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Ausgabe Nr. 49/2018 vom 04.12.2018, Fotos: Flora Press, Fotolia
Frisch geerntet sehen die Samenkapseln der Vanille aus wie übergroße Erbsenschoten
Die Schoten werden in der Sonne wochenlang getrocknet und gewendet, bis sie fast schwarz sind.
Kampf um die Vanille
Uns versüßt sie meist in Kipferln den Advent. Doch in den afrikanischen Anbauländern sät die Vanille Gewalt. Bauern lynchen Diebe und Diebe töten Bauern. Denn es geht um viel Geld. An die 700 Euro kostet ein Kilo echter Vanille zurzeit, mehr als Silber.
Inmitten einer Plantage im afrikanischen Inselstaat Madagaskar durchwacht ein Bauer die schwülheißen Nächte. In der einen Hand ein Gewehr, in der anderen eine Machete. So schützt er sich und seine Vanilleschoten vor Dieben, die sich auf den Feldern Madagaskars, dem weltgrößten Vanille-Exporteur, herumtreiben.

„Manche sagen, dass es bei uns bereits mehr Vanillediebe als Vanillebauern gibt“, erzählt Marino Rajaonina, der schon seit Jahren Gewalttaten dokumentiert, die rund um dieses Süßwarengewürz in seiner Heimat geschehen. Und er besitzt Fotos, die es in kein Familienalbum schaffen.

„Zu sehen sind darauf Vanillediebe, die an Holzstangen durch das Dorf getrieben und anschließend mit Macheten getötet werden. Es ist grausam“, sagt Rajaonina. Besonders schlimm dreht sich die Gewaltspirale seit dem Sommer
des vergangenen Jahres, als ein heftiger Tropensturm auf der Insel beinahe ein Drittel der gesamten Vanilleernte zerstörte. Was die Preise in astronomische Höhen klettern ließ.

„Vor Kurzem waren gute Schoten noch um 30 Euro pro Kilo zu haben. Jetzt müssen Händler für schlechtere Qualität bis zu 700 Euro hinblättern“, berichtet Andreas Ewels in seiner Dokumentation über die „Vanille-Krise“ (am Freitag, 14.12., 21 Uhr auf 3sat).

Wie gefährlich das Geschäft mit dem sündhaft teuren Gewürz zur Zeit ist, bekam der deutsche Regisseur sogar am eigenen Leib zu spüren. „Ein Bauer hatte uns nach den Dreharbeiten ein paar Vanilleschoten geschenkt. Plötzlich standen wir Dutzenden Bewohnern gegenüber, die uns schubsten, weil sie uns für Diebe hielten. Zum Glück kamen Polizisten und nahmen uns mit zum Verhör. Das Ganze dauerte fast einen Tag, dann glaubten sie uns wohl und ließen uns frei“, sagt der Filmemacher.

Wenigstens drei Jahre wird es auf Madagaskar nun dauern, bis auf den verwüsteten Feldern wieder genügend Vanilleschoten geerntet werden können. So lange brauchen die bis zu 15 Meter langen Kletterpflanzen, bis sie Früchte tragen. Vorausgesetzt, sie werden gut gepflegt. Schließlich stammt die zur Familie der Orchideen gehörende Vanille aus den Regenwäldern Mexikos, und nur dort leben die speziellen Bienen und Kolibri-Vögel, die sie zur Fortpflanzung braucht. Weshalb auch in Madagaskar der Mensch die Bestäubung der cremeweißen bis gelblichen Blüten übernehmen muss. Eine mühevolle Arbeit, die meist durch Frauen mit Hilfe eines Bambusstabes erfolgt.

„Geschickte Arbeiterinnen können pro Tag aber fast 1.500 Bestäubungen durchführen“, weiß Andreas Ewels.

Kurz vor der Reife, wenn die knapp 20 Zentimeter langen Schoten noch hellgrün sind, werden sie geerntet, dann mit Wasserdampf behandelt und in luftdichten Behältern haltbar gemacht. Anschließend geht‘s zum Trocknen, Umschichten und Weitertrocknen in der Sonne. Und das über mehrere Wochen hinweg. Gute Vanille bedeutet somit viel Handarbeit und noch mehr Geduld. Nur so wird aus fünf Kilo frischen Samenkapseln ein Kilo edler Vanille von tiefbrauner Farbe mit einer intensiven Note von Rum. Um den teuren Süßstoff dennoch auch in Billigwaren mischen zu können, entwickelten Chemiker bereits im 19. Jahrhundert synthetisches „Vanillin“. Das ist in der Herstellung zwar extrem günstig, bietet geschmacklich aber nur einen unzureichenden Ersatz. Beruht das hoch geschätzte Aroma der natürlichen Vanille doch auf einer harmonischen Komposition aus annähernd 200 Einzelsubstanzen.

Kein Wunder also, dass echte Vanille nach Safran das zweitteuerste Gewürz der Welt ist. hwie
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