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Ausgabe Nr. 14/2019 vom 02.04.2019, Foto: picturedesk.com
Alexander Wrabetz ist seit 13 Jahren ORF-Generaldirektor.
„Jede Schwächung des ORF führt zu einer Stärkung deutscher Sender“
620 Millionen Euro bekommt der ORF von den Gebührenzahlern. Die schwarz-blaue Regierung will den ORF umbauen und sparen. Von bis zu 200 Millionen Euro weniger ist die Rede. Statt eines Generaldirektors soll ein mehrköpfiger Vorstand den Sender führen.
Herr Generaldirektor Wrabetz, soll es eine Volksabstimung über die GIS-Gebühren geben?
Wenn die Regierung den ORF und dessen Leistungen stark reduzieren will, dann sollte man darüber das Volk befragen. Nicht darüber, wie der ORF finanziert wird, aber falls jemand den Plan haben sollte, den ORF so klein zu machen, dass wichtige Programme nicht mehr stattfinden können. Dann müssten wir die Österreicher, denen ja der ORF gehört, fragen.

Welche Programme könnten wegfallen?
Wenn wir 30 oder 40 Prozent weniger machen dürfen, dann könnten wir beliebte Sendungen wie zum Beispiel die „Barbara Karlich Show“ nicht mehr machen. Das würde sich durch alle Bereiche ziehen.

Brauchen wir grundsätzlich den ORF noch? Die Jungen schauen lieber Online-Dienste wie Netflix oder sind auf YouTube?
Das stimmt nur zum Teil. 88 Prozent der Österreicher nutzen täglich eines unserer Angebote, ob Fernsehen, Radio oder übers Internet. Und auch bei den Jungen ist die Zahl hoch. Ja, sie nutzen auch Netflix und anderes, aber wenn es um Information, um spannende neue österreichische Filmproduktionen und dergleichen mehr geht, sind sie nach wie vor bei uns. Ich glaube, dass der ORF für die Information im Land, für die Kultur, für den Sport aber auch für österreichische Unterhaltung für die meisten Österreicherinnen und Österreicher nach wie vor ein wichtiges Angebot ist. 80 Prozent der Menschen in unserem Land sind der Meinung, dass es einen starken und gut funktionierenden ORF geben soll.

Die Zuschauer zahlen 56 Cent Rundfunk-Gebühr pro Tag. Viele wollen aber nicht einmal mehr das hergeben. Wie erklären Sie sich diesen Frust über das ORF-Programm?
Eines unserer beliebtesten Programme sind die Radios der Landesstudios, also etwa Radio Tirol. Die werden von vielen nicht so sehr als ORF-Radios wahrgenommen, sondern einfach als „ihre“ Heimatradios. Wenn wir den Menschen bewusst machen, wie viele Leistungen vom ORF erbracht werden und dass es gut ist, dass es so etwas in einem kleinen Land gibt, dann wird auch die Bereitschaft aufrecht bleiben, einen Beitrag dazu zu leisten.

Immer wieder kommt die Kritik von Zusehern, dass der ORF tendenziös sei. Wie können Sie das entkräften?
Wir bemühen uns bestmöglich unabhängig, objektiv und vielfältig über das, was in der Politik vorgeht zu berichten. Das anerkennt auch die große Mehrheit der Bevölkerung. Es gibt sicher auch Kritik. Und die dürfen wir nicht überheblich wegwischen. Wenn wir Fehler machen, wenn wir nicht klar genug zwischen Bericht und Kommentar unterscheiden, dann müssen wir an uns arbeiten. Denn unser wichtigstes Gut ist, dass die Menschen unserer Information vertrauen. Dass es je nach politischem Standort heißt, wieso kommen die einen so viel vor oder die anderen, das wird es immer geben.

Gibt es jetzt mehr Einmischung in die Redaktionsarbeit?
Nein, eine Einmischung lassen unsere Redakteure nicht zu. Wenn jemand Kritik übt, nehmen wir das ernst und wir schauen uns an, ob wir einen Fehler gemacht haben. Aber die allgemeine Unzufriedenheit von allen Seiten der Politik ist immer gleich groß. Es ist ja nicht unsere Aufgabe, die Politiker glücklich zu machen, sondern das Publikum zu informieren.

Die FPÖ will den ORF lieber aus Steuern als aus Gebühren finanzieren. Ein Beispiel dafür ist Schweden, dort zahlen die Bürger jetzt höchstens 125 Euro im Jahr. Bei uns sind es 206 Euro für ein ähnlich großes Land. Warum ist der ORF so teuer?
Der schwedische Rundfunk kriegt pro Kopf der Bevölkerung ziemlich genau gleich viel wie wir. In Schweden wird er nicht aus dem Budget finanziert, sondern über eine Sonderabgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das ist mehr eine Haushaltsabgabe, die pro Person etwas niedriger ist. Aber in Summe müssen sie mehr Personen bezahlen als bei uns, wo das nur auf die Haushalte gerechnet ist. Und wir sind auch nicht teuer. Bei uns kommen halt immer noch die Zuschläge dazu, die der Bund und die Länder einheben. Der ORF bekommt ja nur 67 Prozent von dem, was als Gebühr eingehoben wird.

Zuletzt war die Rede von 400 Millionen Euro Jahresbudget für 4.000 Mitarbeiter. Kann hochwertiges Programm nicht auch mit weniger Mitarbeitern gemacht werden?
Wir haben in den vergangenen Jahren erheblich eingespart und heute 800 Mitarbeiter weniger als vor ein paar Jahren. Und wir müssen noch 300 weitere Mitarbeiter in den kommenden Jahren abbauen. Das ist nur möglich, weil wir neue technische Hilfsmittel haben. Ja, natürlich wäre es günstiger, wenn wir nur Pressemeldungen von internationalen Presseagenturen abschreiben. Aber die Zuschauer haben ein Recht darauf, die Welt von österreichischen Korrespondenten erklärt zu bekommen.

Sind die Gehälter nicht zu hoch?
Jetzt wird vereinfacht eine Zahl aus dem Jahresabschluss durch die 4.000 dividiert und dann kommt man auf 100.000 Euro Jahresgage. Das ist halt nicht so. Ja, wir zahlen gut. Wir haben natürlich auch eine hohe Quote von Akademikern oder Ingenieuren. Aber wir liegen etwa im Mittelfeld, was hiesige Medien bezahlen. Es gibt zwar teilweise alte Vertragssysteme, die etwas höher liegen, doch dank des Sparkurses in den vergangenen zehn Jahren, ist auch das ständig nach unten gegangen. Diese Umrechnung ist einfach falsch.

Zuletzt ist die „Karlich Show“ in die Schlagzeilen geraten, weil drei Millionen Euro pro Jahr anfallen …
Wir müssen besser im Erklären werden. Wir senden pro Jahr rund 250 „Karlich-Shows“. Fernsehen mit einer gewissen Qualität kostet Geld. Das ist eine Sendung, die täglich bis zu 300.000 Menschen sehen. Die Themen und die Teilnehmer der Diskussion müssen gut ausgewählt werden. Es wird in einem Studio mit mehreren Kameras produziert. Pro Sendung liegen die Kosten weit unter jenen von deutschen Talkshows.

Bei einer Budgetkürzung droht das Ende der Landesstudios, sagen Sie. Da gibt‘s aber oft die Kritik, das seien nur die Selbstdarstellungs-Spielwiesen der Landeshauptleute …
Ja, die Kritik gibt es, aber das ist nicht wahr. Die ORF-Regionalradios zählen zu den beliebtesten Radios in den Bundesländern. „Bundesland heute“ erreicht täglich eine Million Zuschauer und ist die beliebteste Nachrichtensendung. Wir haben auch viele Kultur- und sonstige Aktionen in den Bundesländern. Es gibt Sendungen, die von den Landesstudios produziert werden, wie „Klingendes Österreich“, die „Starnächte“ oder die „Sommernachtsgala aus Grafenegg“. Die Landesstudios haben auch in den vergangenen Jahren am meisten zum Sparkurs beigetragen.

Die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner fürchtet, dass bei einer Schwächung des ORF die hiesige Innenpolitik aus deutschen Studios erklärt wird. Könnten wir rundfunktechnisch zu einer Deutschland-Kolonie werden?
Schon jetzt hat der ORF nur noch 30 Prozent Fernseh-Marktanteil …

Jede Schwächung des ORF führt zur Stärkung deutscher Sender. Wir sind eben in einem großen deutschsprachigen Sprachraum. Ich glaube, dass es weniger so wäre, dass aus Mainz über Österreich berichtet würde, sondern es würde gar nicht mehr oder nur noch bruchstückhaft berichtet werden.

Ist der geplante ORF-Umbau mit mehreren Vorständen an der Spitze des Unternehmens ein gezielter Angriff auf Sie als „roter“ Generaldirektor?
Na ja, das hoffe ich nicht, aber es könnte sicher so gesehen werden. Jetzt nicht aus politischen Gründen, sondern wegen der Person. Bis jetzt ist es ganz gut gegangen, dass ich allein an der Spitze mit einem Team den ORF führe. Ob es der allgemein gewünschten Sparsamkeit entspricht, wenn etwas, das einer alleine gemacht hat, dann von vier gemacht wird, das wird man noch sehen. Schauen wir einmal, was im Gesetz tatsächlich herauskommt.

Glauben Sie, dass Sie nächstes Jahr noch Generaldirektor sind?
Laut meinem Vertrag, ja. Ich glaube ehrlich gesagt, ja.

Sie verdienen rund 400.000 Euro pro Jahr, das ist mehr als der Kanzler und der Bundespräsident verdienen.
Ist das gerechtfertigt?

Ich möchte mich da jetzt nicht auf eine Diskussion einlassen. Die Einkommen werden vom Rechnungshof geprüft und sind vom Stiftungsrat auf Basis von Gutachten festgelegt. Das ist natürlich ein gutes Einkommen, aber eines, das einfach für Management-Positionen dieser Art bezahlt wird. Und ich lege großen Wert darauf, dass wir keine Politiker sind, sondern dass wir im Auftrag der Österreicher ein Unternehmen professionell zu managen
haben.

Was halten Sie von der Idee, dass der ORF ein „Bezahlsender“ werden könnte? Dass die Zuseher nur für das zahlen, was sie konsumieren?
Darunter würde vieles leiden, was wir nur für wenige Zuseher anbieten. Wir geben etwa einige Millionen Euro aus für die Untertitelung für Gehörlose oder für Gebärdensprache. Da zahlen alle mit, damit die Betroffenen das bekommen. Mit ,pay per view‘ (Anm. Bezahlung pro Betrachtung) könnten wir das nicht machen. Abgesehen davon empfängt uns ein großer Teil unseres Publikums im Radio. Und dort ginge das gar nicht. bike
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