsekretärin Sylvia Scherhaufer betont. „Es handelt sich dabei um einen Rechtsbruch, der den Grundsätzen der Jagd und der Weidgerechtigkeit widerspricht.“

Mutmaßungen über mögliche Täter wolle sie sich nicht anschließen, aber „wenn es wirklich ein Jäger sein sollte, der erwischt wird, handelt es sich dabei um einen Verstoß gegen das Jagdgesetz und der Betroffene verliert seine Jagdkarte.“

Es komme auch darauf an, welches Tier vergiftet wurde. Bei einem streng geschützten Adler könne die Strafe mehrere Tausend Euro ausmachen.

Allerdings werden die Täter nur selten erwischt, wie Wolf-Petre erklärt. Experten der Organisationen WWF und Birdlife konzentrieren sich vor allem auf die Suche nach Giftködern. Hierzu wurde etwa „der Labrador-Mischlingsrüde ‚Charlie‘ in einem einjährigen Seminar dazu ausgebildet, getötete Greifvögel oder Giftköder im Freiland zu finden“, erklärt die Birdlife-Hundestaffelführerin Marion Schindlauer zuversichtlich, „dadurch können weitere Opfer verhindert werden.“

Zudem haben der WWF und der Niederösterreichische Landesjagdverband gemeinsam die Aktion „Vorsicht – Gift“ ins Leben gerufen, bei der die Jägerschaft und Spaziergänger aufgerufen sind, tote beziehungsweise verletzte Tiere bei der „Gifthotline“, Tel.: 0664/9255070 oder unter der Nummer des WWF 0676/4446612 anonym zu melden.

Der Wiener Tierschutzverein (WTV) schreibt zudem für zweckdienliche Hinweise an die Polizei, die zur Ergreifung und zur Überführung der Täter führen, eine Belohnung von 3.000 Euro aus.

Hinweise bitte an die Polizeiinspektion Zistersdorf unter der Telefonnummer 059/133 32 17. rb
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