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Ausgabe Nr. 50/2018 vom 11.12.2018, Fotos: Johannes Ifkovits, Dimo Dimov
Direktor Robert Meyer
Kunst fürs Volk
Am 14. Dezember wird die Wiener Volksoper 120 Jahre alt. Ihr Name ist Programm, damals wie heute. Anfangs sollte sie dem Volk, nicht dem Adel, Sprechtheater zugänglich machen. Heutzutage lockt sie Musikliebhaber mit Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Es ist kurz vor 18.30 Uhr. In den Straßenbahnen, die in der Wiener Währinger Straße entlangrollen, sind gut gekleidete Männer und Frauen zu sehen. An der Station Volksoper steigen sie aus, betreten fröhlich plaudernd das ehrwürdige Haus. Karten werden abgeholt, ein Glaserl Sekt getrunken. In der warmen Jahreszeit tummeln sich die Besucher auf dem kleinen Vorplatz, doch jetzt im Winter trotzen nur ein paar Raucher der Kälte. Noch ein paar schnelle Züge am Glimmstängel, ehe sich der Vorhang hebt.

Die Operette „Die Csárdásfürstin“, die in den 1950ern erfolgreich mit Marika Rökk, Johannes Hesters und Hubert Marischka verfilmt wurde, steht derzeit auf dem Programm. An der Volksoper erwecken unter anderem Elissa Huber, Sigrid Hauser, Boris Eder und Robert Meyer das Stück zum Leben. Die Vorfreude des Publikums ist spürbar. „Die Operette wird seit 100 Jahren totgesagt, aber sie lebt immer noch. Wir bringen frischen Wind hinein und ich bin stolz, dass die Volksoper das einzige große Haus unseres Landes ist, das dieses Genre noch im Repertoire hat“, meint der Direktor Robert Meyer, 65, der seit 2007 die Geschicke des Hauses lenkt.

Seit elf Jahren ist er bemüht, dem Volk die Schwellenangst oder besser Ehrfurcht vor dem Musiktheater zu nehmen. „Jeder soll sich hier wohlfühlen, ob er sich mit der Musik und den Stücken auskennt oder nicht.“ Wobei Meyer selbst ein gehöriges Schäuferl dazu beiträgt, denn er schlüpft immer wieder gern in Rollen. Dieser Tage ist er unter anderem als „Frosch“ in der „Fledermaus“ zu sehen und er überzeugt ebenso als verwirrter Don Quijote in „Der Mann von La Mancha“.

Direktor Meyer hält die Ideen der Gründer der Volksoper am Leben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde zur „Hebung des sittlichen Niveaus“ jenen Schichten, die keinen Zugang zu den Hoftheatern hatten, durch neue Spielstätten wie dieser die Möglichkeit gegeben, Theateraufführungen zu erleben. Zum 50jährigen Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph I. wurde die heutige Volksoper am 14. Dezember 1898 als Kaiserjubiläums-Stadttheater, das sich deutschsprachigen Sprechstücken widmete, eröffnet. Leider erschien der Kaiser selbst nicht zur Eröffnung. Seine Gemahlin Elisabeth, „Sisi“ war erst drei Monate zuvor ermordet worden.

Ab 1903 wurde das Repertoire langsam aber stetig Richtung Musiktheater erweitert. Richard Strauss‘ Oper „Salome“ oder Giacomo Puccinis „Tosca“ wurde hier erstmals in Wien aufgeführt. Und manch eine Wagner-Produktion machte sogar jenen der Hofoper Konkurrenz. Auch die Operette fand Eingang ins Repertoire. Die Umbenennung in Volksoper erfolgte im Jahr 1908, nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland wurde die Volksoper zum Opernhaus der Stadt Wien, das nach Kriegsende eine zentrale Bedeutung hatte.

„Das Gebäude der Volksoper hatte den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt überstanden, deshalb wurde es zum Ausweichquartier der zerstörten Staatsoper“, erklärt Rainer Schubert, Vize-Direktor der Volksoper. Ab dem Jahr 1955 wurde die Oper in Wien Währing wieder selbstständig. Der spätere bekannte Opernführer Marcel Prawy wurde Chefdramaturg und machte es sich zum Ziel, gegen alle Widerstände dem Musical in unserem Land, ja in Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Der Erfolg von Produktionen wie „Kiss me, Kate“ von Cole Porter und der „Westside Story“ seines Freundes Leonard Bernstein gaben ihm Recht.

Doch nicht nur für neue Genres, auch für neue Talente hatte Prawy ein Gespür. Im Jahr 1961 holte er die damals erst 19jährige Helga Papouschek an die Volksoper, die alsbald zum Publikumsliebling avancierte. „Ich war so stolz, als ich damals beim Bühneneingang reingekommen bin“, erinnert sich die heute 77jährige, die Prawy (er starb 2003) nach wie vor dankbar ist. „Er war ein wandelndes Lexikon, kannte jede Oper, Operette und wusste über jede Vorstellung genauestens Bescheid.“ Auch Otto Schenk, 88, spielte eine bedeutende Rolle für die Sängerin, besetzte er sie doch in seiner ersten Operetteninszenierung „Wiener Blut“. „Beim Vorsingen hatte ich schreckliche Angst vorm Dirigenten. Also hat ihn der Otti geschnappt und unter einem Vorwand hinausgeführt. Dann konnte ich problemlos vorsingen“, erinnert sie sich schmunzelnd.

Publikumslieblinge wie Dagmar Koller, Michael Heltau, Harald Serafin und Guggi Löwinger wurden an der Volksoper groß und sind oder waren ihr jahrzehntelang treu. Dass die Volksoper im Jahr 1991 mit der Staatsoper am Ring fusioniert wurde, ist eine kleine Randnotiz in der Historie des Hauses, denn schon fünf Jahre später erhielt sie ihre Eigenständigkeit zurück.

Direktoren wie Klaus Bachler, Dominique Mentha und Rudolf Berger setzten auf ein breites Repertoire von Oper, Operette, Musical und Ballett. Ebenso wie Robert Meyer, der zuvor vor allem als Nestroy-Darsteller gefeiert wurde. „Als Künstlerdirektor stehe ich auch als Kollege unter Kollegen auf der Bühne und kann viele Probleme dadurch besser verstehen“, meint der gebürtige Bayer, der mit speziellen Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien die Jüngsten für die Kunst begeistern möchte.

„Auch klassische Musicals wie ,My Fair Lady‘ oder ,Westside Story‘ haben bei uns nach wie vor einen wichtigen Stellenwert“, sagt Rainer Schubert, der als Jugendlicher schon als Statist im Haus tätig war und „immer lieber in die Volksoper als in die Schule gegangen“ ist. „Ich lernte Größen wie Adolf Dallapozza und Peter Minich kennen und mit dem verdienten Geld kaufte ich mir Opernschallplatten“, erinnert sich der Vizedirektor. „Peter Minich habe ich verehrt“, wirft auch Brigitte Lehr, die Leiterin des Kinderchores, ein. „Er war so fesch und hat uns Kinder immer mit Respekt behandelt, er kannte jedes Kind beim Namen. Das hat er bis zum Schluss beibehalten“, meint die 59jährige begeistert, die mit sechs Jahren im Ballett an der Volksoper begonnen hat und nach ihrer Ballett- und Musicalausbildung sowie Engagements an anderen Theatern mit 21 Jahren zurückgekehrt ist. „Die Volksoper mit ihren 1.337 Plätzen ist einfach mein Zuhause“, meint sie lächelnd.

So wie Brigitte Lehr schlägt das Herz vieler Mitarbeiter für die Volksoper. Vom Direktor bis zu den Künstlerinnen und Künstlern, alle betonen das Familiäre, das die Volksoper ausmacht und gleichzeitig von anderen Theatern unterscheidet. Allein 150 Sängerinnen und Sänger verdienen hier ihr Brot, das Orchester besteht aus 95 Musikern, es gibt 64 Chorsänger und mehr als 100 Tänzer. „Wir leben und arbeiten wie in einer großen Familie“, meinen sie.

Wer sich in den Gängen über den Weg läuft, tauscht ein paar nette Worte aus, und manchmal wurde daraus sogar die große Liebe. „Ich bin eines Tages zu den Proben gekommen – und da war er. Damals hat bei mir der Blitz eingeschlagen“, erinnert sich Helga Papouschek an ihre erste Begegnung mit Kurt Schreibmayer. „Niemand von den Kollegen hat uns ernstgenommen. Immerhin ist Kurt mehr als zehn Jahre jünger als ich. Das erregte Aufsehen, zumal ich damals gerade frisch geschieden war. Mittlerweile sind wir 40 Jahre zusammen, 38 davon glücklich verheiratet“, fügt sie lachend hinzu.

In der aktuellen Saison steht sie mit ihrem Mann in der Operette „Der Opernball“ auf der Bühne. „Gehen wir ins Chambre separée“, heißt die Devise dieses Bühnenklassikers, in dem ein Ehepaar aus der Provinz in der Großstadt seine Abenteuer erlebt. Auch die Zuschauer lassen sich gerne verführen. Vom Ensemble der Volksoper – wohl auch noch in 120 Jahren.
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