Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 4/2019 vom 22.01.2019, Foto: Duty
Rudolf Ströck: Hausärzte können mehr als Abhören, Blutdruckmessen und Überweisungen schreiben.
Statt Pension in der Praxis
In zehn Jahren wird sich der Ärztemangel noch verschärfen. Denn dann kommt jeder zweite Hausarzt ins Pensionsalter, bei vielen Fachärzten sind es sogar zwei Drittel. Schon jetzt arbeiten manche Ärzte bis 70 Jahre und darüber hinaus. Die Zukunft gehört aber der Behandlung via Bildschirm.
Dutzende Ordinationen im ganzen Land sind verwaist, weil sich keine Nachfolger für die Kassenstellen finden. Schon jetzt arbeiten aber rund 120 Kassen-Mediziner auch mit mehr als 70 Jahren noch, dem gesetzlichen Kassenärzte-Pensionsalter.

Einer davon ist Rudolf Ströck. Er führt seit Jahren seine Hausarzt-Praxis in Orth an der Donau (NÖ). 70 Patienten und mehr versorgt er pro Tag in seiner Ordination. „Mich hat schon immer die Medizin als Fach und Wissenschaft interessiert“, erzählt er. „Dadurch habe ich Freude daran gehabt. Ich habe auch fortbildungmäßig viel investiert und versuche, Behandlungen auf dem neuesten Stand durchzuführen.“

Außerdem ist Dr. Ströck ein Hausarzt vom alten Schlag. Er will nicht nur Überweisungen für seine Patienten schreiben. Bei vielen Hausärzten sei die „Erstdiagnostik“ in den vergangenen Jahren verloren gegangen, ist er überzeugt, auch weil Untersuchungen oft nicht von der Kassa bezahlt werden.

„Ich mache, so weit es geht, vorweg alle Untersuchungen, damit ich weiß, was beim Patienten vorliegt.“ Sie werden bei ihm nicht im Kreis geschickt. Je nach Befund leitet er sie zum entsprechenden Facharzt weiter oder behandelt selbst. Akut-Laboruntersuchungen und Ultraschall stehen täglich auf dem Programm. So mancher Spitalsaufenthalt konnte durch die sorgfältige Erstdiagnose schon vermieden werden.

„Dem Hausarzt sollten mehr Möglichkeiten eingeräumt werden“, sagt er, „damit er vor Ort Diagnostik und Therapie betreiben kann. Jetzt ist er dazu verpflichtet, dass er in vielen Fällen Überweisungen macht.“

Mit Ende März muss Rudolf Ströck seinen Kassenvertrag aufgeben. Schon Ende vergangenen Jahres schlug die Ärztekammer Alarm, weil Kassenärzte mit 70 Jahren in die „Zwangspension“ geschickt werden, trotz des Ärztemangels. In manchen Bundesländern gibt es deshalb Sonderregelungen der Krankenkasse mit der Ärztekammer.

Für den Niederösterreicher Rudolf Ströck war das nicht möglich. Er möchte jetzt als Wahlarzt weitermachen. Sein Rat an alle, für die es gesundheitlich möglich ist: „Hört nicht zu arbeiten auf!“ Der Mediziner hat immer wieder gesehen, dass Menschen, die frühzeitig in Pension geschickt wurden oder selbst gegangen sind, die geistige und körperliche Herausforderung fehlte.

In zehn Jahren wird sich der Ärztemangel bei uns noch deutlich verschärfen. Dann ist jeder zweite Hausarzt Mitte oder Ende 60. Bei Orthopäden, Frauenärzten und Urologen mit Gebietskrankenkassen-Vertrag sind es sogar zwei Drittel, die dann im Pensionsalter sind.

Auch in Deutschland fehlen Mediziner. Bei unseren Nachbarn sei allerdings schon „auf breiter Basis Bewegung in die Sache gekommen“, sagt Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer und Facharzt für Urologie. So sollen dort mehr Medizinstudenten ausgebildet werden. Bei uns gibt es derzeit 1.680 Anfängerstudienplätze in Wien, Graz, Innsbruck und Linz. Drei Viertel gehen an Kandidaten mit einem hiesigen Maturazeugnis, 20 Prozent an EU-Bürger, fünf Prozent an Studenten von außerhalb der EU. Diese „Österreicher-Quote“ hat Brüssel 2017 bestätigt. Doch nur sechs von zehn Medizinstudenten arbeiten auch hier als Ärzte. Der Rest geht ins Ausland oder in die Forschung. Denn dort winkt ein höheres Gehalt.

Etliche deutsche Bundesländer vergeben zudem Landarztstipendien, wofür sich die Medizinstudenten verpflichten müssen, einige Jahre in der Region zu arbeiten. Bei uns stecken diese Förderungen noch in den Kinderschuhen. Im Burgenland wird ein Stipendium von 300 Euro pro Monat vergeben, wenn sich Medizinstudenten verpflichten, mindestens fünf Jahre als Hausarzt dort zu ordinieren. Das Land Niederösterreich erstattet die 110 Euro zurück, die die erfolgreiche Teilnahme am Medizin-Eignungstest kostet. Und beteiligt sich zur Hälfte an Vorbereitungskursen. In Kärnten wiederum gibt es eine „Erschwerniszulage“ für Landärzte. Sie bekommen bis zu 2.000 Euro pro Quartal.

Den größten Schritt nach vorne haben die deutschen Mediziner aber bei der Telemedizin gemacht. Ärzte dürfen Patienten künftig auch per Videokonferenz oder Anruf behandeln, ohne vorherigen persönlichen Kontakt. „Die Telemedizin wird kommen“, ist Johannes Steinhart auch für unser Land überzeugt. „Da wollen wir mitarbeiten, denn die Digitalisierung ist am Weg vorwärts.“

In der Schweiz ist das schon längst der Fall. Die Online-Behandlung ist seit gut zwei Jahrzehnten Teil des Alltags vieler Patienten. Oft geht es dabei um Ersteinschätzungen. Der Mediziner beurteilt, ob es sich um eine schwere Erkrankung handelt oder um eine, die vielleicht mit Hausmitteln auskuriert werden kann. Oder ob der Patient an einen Facharzt überwiesen werden muss.

Die Patienten waren in der Schweiz anfangs gar nicht begeistert von diesem Konzept. Viele, die die erste Hürde überwunden haben, nutzen das Telemedizin-Angebot jetzt aber immer wieder. Seit dem Jahr 2004 ist die Verrechnung von Telemedizin-Leistungen mit den Krankenkassen in der ganzen Schweiz möglich.

Bei uns ist die „Bildschirm-Ordination“ allerdings noch Zukunftsmusik. Obwohl die Mehrzahl der Menschen heute einen „Taschencomputer“, das Smartphone, eingesteckt hat. Eine Diagnose ist etwa für einen Hautarzt mittels Gespräch und Foto durchaus machbar.

Auch Rudolf Ströck steht der Telemedizin nicht ablehnend gegenüber. „Es braucht sicher einen Lernprozess, aber ich will sie für die Zukunft nicht ausschließen.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung