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Ausgabe Nr. 6/2019 vom 05.02.2019, Foto: Just
Walter Just, 81, will auf sein Auto nicht verzichten.
Rentner hinterm Lenkrad
Autounfälle mit Pensionisten am Steuer entfachen immer wieder die Diskussion, ob es ärztliche Untersuchungen für ältere Lenker geben soll. Die Statistik zeigt aber, dass diese Altersgruppe nicht Hauptverursacher von Unfällen ist. Doch weil immer mehr Kinder zu Schaden kommen, sollen die Strafen erheblich erhöht werden.
Die Senioren haben Spaß hinterm Steuer. Selbst wenn sie nicht mehr gut zu Fuß unterwegs sind, das Gaspedal können sie noch durchdrücken. Der Gemahl der britischen Königin Elizabeth II., Prinz Philip, hat selbst mit 97 Jahren noch nicht genug vom Autofahren. Weil er kürzlich mit seinem großen Geländewagen einen Verkehrsunfall verursacht und eine andere Autofahrerin verletzt hat, entfachte er eine Diskussion darüber, ob derart alte Menschen überhaupt noch ans Steuer gelassen werden sollten. Dabei müssen sich Autofahrer in England gewöhnlich ab 70 Jahren regelmäßig einer Gesundheitskontrolle und damit einer Fahrtauglichkeitsprüfung unterziehen.

Hierzulande ist dies noch nicht nötig. Überdies wird deren Sinnhaftigkeit angezweifelt. Der Verkehrspsychologe Peter Jonas aus Linz (OÖ) etwa meint, „dass bei derartigen Tests nur wenige persönliche Fragen beantwortet sowie ein Sehtest absolviert werden müssen. Deshalb besteht fast jeder Lenker diesen Test. Solange nicht das Herz und das Blut untersucht werden, ist eine derartige Kontrolle sinnlos.“ Jonas geht aber davon aus, dass es in unserem Land gut 10.000 nicht erkannte demente Autofahrer gibt, die ein Gefährdungspotenzial darstellen. Er fordert daher eine ärztliche Untersuchung für heimische Lenker ab dem 75. Lebensjahr, die kostenlos und alle zwei Jahre stattfinden soll. Als mögliche Konsequenz eines solchen Tests könnte es auch abgestufte Einschränkungen der Fahrerlaubnis geben. „Die betroffenen Lenker dürfen dann nur noch in einer bestimmten Region fahren, um Einkäufe und dergleichen zu erledigen.“

Einen verpflichtenden Fahrtest für Lenker ab 70 Jahren kann sich der Kärntner Walter Just, 81, gut vorstellen, obwohl er selbst bestens in Schuss sei, wie er sagt. „Ich besitze seit 63 Jahren einen Führerschein und derzeit meinen 15. Neuwagen. Es ist ein VW Tiguan Automatik mit 150 PS. Ich möchte immer auf dem neuesten Stand der Technik sein, zudem ist es mit diesem Wagen kein Problem, weitere Strecken zurückzulegen. Im September bin ich 700 Kilometer nach Polen gefahren, pro Jahr lege ich gut 10.000 Kilometer zurück.“ Unfälle hatte er nie, nur ein Mal ist ihm an einer Ampelkreuzung eine 75jährige Frau mit dem Fahrrad hinten hineingefahren, die aber
unverletzt blieb, sagt der Senior.

Die Statistik spricht für ihn und seine Altersgenossen. Im Jahr 2017 entfielen von 18.580 verletzten und 141 getöteten Pkw-Lenkern 5.247 Verletzte und 32 Tote auf die Gruppe der 20- bis 29jährigen. Während bei den Lenkern ab 75 Jahren lediglich 785 Verletzte und 17 Tote zu beklagen waren.

Die Verkehrspsychologin des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Clubs (ÖAMTC), Marion Seidenberger, sieht daher keinen Handlungsbedarf, ältere Autofahrer regelmäßig zur Arztkontrolle zu bitten, zumal Unfallzahlen in anderen Ländern dadurch nicht gesenkt werden konnten. „In Dänemark gab es nach Einführung entsprechender Untersuchungen keinen Rückgang von Autounfällen. Stattdessen sind viele Pensionisten auf das Fahrrad umgestiegen, worauf es mehr tödliche Fahrradunfälle gab und die Tests abgeschafft wurden“, erklärt Seidenberger. Keinen Handlungsbedarf sehen auch die Experten des Autofahrerbundes ARBÖ. „Ein 70jähriger fährt nicht schlechter als ein 60jähriger. Es kommt auf die persönliche Verfassung des Lenkers an“, meint der ARBÖ-Sprecher Sebastian Obrecht.

„Ich fühle mich fit für den Straßenverkehr und fahre seit 64 Jahren unfallfrei. Ich brauche keine Überprüfung, ich wohne auf dem Land, da bin ich aufs Auto angewiesen“, sagt Marie Lueder-Scheiber, 86, aus Feldkirch (K). Auch Christine Bauer, 67, aus St. Oswald bei Freistadt (OÖ) hält von Gesundheitsüberprüfungen wenig. „Von mir aus ab 90 Jahren, aber mit 70 noch nicht. Ich fahre seit 49 Jahren unfallfrei.“

Für zusätzlichen Diskussionsstoff in Bezug auf die Sicherheit im Straßenverkehr sorgt derzeit das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV). Weil alle drei Stunden ein Kind auf heimischen Straßen verunglückt und alle zwei Tage ein Kind dabei stirbt, soll die Verdoppelung der in der Straßenverkehrsordnung (StVO) geregelten Geldstrafen für mehr Sicherheit sorgen, wenn Kinder unter 14 Jahren gefährdet sind. „Das hätte eine hohe generalpräventive Wirkung“, ist sich der Leiter der KFV-Rechtsabteilung, Armin Kaltenegger, sicher.
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