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Ausgabe Nr. 48/2018 vom 27.11.2018, Foto: picturedesk
Sieben von zehn Schipisten werden künstlich beschneit. Wintersport wird dadurch teurer und auch die Umwelt leidet.
Schifahren um jeden Peis
Dieser Tage beginnt in den meisten heimischen Winterorten die Schisaison. In Kitzbühel (T) wedeln die Schifahrer schon seit Mitte Oktober über die Pisten. Hier wurde Schnee aus dem vergangenen Winter durch spezielle Abdeckungen über den Sommer „gerettet“. Andere Schigebiete setzen auf Kunstschnee. In jedem Fall lässt die technische Beschneiung das Schifahren immer teurer werden. Zudem kommt heftige Kritik von Umweltschützern.
Die milder werdenden Winter haben es notwendig gemacht, dass heute in unserem Land rund sieben von zehn Schipisten mit Beschneiungsanlagen ausgestattet sind. Vor 20 Jahren wurde nur etwa jede fünfte Schipiste technisch beschneit.

Heute wird in unserem Land eine Fläche von etwa 154 Quadratkilometer mit Kunstschnee versorgt. Diese Fläche ist größer als das Stadtgebiet von Graz. Und es wird weiter aufgerüstet. Allein in diesem Jahr hat die Seillift-Wirtschaft 114 Millionen Euro in neue Schneekanonen, Wasserleitungen sowie Speicherteiche für die künstliche Beschneiung investiert. Die Schigebiete sind laut ihren Betreibern jedenfalls gut für die heurige Saison gerüstet. Sie beginnt üblicherweise Ende November bis Mitte Dezember.

Deutlich früher ging es in Kitzbühel (T) los. So bahnt sich etwa auf der Resterhöhe seit eineinhalb Monaten eine knapp 20 Meter breite Schneezunge ihren Weg durch die grüne Landschaft, auf der Schifahrer gen Tal bretteln. Es handelt sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes um „Schnee von gestern“. „Snowfarming“, zu deutsch „Anbauen von Schnee“ heißt die Beschneiungsmethode, die die Saison hier schon im Oktober eingeläutet hat.

Dafür wird Schnee aus dem vergangenen Winter zu riesigen trapezförmigen Haufen aufgetürmt und mit Hartschaum-Isoliermatten sowie Plastik abgedeckt. Darüber kommt Vlies als Schutz vor der Sonne und der UV-Strahlung.

Auf diese Weise wird der Schnee bis zum gewünschten Saisonstart auf Hängen gelagert, um ihn dann mittels spezieller Gerätschaften wieder auf die Pisten zu verschieben. Etwa achtzig Prozent des gelagerten Schnees können die Betreiber auf diese Art über den Sommer retten. Aus 28.000 Kubikmetern Schnee kann rechtzeitig eine Piste mit vierzig Zentimetern Höhe werden, die sich über eine Länge von bis zu zwei Kilometern erstreckt.

„Unser Ziel ist, dass die Menschen 200 Tage im Jahr Schi fahren können“, erklärt Josef Burger, der Vorstand der Bergbahn Kitzbühel. „Das Lagern des Schnees über den Sommer kommt billiger, als neuen Kunstschnee herzustellen, der mit drei Euro pro Kubikmeter zu Buche schlägt. So können wir einen guten Teil des Schnees aus dem Vorjahr verwenden.“

Die Tatsache, dass Mitte Oktober bei rund 20 Grad bereits Schnee auf die Piste verteilt wurde, rief allerdings auch Kritiker auf den Plan. So sprach etwa der Tourismus-Sprecher der Tiroler Grünen, Georg Kaltschmid, von einem „massiven Imageschaden für den Tourismus“. Zudem könnte es auch ein rechtliches Nachspiel geben, denn für das Schneedepot fehlte die rechtliche Bewilligung. Die drohende Strafe von 14.600 Euro dürfte angesichts von monatlich 66.000 Liftfahrten allerdings verkraftbar sein.

In anderen Schiregionen wird jedenfalls nicht auf Schneedepots zurückgegriffen, sondern auch heuer wieder mit Schneekanonen beschneit.

Wie in der Salzburger Sportwelt, erklärt Sprecher Gerhard Wolfsteiner, „Wir beschneien 95 Prozent unserer Pisten in fünf bis sieben Tagen. Ohne künstliche Beschneiung wird es sicherlich nicht mehr gehen.“ Dafür wird ein enormer technischer Aufwand betrieben. Denn allein für die Grundbeschneiung des 270 Pistenkilometer umfassenden Schigebietes sind rund 600.000 Kubikmeter Wasser notwendig, was dem jährlichen Wasserbedarf von 14.000 Menschen entspricht.

Pro Kubikmeter Schnee werden 400 bis 500 Liter Wasser und drei bis fünf Kilowattstunden (kwh) Strom benötigt. Mit einer Kilowattstunde kann zum Vergleich ein Fernseher sieben Stunden lang eingeschaltet sein oder eine Glühbirne mit einer Leistung von 60 Watt 17 Stunden lang brennen.

Der Tiroler Umweltanwalt Johannes Kostenzer übt daher Kritik an der künstlichen Beschneiung. „Für das benötigte Wasser werden zahlreiche Speicherseen angelegt, die wiederum aus den Flüssen, Bächen und Seen der Umgebung gespeist werden. Dort herrschen folglich niedrige Wasserstände vor, weil die Natur diesem schweren Eingriff nicht nachkommen kann.

Studien haben gezeigt, dass betroffene Flüsse in den Alpen aufgrund der Schneekanonen zum Teil bis zu 70 Prozent weniger Wasser führen, was die Fische be- droht. Zudem ist der Kunstschnee kompakter als herkömmlicher Schnee. Er bleibt länger auf der Piste liegen, was sich negativ auf die Vegetation auswirkt.“

Grundsätzlich ist eine technische Beschneiung erst möglich, wenn die Temperatur auf etwa zwei Grad unter Null sinkt. Durch spezielle Bakterienzusätze kann jedoch auch bei höheren Temperaturen Kunstschnee erzeugt werden. Nach einem Gerichtsurteil sind diese Bakterienzusätze zumindest in Tirol erlaubt. Die Vorarlberger Naturanwältin Katharina Lins ist jedoch skeptisch, „Wir wissen noch nicht, wie sich diese abgetöteten Bakterien auf die Umwelt auswirken, sie könnten aber ins Trinkwasser geraten. Um auf der sicheren Seite zu sein, würde ich dringend davon abraten, auch wenn die Bakterien in Ländern wie den Vereinigten Staaten (USA) und der Schweiz verwendet werden.“

Ob Kunstschnee verwendet oder auf Schneedepots zurückgegriffen wird, den Preis dafür müssen jedenfalls die Schifahrer berappen. Denn wie eine aktuelle Erhebung zeigt, sind Liftkarten im Vergleich zum Vorjahr um 2,8 Prozent teurer geworden. Im Zehnjahres-Vergleich liegt die Teuerung sogar bei vierzig Prozent. Eine Tageskarte in Kitzbühel kostet bereits 57 Euro, in Saalbach-Hinterglemm (S) 55 Euro. Sie gehören zu den teuersten Gebieten. rb
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