Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 6/2019 vom 05.02.2019, Foto: duty
ÖVP-Unterrichtsminister Heinz Faßmann, 63, ist seit mehr als 20 Jahren Österreicher
„Die Lehrer wollen keine Verkürzung ihrer Ferien haben“
Die Schüler aus Wien und Niederösterreich sind gerade mitten in den Semesterferien. In den anderen Bundesländern ist es nächste und übernächste Woche so weit. Ab dem Schuljahr 2020/21 kommen Herbstferien für alle dazu, die lange „Sommerpause“ wird aber nicht gekürzt.
Herr Minister Faßmann, war von Anfang an klar, dass der „kleine Heinz“ ins Gymnasium kommt?
Der „kleine Heinz“ war wahrscheinlich nie klein (lacht). Nein, meine Mutter war damals alleinerziehend, es hat keine Vorbestimmung dahingehend gegeben. Es war eine Lehrerin, die in der vierten Klasse gesagt hat: „Das ist ein talentierter Bursche, Frau Faßmann, Sie müssen ihn unbedingt ins Gymnasium geben.“ Es hat damals eine Aufnahmsprüfung gegeben, dabei war ich die Nummer drei und sehr stolz. Ich bin gerne in die Schule gegangen.

Waren Sie ein guter Schüler?
Ja, in der Pubertät habe ich aber mit dem Basketballspielen angefangen. Dann war eine gewisse Konkurrenzsituation da, Schule versus Training.

Nach den Semesterferien folgen die Anmeldewochen fürs Gymnasium. Sitzen manche Kinder in der falschen Schule?
Das mag durchaus sein, weil wir derzeit ein System haben, bei dem die Noten eine bessere Grundlage erfordern würden. Die neuen Kompetenzmessungen in der dritten Klasse Volksschule führen zu mehr Fairness im Schulsystem.

Heißt das, das Zeugnis der vierten Klasse allein reicht nicht für eine Schulentscheidung?
Wie kommen Noten zustande? Da gibt es manchmal viel Druck von den Eltern, auch von den Eltern aus gehobenen Schichten, die dann durchsetzen, dass ihre Kinder wohin kommen. Also, wenn jemand soziale Gerechtigkeit haben möchte, dann ist eine Leistungsgerechtigkeit ein wunderbares Instrument dafür. Die Kinder sollten in jene Schule gehen, in der sie mit Freude und ohne Über- oder Unterforderung mitkommen. Sie sollten keine Schulfrustrationen erleben.

Werden wir im nächsten Schuljahr schon einheitliche Herbstferien haben?
Also, die Herbstferien sind ein interessantes Phänomen. Die Uneinheitlichkeit der Meinungen von Eltern, Lehrern und Schülern ist das einzig Einheitliche dabei. Aber ich sehe die Notwendigkeit, hier eine Entscheidung zu treffen und wir werden sie treffen müssen in Richtung einheitlicher Herbstferien ab 2020.

Dafür werden die Sommerferien nicht verkürzt?
Bei den Sommerferien möchte ich zu bedenken geben, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, die vorgeschriebene Praktika zu erledigen haben. Wir denken immer nur an die zwei Monate als einen geschlossenen Block. Das ist für viele gar nicht die Realität. Es gibt auch Schüler, die haben eine Nachprüfung, die müssen lernen. Wir brauchen Erholungszeit für alle Beteiligten im Schulsystem.

Die Sommerferien bleiben, wie sie sind, es gibt Herbstferien vom Nationalfeiertag bis Allerseelen und dafür werden die schulautonomen Tage hergenommen?
Die schulautonomen Tage und vielleicht gelingt es auch, Tage aus dem Sommersemester, die schulfrei sind, in das Wintersemester zu verlagern, das könnten der Pfingst- und Osterdienstag sein.

Wann hätten Sie gern Feiertag, am Karfreitag oder am Pfingstmontag?
Ich bin Protestant, ich verstehe die hohe theologische Bedeutung des Karfreitags. Aber wenn das für mich kein Feiertag ist, geht die Welt nicht unter. Ich habe in den vergangenen Jahren den Karfreitag als „Freitag“ nie ausleben können, so leid es mir tut. Und der Gottesdienstbesuch ist in der Regel am späteren Nachmittag möglich.

Kann es sein, dass auch die Lehrer ungern auf die neunte Sommerferien-Woche verzichten?
Die Lehrer wollen sicherlich keine Verkürzung ihrer Ferien haben. Wobei ich auch sagen muss, Lehrer sein ist ein anstrengender Beruf, meine Frau ist Lehrerin. Ich weiß, wie viele Wochenenden draufgehen für Schularbeitskorrekturen oder für das Erstellen einer neuen Schularbeit. Im Augenblick, in dem die Klassentür zugeht, sind Sie mit 25 bis 30 Kindern konfrontiert und müssen Leistung bringen, da gibt‘s kein Abducken hinterm Bildschirm. Es mögen alle probieren, wie das ist, pubertierende Kinder dafür zu interessieren, dass Mathematik ein interessantes Fach ist.

Welches Fach unterrichtet Ihre Frau?
Mathematik.

Sie werden also wahrscheinlich auch nicht das machen, was eine Ihrer Vorgängerinnen probiert hat, zwei Stunden mehr Unterrichtsverpflichtung einzufordern?
Nein, ich finde es unfair, eine Berufsgruppe herauszunehmen und zu sagen, sie bekommen eine längere Arbeitsverpflichtung und es bei anderen Berufsgruppen so zu belassen, wie es ist. Eine Unterrichtsstunde erfordert tatsächlich Vor- und Nachbereitungsarbeit, die als Arbeitsstunden gelten. Da sind Sie mit einer Lehrverpflichtung von 20 Stunden bei 40 Stunden.

Jetzt soll das Kopftuch in der Volksschule verboten werden. Manche sagen, das reicht nicht, es soll in der gesamten Pflichtschule verboten sein …
Bei den Mädchen über zehn Jahren kommen wir in eine schwierige religionsrechtliche Frage hinein. Die Religionsfreiheit sagt, das Kopftuch gehört bei den religionsmündigen Mädchen dazu und da darf der Staat nicht bedingungslos eingreifen. Daher ist das etwas, was von meiner Seite aus nicht zu entscheiden ist.

Sollen Lehrerinnen in der Schule Kopftuch tragen?

Lehrerinnen, Polizistinnen, Richterinnen, Repräsentanten des öffentlichen Dienstes, auch des Staates in einem gewissen Sinne, sollten religiös weltanschaulich neutral auftreten. Daher würde ich sagen, Lehrerinnen im öffentlichen Dienst, nicht in den Privatschulen, die nicht Religion unterrichten, sollten ohne Kopftuch in der Schule sein.

Immer weniger Kinder fahren Schi. Sollte der Schulschikurs wieder Pflicht sein?
Das Schifahren gehört durchaus zur österreichischen Identität dazu. Wenn Schikurse organisiert werden, sollte das nach Tunlichkeit unterstützt werden. Als eine Verpflichtung bin ich mir unsicher, denn es gibt ja auch andere Formen von sogenannten Schulwochen. Wenn das eine bevorzugt wird, dann geht das andere vielleicht unter.

Seit Jahren steigen die Schülerzahlen in katholischen Privatschulen, im vergangenen Jahr waren es 1.100 Schüler mehr. Ist das ein Misstrauensvotum gegenüber öffentlichen Schulen?
Die Zahlen in unseren Privatschulen bleibt relativ konstant. Sie sind eine willkommene Ergänzung des öffentlichen Schulsystems. Ich würde es nicht als ein Misstrauen gegenüber den öffentlichen Schulen empfinden, sondern als eine Möglichkeit, ganz bestimmte Vorstellungen mit der Erziehung zu verknüpfen.

Eine ganz andere Frage zur aktuellen Politik: FPÖ-Innenminister Herbert Kickl ist einer Ihrer umstrittensten Ministerkollegen. Sind Sie froh, dass er in der Regierung ist?
Die Regierung ist so, wie sie ist. Ich habe mit allen ein professionelles Verhältnis, auch mit dem Innenminister. Ich würde jetzt keine persönlichen Sympathiepunkte vergeben, das ist auch gar nicht meine Aufgabe.

Sie überragen alle Regierungskollegen. War Ihre Größe von 2,03 Meter bisher eher ein Vor- oder Nachteil in Ihrem Leben?
Es ist ein Nachteil dann, wenn ich in ein Kaufhaus gehe und Kleidung von der Stange kaufen möchte. Es ist ein Vorteil, wenn man einen Wiedererkennungswert haben und ein bisschen über den Alltag hinausblicken möchte.

Eine letzte Frage gibt es noch. Von einem 13jährigen, der gern wissen würde, warum er demnächst in Ethik gehen muss, anstatt eine Freistunde zu haben?
Dem würde ich sagen: „Wart‘s ab. Du erfährst viel Interessantes, das dich zum Denken anregen wird, und du wirst am Ende sagen: ‚Hochinteressant. Danke für die Anregung und für diesen Unterricht.‘“ bike
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung