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Ausgabe Nr. 11/2019 vom 12.03.2019, Foto: picturedesk.com
Billy Monger, 19, gab nach einem schweren Rennunfall nicht auf
Er hat keine Beine mehr, aber einen großen Traum
Der Nachwuchsrennfahrer Billy Monger hat ein großes Ziel. Der 19jährige will es bis in die Formel 1 schaffen. Doch etwas unterscheidet ihn von seinen Konkurrenten. Vor zwei Jahren verlor er bei einem Rennunfall beide Unterschenkel. Mit seinem Traum hat er deshalb nicht abgeschlossen.
Was soll ich dazu sagen“, sprach Billy Monger mit einem breiten Lachen, als er im September des vergangenen Jahres aus dem Rennwagen stieg. „Es fühlt sich super an, wieder hier zu sein und ganz vorne zu stehen. Ich kann es noch gar nicht glauben.“

Gerade hatte er die schnellste Zeit im Training für das siebente Rennen der britischen Formel-3-Serie geschafft. Was an sich schon bemerkenswert ist, da der junge Brite das Kunststück in einem Alter geschafft hat, in dem die meisten seiner Altersgenossen gerade ihren Führerschein gemacht haben. Doch in Anbetracht des Schicksals, das dem 19jährigen 17 Monate zuvor widerfahren ist, kann seine Leistung gar nicht hoch genug gewürdigt werden. Bei einem fürchterlichen Rennunfall verlor der damals 17jährige beide Unterschenkel. Genau auf jener Strecke, auf der er jetzt die schnellste Runde gefahren ist.

„Du bist in Ordnung, Bill“, flüsterte Bonny, die Schwester des Rennfahrers, während sie die Hand ihres Bruders festhielt. „Mach dir keine Sorgen, du bist in Ordnung.“ Dabei war Billy Monger zu dem Zeitpunkt alles andere als in Ordnung. In einem Rennen der britischen Formel-4-Meisterschaft in Donington Park kämpfte er um einen Platz auf der Siegertreppe. Er gab auf der Geraden Gas … 180, 190, 200 km/h und plötzlich: BUMMM. Ungebremst raste
er in das havarierte Auto eines Konkurrenten. Trotz seiner schweren Verletzungen blieb der 17jährige hellwach, konnte sich mit seiner Schwester verständigen. Zwei Stunden lang wurde Monger aus dem Wrack geschnitten. Das Bewusstsein verlor der lebensgefährlich verletzte Bursche erst, als die Sanitäter ihn in den Hubschrauber hievten.

Im Spital mussten die Ärzte all ihre Kunst aufbieten, um ihn am Leben zu erhalten. Nach einer Not-Operation wurde der Rennfahrer in ein künstliches Koma versetzt. Es gelang den Medizinern zwar, sein Leben zu retten, seine beiden Unterschenkel mussten aber amputiert werden. Als er drei Tage später in einem Spitalsbett wieder erwachte, eröffnete ihm Dr. Tony Westbrook, dass seine beiden Unterschenkel nicht mehr da sind. „Billy nahm meine Hand, als wolle er mich trösten“, erinnert sich Westbrook, der schnell merkte, was für einen erstaunlichen jungen Mann er da vor sich hatte. „Ich habe Billy nicht einmal niedergeschlagen angetroffen, er war immer positiv und fröhlich.“

Und er dachte keine Sekunde an das, was er nicht mehr kann, sondern immer nur an das, was er nach wie vor wollte – Rennen fahren. „Ich habe meine Beine verloren, aber nicht meinen Kampfgeist“, sagt Monger. „Ich wollte schon als kleiner Bub in die Formel 1, und ich will es immer noch.“ Noch im Krankenbett begann er, seinen linken Arm zu trainieren, um genügend Kraft für eine Handkupplung zu entwickeln.

Mit Riesenschritten kämpfte sich Monger wieder zurück an jenen Platz, der für ihn alles bedeutet. Nur drei Monate nach seinem Horror-Unfall stieg er wieder in einen Rennwagen, um seine Rennlizenz zurückzuerhalten. Eine Sondergenehmigung musste sogar erteilt werden, um den Boliden an Mongers Bedürfnisse anzupassen. „Das Handgas habe ich an der linken Seite des Lenkrades, zwei Wippen zum Schalten sind auf der rechten Seite und das Bremspedal wurde weiter nach vorne geschoben, damit ich mit meiner Kurz-Prothese den Bremsdruck besser kontrollieren kann“, erklärt der Vollblut-Rennfahrer. Nicht nur diese Hürde meisterte er. Monger bestand auch den sogenannten Cockpit-Evaluations-Test, für den es nachzuweisen gilt, dass er sich innerhalb von höchstens sieben Sekunden aus eigener Kraft aus dem Fahrzeug befreien kann. „Das hat nicht allzu lange gedauert, es ist einfacher, als ich dachte. Ich muss danach nur weghoppeln“, lacht er.

Nicht wenige Fahrer waren nach einem schweren Unfall zwar körperlich wieder in der Lage, Rennen zu fahren, hatten aber mentale Probleme. Bei Billy Monger sieht das aber anders aus: „Der Unfall hat mich natürlich psychisch berührt, aber sicher nicht auf negative Art und Weise. Wenn, dann hat er mich stärker gemacht. Es war nicht leicht, mit den Prothesen zu gehen. Aber ich komme zurecht und schaue, dass ich mit meiner Karriere wieder vorwärts komme. Ich will einfach nur wieder ein Rennfahrer sein.“

Das ist er zweifellos. Und was für einer. Der 19jährige belegte in der Saison 2018 den sechsten Gesamtrang in der britischen Formel-3-Meisterschaft. Das britische Carlin-Team wurde auf Monger aufmerksam und lud ihn ein, am Simulator zu üben. Das machte er so gut, dass nach wenigen Wochen nur zwei der insgesamt 25 Carlin-Piloten besser waren als er. Für Carlin bestreitet er nun auch die Winterserie der Euroformula Open. Obwohl er beim vorigen Rennen mit einem Defekt ausscheiden musste, kann ihn der kleine Rückschlag nicht irritieren. Sein großes Ziel heißt weiterhin Formel 1.
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