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Ausgabe Nr. 9/2019 vom 26.02.2019, Foto: Wr. Staatsbalett/Ashley Taylor
Die Wienerin Natascha Mair ist die beste Balletttänzerin unseres Landes.
„Ich habe Hunderte Spitzenschuhe kaputtgetanzt“
Seit Dezember 2018 darf sie sich Primaballerina nennen. Natascha Mair gehört zum Kreis der Ersten Solotänzerinnen des Wiener Staatsballetts. Die 24jährige Wienerin hat sich mit Talent, Disziplin, hartem Training und mit viel Begeisterung für das Ballett an die Spitze getanzt.
Der Weg zur Spitze begann in einer kleinen Ballettschule im Wiener Stadtteil Kaisermühlen. Dort wurde der Grundstein, oder besser gesagt, der Grundschritt für ihre Ballett-Karriere gesetzt.

„Ich hatte schon mit fünf Jahren Spaß beim Tanzen. Obwohl ich als Kind eigentlich Schauspielerin werden wollte. Aber bald fand ich heraus, dass ich beim Ballett sowohl tanzen als auch schauspielen kann“, sagt Natascha Mair mit ihrem strahlendsten Lächeln. Grund zur Freude hat sie jedenfalls. Gehört sie doch seit Ende Dezember 2018 zum erlesenen Kreis der Ersten Solotänzerinnen des Wiener Staatsballetts, als einzige aus unserem Land. Ihr Arbeitsplatz sind die Staatsoper und die Volksoper.

Obwohl nicht im Kostüm oder Tutu, sondern im T-Shirt und mit Trainingshose, bewegt sich die Primaballerina anmutig. Natascha Mair geht nicht, die 165 Zentimeter große und 48 Kilo leichte Ballerina scheint eher über den Boden des Aufenthaltsraumes in der Staatsoper zu schweben. Dort gönnt sie sich nach vier Stunden Training eine kurze Mittagspause, um danach weitere vier Stunden intensiv zu tanzen.

Sie wirkt entspannt. Erst vor wenigen Tagen, am 6. Februar, hat Natascha Mair ihren 24. Geburtstag gefeiert. „Ich tanze gerade die Hauptrolle der ,Swanilda‘ im Ballettstück ,Coppélia‘ an der Wiener Volksoper. Da die Ersten Solistinnen nicht alle Vorstellungen tanzen, hatte ich genau an meinem Geburtstag spielfrei und deshalb Zeit, mich mit Freunden zu treffen und zu feiern.“ Nicht bis spät in die Nacht hinein, wie sie betont, denn die disziplinierte Profi-Tänzerin legt viel Wert auf eine gesunde Dosis Schlaf. „Acht Stunden sind optimal. Ich stehe früh auf, trinke Kaffee und mache danach eine halbe
Stunde lang Bauchmuskeltraining und Übungen, die meine Fußgelenke und den Rücken stabilisieren. Weil ich äußerst gelenkig bin, muss ich meine Muskeln gut stärken.“ Gleich danach geht‘s in die Staatsoper, die nur zehn Minuten von ihrer Wohnung entfernt ist.

Das Opernhaus am Wiener Ring, das heuer sein 150jähriges Bestehen feiert, ist zu ihrer beruflichen „Heimat“ geworden. Schon mit sieben Jahren begann sie ihre Ausbildung an der Ballettschule der Oper. Ihre erste große Rolle tanzte sie mit zwölf Jahren als „Clara“ im berühmten Ballett „Nussknacker“. Mit 17 widerfuhr ihr der berühmte Sprung ins kalte Wasser. „Es stand ,Million Kisses‘ auf dem Programm. Die Erste Solistin erkrankte am Tag der Premiere. Ich sollte einspringen. David Dawson, der Choreograf, arbeitete etwa vier Stunden mit mir. Ich war ja bei keiner einzigen Probe dabei. In diesen vier Stunden tanzte ich drei Paar Spitzenschuhe kaputt. Insgesamt waren es bislang an die hundert. David sagte zu mir, ,Mach, was du willst, Hauptsache, du bewegst dich und genießt es.‘ Das half mir und ermutigte mich. Alles ging gut. Diesen Tag werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen.“

Das mutige, spontane Einspringen sprach für ihr Talent und ihre Professionalität. Im Jahr 2012 wurde Mair fix engagiert. „Ich habe mittlerweile viele Freunde in der ‚Compagnie‘. Wir unterstützen uns gegenseitig, und weil wir zum Glück alle recht erfolgreich sind, gibt es weder Neid noch Eifersucht. Gesunde Konkurrenz schon, aber die ist gut und wichtig für die Motivation.“

Neben Disziplin und Motivation ist für die Primaballerina die Ernährung wesentlich. „Wobei ich nach keinem strengen Ernährungsplan lebe. Ich trainiere viel und verbrauche dementsprechend viel Energie, also muss ich essen. Am liebsten mag ich Gemüse und Suppen, zwischendurch Nüsse und für die rasche Energiezufuhr ein bisserl etwas Zuckerhaltiges. Flüssigkeit, also Wasser, ist das Wichtigste, und genügend Magnesium, um Muskelkrämpfe zu verhindern.“

Das Ballett erfordert intensives Trainieren. „Pro Tag sind es sechs bis acht Stunden“, sagt Natascha Mair. „Mit Schmerzen an den Füßen wissen wir Tänzer umzugehen, zumindest mit den kleineren. Ich hatte einmal eine dreifache Stressfraktur am Fuß, beim Rist. Hätte ich weitergemacht, wäre der Knochen gebrochen. Passiert ist mir das bei einem Touraufenthalt in Paris (F). Ich tanzte mit dem angeknacksten Knochen ein paar Vorstellungen. Dann war Gott sei Dank die Sommerpause. Das war mein Glück, denn die Verletzung konnte in dieser Zeit gut verheilen.“

Ballett-Tänzer haben immer irgendwelche Schmerzen. Einmal seien es die Sehnen, dann die Muskeln, gibt sie der russischen Tänzerin Maya Plisetskaya Recht, die einmal sagte: „Wenn du als Ballerina keine Schmerzen spürst, bist du tot.“ Das ständige Tragen der Spitzenschuhe verändere auch die Haut und die Fußnägel. „Unsere Füße schauen nicht aus wie andere Füße, dafür sind sie robuster, die Haut ist viel härter. Viele Tänzer leiden an Hallux-Schmerzen, ich zum Glück nicht“, sagt die Profitänzerin. „Situationen mit Blut in den Schuhen habe auch ich schon erlebt. Gott sei Dank ist das nicht täglich der Fall.“

Erholung von den intensiven Proben findet sie abends. „Ich ruhe mich aus, nehme gerne ein Bad und entspanne mich. Am liebsten mit meinem Freund Tristan, mit dem ich seit vier Jahren zusammen bin. Er ist Franzose und auch Mitglied des Staatsballetts. So lernten wir uns kennen.“

Natascha Mair trat schon in China, Japan, Indonesien, Russland, Rumänien, Italien, Spanien und Frankreich auf. „Europaweit sehe ich beim Ballett keine wesentlichen Unterschiede“, meint die einzige Österreicherin unter den insgesamt neun Ersten Solotänzerinnen, die vorwiegend aus Russland stammen. In Asien sei die Begeisterung für Ballett allerdings viel größer. „Die Menschen stellen sich am Ende der Vorstellungen in Schlangen für Autogramme an und wir werden wie wild fotografiert. Das zu erleben, ist schon etwas Besonderes. So etwas habe ich hierzulande noch nicht erlebt.“

Im Fernsehen zu erleben ist Natascha Mair am 28. Februar bei der „Opernball“-Live-Übertragung (21.40 Uhr, ORF2). „Der Auftritt bei diesem Ball-Ereignis, bei dem ich schon mehrmals dabei war, ist immer wieder außergewöhnlich. Fast alle Ersten Solisten tanzen mit, dieses Mal zu einer Choreografie des ,Morgenblätter‘-Walzers von Johann Strauß Sohn. Da wir uns nicht auf der Bühne, sondern auf einem rutschigen Boden bewegen, haben wir Spitzenschuhe mit Gummisohlen an.“
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