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Ausgabe Nr. 11/2019 vom 12.03.2019, Foto: Berger
Walfried Janka, 52, dur chlebte als Kind die Hölle
„Jugendamt steckte mich zu einer Kindsmörderin“
Er wurde geschlagen, ans Bett gefesselt und bekam verschimmeltes Essen. Der Steirer Walfried Janka war als Kind jahrelang bei einer Pflegemutter untergebracht, die sich als verurteilte Kindsmörderin herausstellte. Die Qualen, die er durchleben musste, haben aus ihm einen gebrochenen Mann gemacht. Heute kämpft er um Schadenersatz.
Meine Jugend war ein einziger Albtraum, ich musste immer kämpfen“, sagt Walfried Janka mit zittriger Stimme, als er in dem rund 270 Seiten umfassenden Akt blättert, den die Bezirkshauptmannschaft Leibnitz (Stmk.) über ihn zusammengestellt hat, bis er volljährig war.

Die darin enthaltenen Dokumente geben Aufschluss über das Martyrium, das der heute 52jährige in seiner Kindheit erleiden musste. Als uneheliches Kind von seiner Mutter weggegeben, steckte ihn das Jugendamt zu einer verurteilten Kindsmörderin, die ihn schwer misshandelte. An den Folgen leidet er noch immer. Heute kämpft Janka, der nie einen Beruf erlernte und später auf die schiefe Bahn geriet, um Schadenersatz „für ein verpatztes Leben“, wie er sagt.

Janka kam bereits als Säugling zu seiner Pflegemutter, von der er heute nur noch als „Monster“ oder „die Person“ spricht, und ihrem Lebensgefährten, einem Alkoholiker. Gemeinsam mit den beiden leiblichen Kindern der Frau lebte die Familie in einer rund 60 Quadratmeter großen Mietwohnung in der kleinen Ortschaft Neutillmitsch (Stmk.). Kurzzeitig waren auch zwei andere Pflegekinder bei der Familie untergebracht. „Sie wurden ebenfalls misshandelt, den beiden leiblichen Kindern erging es etwas besser“, erzählt Janka.

Schläge standen auf der Tagesordnung. „Meine Pflegemutter hat uns verdroschen, ihr Freund hat zugesehen“, erzählt Janka. „Sie schlug mich sogar mit einem ‚Holz-Fliegenpracker‘, von dem ein rostiger Nagel wegstand, der sich in meinen Hinterkopf gerammt hat. Die Narbe ist heute noch zu sehen. Einmal stieß sie mich in einen Glaskasten. Davon zeugt meine Narbe im Gesicht.“ Statt mit ihm zum Zahnarzt zu gehen, habe ihm seine Pflegemutter sogar mit einer rostigen Zange die Milchzähne gezogen. „Das Blut musste ich selber vom Boden wischen“, erzählt Janker. „Bis heute traue ich mich kaum zum Zahnarzt zu gehen, denn dann würden alle Erinnerungen in mir aufsteigen.“

Auch an verschimmeltes Essen erinnert sich Janka, das er, wenn er es erbrochen hatte, erneut hinunterschlucken musste. Und an den rund 15 Quadratmeter großen Raum, in dem er die meiste Zeit untergebracht und zeitweise ans Bett gefesselt war. „Es war ein finsteres Gefängnis. Unsere Mutter hat die Glühbirne herausgedreht und die Fenster verdunkelt“, meint der Steirer. „Wir hatten verrostete Nachttöpfe, die nicht entleert wurden, also machten wir ins Bett, wofür es wieder Schläge gab. Und wenn das Jugendamt angekündigt war, sind wir Kinder ordentlich vorgeführt worden, wie aus einer normalen Familie.“

Das Jugendamt kam öfter vorbei, denn besorgte Nachbarn hatten sich damals in einem Brief an die Bezirkshauptmannschaft gewandt, der ebenfalls in Jankas Akt aufliegt. Doch erst als der Bursche etwa 15 Jahre alt war, griffen die Behörden ein, allerdings zu seinem Nachteil. Gutachter erklärten den in der Schule verhaltensauffälligen Buben für geistig behindert und steckten ihn in die Psychiatrie, „wo ich weitergequält und geschlagen wurde.“

Mit 18 Jahren wurde Janka entlassen. Ohne Berufsausbildung war er auf sich alleine gestellt. Er bewarb sich beim Bundesheer, wo er als ehemaliger Insasse einer „Irrenanstalt“ aber ausgelacht wurde. Folglich hielt er sich mit Hilfsarbeitertätigkeiten über Wasser und ertrank seinen Frust im Alkohol. Eines Nachts geriet er im Vollrausch mit einem Taxifahrer in Streit, den er nach einem Handgemenge tötete. Janka saß dafür 14 Jahre im Gefängnis, „dort versuchte ich mehrmals, mir das Leben zu nehmen.“

Im Jahr 2016 sah er das erste Mal seinen Jugendakt ein. Darin entdeckte er auch den Strafakt seiner Pflegemutter, der belegt, dass sie ihr eigenes Kind in jungen Jahren brutal ermordet hatte. „Sie hat den Kopf des Babys auf die Klomuschel geschlagen, ihm Zeitungspapier in den Mund gestopft und es in eine Mülltonne geworfen, wo es qualvoll erstickt ist.“ Nach drei Jahren Gefängnis wurde sie auf Bewährung entlassen und bekam sechs Jahre später das Baby Walfried in ihre Obhut.

„Aus den Akten ist auch ersichtlich, dass das Jugendamt damals schon über ihre Tat Bescheid gewusst hat“, erklärt Janka. Entsetzt ist er zudem darüber, dass der Strafakt seiner Pflegemutter, nachdem er ihn das erste Mal sah und auch heimlich abfotografierte, auf ominöse Weise verschwand. Zudem wurden manche Seiten in dem Akt unleserlich gemacht. „Sie wollten mich immer als Lügner hinstellen“, sagt Janka, der ein Komplettversagen des Jugendamtes sieht. Denn die bei seiner Pflegemutter kurzzeitig untergebrachten beiden anderen Pflegekinder wurden ihr wegen Misshandlung wieder abgenommen. „Ich hingegen musste dort bleiben“, sagt er zerknirscht.

Die jahrelangen Qualen haben bei Janka Folgen hinterlassen, wie der psychiatrische Gutachter Pius Prosenz feststellte. Er attestiert dem Mann „eine massive Verzögerung der Persönlichkeitsentwicklung und der Bildung“. Dadurch hätte er sich auch sozial und beruflich nie richtig eingliedern können, begründet Prosenz. Deswegen klagt Janka, der heute von Notstandshilfe und vom Einkommen seiner Frau lebt, das Land Steiermark auf Schadenersatz. Bis jetzt bekam er von einer unabhängigen Opferschutzkommission der Katholischen Kirche 5.000 Euro und vom Land Steiermark 25.000 Euro. Für ihn eindeutig zu wenig, er fordert eine halbe Million Euro.

Vor Gericht vertreten wird er von der Wiener Rechtsanwältin Julia Kolda. Sie ist zuversichtlich. „Das Land Steiermark sieht den Fall von Janka als verjährt an, da bei einem Amtshaftungsverfahren eine Verjährungsfrist von zehn Jahren gilt. Diese Frist kann aber auch später angesetzt werden. Etwa, wenn jemand aufgrund von Minderjährigkeit oder Beeinträchtigungen nicht geschäftsfähig war. Wir sind der Meinung, er war frühestens in der Lage, über sein Erlebtes zu sprechen und es aufzuarbeiten, als er das erste Mal seinen Akt eingesehen hat. Das war im April 2016. Zu diesem Zeitpunkt trat nach unserer Auffassung die Geschäfsfähigkeit ein.“ Kolda will die Klage noch im März einreichen.

Walfried Janka ist heute verheiratet und hat zwei Kinder, die beide Matura machen. Auf seine Familie ist er stolz, sie gibt ihm Kraft, aber vergessen kann er nicht. rb
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