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Ausgabe Nr. 1/2019 vom 01.01.2019, Foto: Josef Bollwein/www.flashface.com
Bauern-Aufstand gegen die geplante Schnellstraße S 34 von St. Pölten nach Wilhelmsburg (NÖ).
„Wir geben unser Land nicht her“
Die geplante Schnellstraße S 34 von St. Pölten (NÖ) ins Traisental stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Weil die Landwirte in der Region bis zu 120 Hektar Felder und Wälder für das Projekt opfern müssten, formierte sich schnell Widerstand. Auch Umweltschützer und Verkehrsexperten äußern Bedenken.
Eigentlich hätte der Spatenstich für die S 34 Traisental Schnellstraße schon im Jahr 2014 erfolgen sollen, doch aufgrund einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) und Anrainerprotesten wurde der Baubeginn mehrmals verschoben, als wahrscheinlich gilt nun 2020.

Die neun Kilometer lange und rund 200 Millionen Euro teure S 34 soll von St. Pölten (NÖ) von der Bundesstraße B 1 südlich nach Wilhelmsburg führen und somit die Mariazeller Straße (B 20) entlasten. Zudem soll sie kürzere Wege zur Westautobahn (A1) schaffen. Geplant ist auch, dass die Schnellstraße im Süden durch eine neue Bundesstraße 334 bis nach Traisen verlängert wird.

Die Meinungen zu dem Projekt gehen jedenfalls weit auseinander. Während viele Unternehmen in den Bezirken St. Pölten und Lilienfeld (NÖ) die Verbindung ins Traisental herbeisehnen, stellen sich Umweltschützer, Anrainer und Landwirte aus der Region gegen das Verkehrsvorhaben.

Die betroffenen Bauern müssten insgesamt bis zu 120 Hektar von ihren Wäldern und Feldern für die Schnellstraße opfern. Besonders hart würde es den Bio-Landwirt Stefan Götzinger (Bild) aus St. Georgen (NÖ) treffen. Er besitzt ein vier Hektar großes Grundstück mit Birnenbaumbestand. „Wird die Straße gebaut, verliere ich einen wesentlichen Teil meiner Fläche. Der Bund würde uns zwar entschädigen, aber ich müsste mir erst wieder ein neues Grundstück anschaffen, damit ich die Produktion aufrechterhalten kann“, sagt Götzinger.

Rückendeckung bekommt er vom Obmann des Bauernbundes in St. Georgen, Franz Weiländer. „Die Trasse der Schnellstraße führt durch Grundstücke der ansässigen Bauern, die für den Fortbestand ihrer Betriebe lebensnotwendig sind.“

Weiländer selbst führt einen Gemüsebetrieb und müsste ebenfalls einen Teil seiner Felder opfern. „Keiner der betroffenen Bauern einschließlich mir wird auch nur einen Teil eines Grundstückes verkaufen“, sagt er entschlossen.

Vehement gegen die Schnellstraße stemmt sich auch die Bürgerinitiative „Lebenswertes Traisental“. Der Obmann Franz Bertl erklärt: „Mit der S 34 steigt nicht nur der Schadstoffausstoß in der Region um 21 Prozent, wir verbetonieren auch wertvolle Kulturflächen, was die Existenz unserer bäuerlichen Bevölkerung bedroht. Außerdem sorgen wir uns um das Grundwasser, wenn die Straße gebaut wird.“ Diesbezüglich hat Bertl gerade einen Gutachter mit Untersuchungen beauftragt.

Der verantwortliche Projektleiter der Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft (ASFINAG) Leopold Lechner verteidigt das Vorhaben. „Die Straße stellt vor allem für die Pendler in der Region eine Erleichterung dar. Wir werden selbstverständlich Lärmschutzwände aufstellen, außerdem verwenden wir auf der Hälfte der Trasse lärmmindernden Asphalt. Es gilt als ausgeschlossen, dass Brunnen in der Region qualitativ oder quantitativ beeinflusst werden.“

Lechner verweist auf die Möglichkeit, bis Mitte Jänner in die Umweltverträglichkeitsprüfung einzusehen. Und ab 16. Jänner können sich Bürger in der fünftägigen Anhörung in der Hypo-Landesbank in St. Pölten zu Wort melden.

Für den Bau der Schnellstraße spricht sich auch der Speditionsunternehmer Johann Trost aus. „Im oberen Traisental sind einige große Betriebe angesiedelt. Für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung ist der Ausbau der Infrastruktur daher auf jeden Fall von Vorteil.“

Mehr Verkehr in der Region und den Wegfall von Arbeitsplätzen befürchtet hingegen der Obmann der Bürgerinitiative „Stop S 34“, Bernhard Higer. Denn die
Kaufkraft könnte sich durch eine Schnellstraße weg von
kleineren Regionen hin zu größeren verlagern. „Die Stadt
St. Pölten würde gewinnen, jedoch verlieren das Traisental und der Bezirk Lilienfeld, falls Betriebe schließen und Arbeitsplätze verloren gehen.“ Er verweist zudem darauf, dass der Autoverkehr am südlichen Ende der S 34, auf der B 20 in Wilhelmsburg, um zwölf Prozent steigen würde. „Das hat auch die ASFINAG bestätigt.“

Für den Verkehrsexperten der Technischen Universität Wien, Thomas Macoun, ist die Notwendigkeit für den Bau der S 34 nicht gegeben, weil das Verkehrsaufkommen seit dem Jahr 2000 nicht gestiegen sei. „Es gibt nur in der Früh und abends den Pendlerverkehr, der Probleme bereitet. Es wird also keine Schnellstraße mit einer Kapazität von 40.000 Autos pro Tag zusätzlich zur bestehenden Mariazeller Straße benötigt.“

Einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs fordert daher die Klubobfrau der niederösterreichischen Grünen, Helga Krismer. Sie kritisiert: „Hier werden Millionen von Euro an Steuergeld und eine riesige Fläche verbetoniert, obwohl die Bevölkerung dies gar nicht will.“

Der Verein Mobilität mit Zukunft (VCÖ) schlägt wegen des enormen Bodenverbrauches durch Verkehrsflächen bereits Alarm. Hierzulande wird jeden Tag eine Fläche von 20 Fußballfeldern für Verkehrsflächen „versiegelt“. Insgesamt nimmt der Verkehr landesweit bereits 2.070 Quadratkilometer ein, was der fünffachen Fläche von Wien entspricht.

„Dieser massive Bodenverbrauch ist auch ein Umweltproblem“, erklärt der VCÖ-Experte Markus Gansterer. „Denn verbauter Boden kann weder Wasser noch Kohlenstoffdioxid (CO2) speichern. Die Folge sind Überschwemmungen und Dürreperioden. Um die Klimaziele zu erreichen und den Bodenverbrauch zu reduzieren, müssen wir gegensteuern, das heißt, die Ortskerne stärken, die Nahversorgung forcieren und die Zersiedelung stoppen.“ Zudem gelte es, brachliegende Immobilienflächen zu revitalisieren, hiervon gebe es in unserem Land immerhin 40.000 Hektar. rb
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