Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 9/2019 vom 26.02.2019, Fotos: Getty Images, Action Press
Frontman Maurice Ernst
Erfolgreiche Musiker aus Oberösterreich
Die Frechheit soll erhalten bleiben
Im Dezember ist der Sänger Maurice Ernst 30 Jahre alt geworden. Als eine Art Geschenk an sich selbst hat der Frontmann der Band „Bilderbuch“ dafür gesorgt, dass es zum Jahresende die digitale Version des neuen Albums „Mea Culpa“ gibt. Seit Freitag ist das Album nun auch als CD im Handel erhältlich. Ebenso wie „Vernissage My Heart“, das zweite neue Werk der vier Musiker aus dem oberösterreichischen Kremsmünster, die seit Jahren in Wien leben. Maurice Ernst kokettiert darauf in Liedern wie „Mr. Supercool“ mit den Geschlechtern, erzählte er dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth.
Herr Ernst, zwei Alben auf ein Mal herauszubringen kommt nicht alle Tage vor. Sind „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“ als Zwillings-Produkte anzusehen?
Ja. Sie sind gleichzeitig geboren, aber nicht eineiig. Irgendwann hatten wir einen Haufen Material und merkten, wie zwei unterschiedliche Platten ein Gesicht bekamen. „Mea Culpa“ ist extrem nach innen gerichtet und beschäftigt sich mit dem Ich, das nach Liebe sucht und verloren ist in seiner Einsamkeit. „Vernissage My Heart“ öffnet die Arme und ist viel gesellschaftlicher, es beschreibt das „Wir“ und ist ein Freunde-Album.

Einige der „Mea Culpa“-Lieder wie „Taxi Taxi“ sind ziemlich intim.
Ich bin selbst überrascht, wie privat das geworden ist. Meine Bandkollegen bemerkten früher als ich, dass da einiges aus meinem Liebesleben drinsteckt.

Das offenbar ziemlich bewegt zu sein scheint …
Na ja, ich schleppe schon einige kleine Pakete mit mir herum. Und ohne es bewusst zu wollen, habe ich mir die Seele aus dem Leib geschrieben. Jetzt fühle ich mich ein bisschen wie geheilt.

Was bedeutet ein Satz wie „Ich fühl mich Frisbee“ im Lied „Frisbee“ auf der „Vernissage“-Platte?
Dieser Satz fiel uns beim Frühstück in Kroatien ein. Wir hatten uns dort ein Haus gemietet, um Lieder zu schreiben und aufzunehmen. Die Gitarren dröhnten durch den Garten, wir haben draußen gekocht und uns immer wieder neckisch in das Schwimmbecken geworfen. Das war perfekt.

Und wie haben die Nachbarn auf den Lärm reagiert?
Sie haben das alles wohlwollend aufgenommen. Der Vermieter war ein „Progressive-Rock-Fan“, er konnte weder Deutsch noch Englisch und meinte nur „progressive perfect“.

Ist „Frisbee“ ein Lied, das glücklich machen soll?
Genau. Frech und positiv, wunderschön und naiv soll es sein. Und ein bisschen Medizin, denn der Song löst einfach schöne Gefühle aus.

Wurde innerhalb der Band über die Zeile „Ihr Busen hüpft, wenn sie den Frisbee catcht“ diskutiert?
Ja. Die Frage, „darf ich das als Künstler in meiner Position sagen?“ stellte sich schon. Aber ich wollte das unbedingt singen, denn das Wort „Busen“ beinhaltet eine gewisse Komik und Zärtlichkeit. Ein Rapper hätte ja wohl ein ganz anderes Wort benutzt. Für mich war das auf diese Art notwendig, ich kann es gar nicht erklären. Ich bin ein Feminist, der das Wort „Busen“ singt.

Heutzutage gilt es aufpassen, was wir sagen und tun, wie wir uns anziehen oder uns auf Instagram präsentieren. Nervt es Sie, immer korrekt sein zu müssen?
Natürlich will ich kein Arschloch sein, aber für einen Künstler ist es schon anstrengend, alle aktuellen Debatten immer im Blick zu haben. Allerdings möchte ich mich schon noch in meiner eigenen Frechheit und Freiheit wiederfinden. Ich werde aber immer wieder mit Vorwürfen bezüglich meiner Kleidung oder meiner Frisur konfrontiert, und das von Menschen, die sich für links und weltoffen halten. Manchmal entdecke ich extrem konservative Züge an Menschen, die das Konservative weit von sich wegweisen würden. Mich macht es zum Beispiel traurig, wenn der amerikanische Rapper Kendrick Lamar sagt, Weiße sollen seine Songs nicht mitsingen. Was soll das? Mir tut das weh. Ich kämpfe dafür, dass wir diese kulturellen Schranken öffnen und das Trennende ablegen.

Steht „Frisbee“ nur für ein unbeschwertes Sommer-Lebensgefühl?
Es gibt noch eine weitere Ebene. „Frisbee“ als Metapher für Drogen. „Alle meine Freunde spielen Frisbee heute Nacht.“ Ich bin kein absoluter Anti-Drogenmann, aber in unserer und noch stärker in der nachfolgenden Generation herrscht eine unglaubliche Naivität, was Drogen angeht. Das ist spannend zu beobachten. Gerade Pillen und Amphetamine spielen eine große Rolle.

In „Mr. Supercool“ singen Sie „Bello Bello, komm mit mir“. Ist das so etwas wie Ihr homosexuelles „Coming Out“?
Wer weiß. Vielleicht ist es ein Lied über schwule Verführung, vielleicht verlasse ich auch den männlichen Körper und singe aus der Position einer Frau heraus. Auch ein Mann ist ein facettenreiches Wesen, und in so einem Lied nimmt meine Männlichkeit eben eine feminine oder auch eine andere, von der Norm abweichende, Form an. Im Deutschen ist ein derartiges Lied nie zu hören, im Englischen selten, vielleicht einmal bei Prince. Und manchen Menschen ist die „Bello“-Zeile sicher zu viel, aber das ist in Ordnung.

Sie lassen es also offen, eine homosexuelle Perspektive einzunehmen?
Ja, genau. Die Frauen sollen von mir träumen, und die Männer sollen von mir träumen (lacht).

Ende Mai spielen Sie mit Ihren Kollegen zwei Open-Air-Konzerte vor dem Schloss Schönbrunn in Wien.
Insgesamt 30.000 Menschen werden erwartet. Ist das der bisherige Höhepunkt der Karriere mit „Bilderbuch“?
Wir freuen uns ungemein darauf. In Schönbrunn spielen zu dürfen ist super, bei uns in Österreich steht nichts mehr drüber.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung