Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 47/2018 vom 20.11.2018, Fotos: Getty Images
Elektro-Tretroller erobern die Stadt
Petra Jens, Mobilitätsagentur Wien:
„E-Scooter sind deutlich schneller als Fußgänger. Sie sind rechtlich wie Fahrräder eingestuft.“
Die neue Mobilität
Aus dem urbanen Großstadtdschungel sind Elektro-Tretroller nicht mehr wegzudenken, in Wien gibt es die flinken und wendigen Gefährte auch zum Mieten. Doch die Mini-Stromer bieten reichlich Konfliktstoff. Gehsteige sind oft durch sie verparkt, und auch Unfälle sind keine Seltenheit.
Rund 2.900 zum Verleih stehende Elektro-Tretroller gibt es derzeit in Wien. Tendenz steigend. Dazu kommen noch zahlreiche dieser „E-Scooter“ in privatem Besitz. Binnen kürzester Zeit sind die trendigen Gefährte wie Schwammerln aus dem Boden geschossen. Die Fahrer bahnen sich mit diesen bis zu 25 Stundenkilometer schnellen Rollern ihren Weg durch Fußgängergruppen, vorbei an Radfahrern, Autos und Öffis. Nicht selten kommt es dabei zu Unfällen.

So wurde erst kürzlich ein achtjähriges Mädchen von einem 17jährigen Burschen auf dem Gehsteig mit einem Elektro-Tretroller umgefahren. Das Mädchen kam mit leichten Kopfverletzungen ins Spital.

„Auf den Gehsteig gehören die E-Scooter jedenfalls nicht“, erklärt die Wiener Fußgängerbeauftragte Petra Jens von der Mobilitätsagentur Wien. „Elektro-Tretroller sind deutlich schneller als Menschen, die zu Fuß unterwegs sind. Darum sind sie rechtlich wie Fahrräder eingestuft. Wer mit ihnen fährt, muss Radwege benutzen, dort, wo keine sind, heißt es ab auf die Fahrbahn.“

Verkehrsminister Norbert Hofer (FP) kann sich die Elektro-Tretroller hingegen sehr wohl auch auf dem Gehsteig vorstellen. „Wir arbeiten an einer Lösung, wonach die E-Scooter zwar als Fahrräder eingestuft sind, aber für den Fall, dass kein Radweg vorhanden ist, auch auf dem Gehsteig fahren dürfen. Allerdings nur in Schrittgeschwindigkeit. Eine Neuregelung wird es im Frühjahr geben“, erklärt eine Sprecherin des Ministeriums.

Die Juristin des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC) Tanja Tretzmüller erteilt den Plänen jedoch bereits jetzt eine Abfuhr. Für sie steht fest, „E-Scooter gehören auf den Radweg oder auf die Fahrbahn. Am Gehsteig haben Fußgänger Vorrang.“

Im Handel finden die Elektro-Tretroller jedenfalls reißenden Absatz. Seit heuer gibt es sie in Wien als einzige Stadt auch zum Mieten. Anbieter sind die beiden amerikanischen Unternehmen „Lime“ und „Bird“ sowie die deutsche Firma „Tier“. „Wir wollen die Menschen weg vom Auto bringen. Unnötige Autofahrten zwischen einem und drei Kilometern können dadurch vermieden werden. Die Nachfrage ist groß. Eine Ausweitung auf andere heimische Städte schließen wir nicht aus“, erklärt die Sprecherin von „Bird“, Yenia Zaba.

Zum Mieten eines E-Scooters reicht ein Mobiltelefon und das jeweilige Programm des E-Roller-Unternehmens (Handy-App), abgerechnet wird per Kreditkarte. Für den Roller wird eine Ausleihgebühr von einem Euro fällig, jede gefahrene Minute kostet 15 Cent. Abgestellt werden dürfen die flinken Gefährte auf dem Gehsteig, nicht jedoch auf öffentlichen Plätzen oder Grünanlagen. Die Standorte der Roller sowie der Akkustand sind über die Handy-App ersichtlich.

Mit einem vollen Akku haben die Roller, je nach Modell, eine Reichweite von 20 bis 50 Kilometer. Das Aufladen übernehmen sogenannte „Charger“, deutsch „Lader“, die freiberuflich für die Betreiber arbeiten und die Roller bei sich daheim gegen einen Kostenbetrag von etwa neun Euro (je nach Anbieter) pro Gefährt wieder aufladen. Zeitig in der Früh werden die E-Scooter dann wieder verteilt. „Fahrbetrieb“ ist täglich von 7 bis 21 Uhr.

Das Mindestalter für Leih-Roller liegt bei achtzehn Jahren, ein Führerschein ist nicht notwendig. Die Roller müssen, genau wie Fahrräder, mit Bremsen, Klingel oder Hupe, Scheinwerfer nach vorne und rotem Rücklicht sowie Rückstrahlern versehen sein.

Helmpflicht besteht nicht, das Tragen eines solchen wird aber von den Betreibern empfohlen.

Leider funktionieren die Elektro-Tretroller nicht immer problemlos. So begann die amerikanische Firma „Lime“ dieser Tage eine Rückrufaktion, denn in den Vereinigten Staaten sowie auch in unserem Land sind einige Elektro-Tretroller während des Fahrens auseinandergebrochen. Dabei gab es auch einige Verletzte.

Ihren Weg durch die Stadt bahnen sich jedenfalls auch andere elektrische Fortbewegungsmittel, wie etwa die sogenannten Segways und Hoverboards. Die Segways kennzeichnen sich durch zwei Räder, eine Art Trittbrett sowie eine Haltestange. Navigiert wird durch Gleichgewichtsverlagerung. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h dürfen sie ebenfalls nur auf Radwegen und auf der Straße gefahren werden. Die Hoverboards hingegen werden als „Kleinfahrzeuge“ (so wie Tretroller) eingestuft und gehören daher auf den Gehsteig. Sie bestehen ebenfalls aus einem Trittbrett und zwei Rädern, kommen aber ohne Haltestange aus. Zudem sind sie langsamer als Segways oder die Elektro-Tretroller.

Die Stadt Wien hat mit Leihfahrzeugen jedoch nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Nachdem es häufig Beschwerden über ausgeborgte Fahrräder gab, hat die Stadt die diesbezüglichen Regeln heuer verschärft. Sind die Drahtesel beschädigt oder verkehrsgefährdend abgestellt, müssen sie innerhalb von vier Stunden abgeholt werden, sonst droht eine Strafe von 700 Euro.

„Diese Regelungen gelten auch für Elektro-Tretroller. Bis jetzt gab es allerdings nur wenige Beschwerden. Grundsätzlich sind wir dieser umweltfreundlichen Art der Mobilität positiv gegenüber eingestellt“, erklärt der Pressesprecher von Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne), Andreas Baur.

Der Erste Bezirk geht indes einen eigenen Weg. So soll es in der Wiener Innenstadt bald sogenannte „Verbotene Parkzonen“ für E-Scooter geben, die über das Mobiltelefon ersichtlich sind. Die Roller dürfen dort nicht mehr abgestellt werden, beziehungsweise nur noch gegen eine höhere Gebühr, die ebenfalls über das Handy verrechnet wird. Ob andere Bezirke diesem Beispiel folgen, bleibt offen.

Eine besondere Sicherheitsmaßnahme hat der Roller-Betreiber „Bird“ getroffen. Auf der Mariahilfer Straße, wo Radfahren und auch E-Scooter fahren trotz der Fußgängerzone erlaubt ist, werden die Leihroller vom Unternehmen elektronisch auf Schrittgeschwindigkeit gedrosselt. rb
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung