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Ausgabe Nr. 47/2018 vom 20.11.2018, Fotos: Craft Bier Fest, Rodauner Biermanufaktur
Evelyn Bäck mit „ausgezeichnetem“ „Georg Ludwig“.
Biersommelier Kurt Tojner mit seinem
„Strizzi“.
Bei „Georg Ludwig“ ist Hopfen und Malz nicht verloren
Wir trinken gerne Bier. Weltweit gesehen haben es nur die Tschechen lieber. Wobei wir gelernt haben, den Gerstensaft zu genießen. Dazu beigetragen haben kreative Menschen in unserem Land, die in kleinen Privatbrauereien neue Biere kreiert haben. Diesen sogenannten „Craft Beer“-Sorten ist sogar ein eigenes Fest gewidmet. Dort können sie am Freitag und Samstag verkostet werden.
Sagen Sie nicht einfach Märzen. Biertrinker sind genießerischer geworden. Das Hopfen- und Malz-
Getränk basiert zwar nach wie vor auf der traditionellen Brauart des Märzenbieres, doch mit neuen Geschmacksrichtungen kamen neue Namen. Angestoßen wird heute mit einem „Gigerl“ oder „Camillo“, auch „Georg Ludwig“ hat eine schöne Schaumkrone und sagt zur „Eleonora“ – „Prost“.

Die Vielfalt der Biere ist kreativen Menschen hierzulande zu verdanken. Sie wollten ihrem Lieblingsgetränk eine neue Note verleihen und haben in den eigenen vier Wänden zu experimentieren begonnen. Diese emBIERischen Bemühungen brachten erstaunliche Erfolge. Nein, nicht die Änderung der Grammatik, die „empirisch“ geblieben ist, doch aus dieser Erfahrung wurden geschmackliche Noten gefunden, die zwischen Vorarlberg und dem Burgenland nicht nur angestammte Biertrinker begeistern. Mit 278 Braustätten gibt es heute so viele wie noch nie in unserem Land. Weil in mittlerweile 128 Hausbrauereien Privatpersonen ihr eigenes Bier herstellen. Das sogenannte „Craft Beer“. „Darunter sind Biere zu verstehen, die handwerklich (engl. craft) in kleinen Mengen produziert werden. Das ist ein Trend, der aus Amerika kommt. Dort wurden in den 80er Jahren von jungen Menschen in Garagen Biere gebraut, die im Gegensatz zu Industriebieren meist nicht filtriert und pasteurisiert werden. Deshalb sind sie nicht so lange haltbar, dafür frischer. Es bleiben Vitamine und Spurenelemente drin, die Biere sind daher trüber als Industrieprodukte“, erklärt Kevin Reiterer, der diesen neuen Biersorten eine öffentlichkeitswirksame Plattform bietet. Er veranstaltet am Freitag und Samstag (23./ 24. November, jeweils zwischen 16 und 23 Uhr) in der Marx Halle, Karl-Farkas-Gasse 19, 1030 Wien, das „Craft Bier Fest“.

„Ich habe damit im Jahr 2014 begonnen“, erzählt Reiterer. „Die Zahl der Besucher hat sich stetig erhöht, im Vorjahr haben sich fast 8.000 Menschen durch die Sorten gekostet. Vier von zehn der Gäste waren bereits Frauen. Die gebotene Vielfalt ist groß, denn 100 Bierproduzenten nehmen am Fest teil, zwei Drittel davon kommen aus unserem Land.“ Etwa 400 schaumgekrönte Spezialitäten können die Besucher proBIERen.

Darunter jene von Evelyn Bäck. Die 35jährige Niederösterreicherin hat sich vor eineinhalb Jahren im Schloss Walpersdorf eine kleine Braustätte namens „Hopfenspinnerei“ eingerichtet und betreibt daneben seit September dieses Jahres mit ihrem Lebensgefährten in der Landeshauptstadt St. Pölten einen gleichnamigen Laden, in dem sie ihre Biersorten feilbietet. „Der Name meiner Brauerei hat historische Wurzeln, weil im Schloss einst eine Seidenspinnerei untergebracht war“, schmunzelt die Brauerin, die ihre Biersorten nach den Schlossherren und Schlossdamen benannt hat. Durchaus zurecht, denn Adel gehört zu Adel. „Auf jeden Fall“, lacht die 35jährige und präsentiert ihr Aushängeschild. Bei „Georg Ludwig“ ist Hopfen und Malz nicht verloren. Dieses fein-würzige Bier mit dem Elefanten im Etikett besticht durch sein Limetten-Aroma sowie seinen betörenden Lavendel-Duft. Bäck und „Georg Ludwig“ wurden in der Kategorie „Kreativbiere“ mit dem Staatsmeistertitel geadelt. Sie ließ damit auch Großbrauereien hinter sich. Mit ihrem Bier „Eleonora“ musste sich die Niederösterreicherin lediglich der Wiener Ottakringer Brauerei und deren „Blond“ geschlagen geben. „Mein ,Eleonora‘ betört mit einem Bouquet aus Orangen, Koriandersamen und rosa Pfeffer.“

Brauen war ein Hobby, das Bäck erst vor zwei Jahren zum Beruf gemacht hat. Ihre Erfolge zeigen, dass Frauen durchaus ein Gespür für würzigen Hopfen haben können, der wesentlich ist, um einem „Craft Bier“ den unvergleichlichen Geschmack zu geben. Dennoch sind Frauen in der Rolle der Braumeisterin in der Minderheit. „Ich kenne nur sieben andere Frauen, die wie ich berufsmäßig Bier erzeugen“, sagt die 35jährige, die in ihrem Laden 60 Biere anbietet. Die Preise pro Flasche mit 0,33 Liter Inhalt liegen zwischen 2,29 Euro und 9,99 Euro. Das teure Gebräu kommt aus Dänemark und hat einen Alkoholgehalt von zwölf Volums-Prozent Alkohol. Für ihr geadeltes „Georg Ludwig“ verlangt Bäck 2,89 Euro. Derartige „Craft Biere“ tragen dazu bei, das Verhalten der Konsumenten zu ändern. Freilich, wir Österreicher lieben die gefüllten Gläser samt Schaumkrone. Pro Jahr trinkt jeder von uns statistisch gesehen 106 Liter, damit liegen wir hinter den Tschechen weltweit auf Platz zwei. „Aber heute geht es vermehrt um Geschmack und Vielfalt“, weiß der Diplom-Biersommelier Kurt Tojner. Der 56jährige betreibt in Wien die „Rodauner Biermanufaktur“ und stellt fünf „Craft Bier“-Sorten her. Sein „Strizzi“, ein bernsteinfarbenes Wiener Lager, mundet herrlich zu Schnittkäse. Sein „Gselchter“, ein Smoke Ale mit sanfter Specknote, ist als Begleitung zu Gegrilltem ein Genuss.

Der Gaumen merkt‘s, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. „Das außergewöhnlichste Bier, das ich je getrunken habe, war ein ,Mangalitza Milk Stout‘ der ,Brauküche 35‘ aus Schalladorf (NÖ)“, sagt Bierfest-Veranstalter Kevin Reiterer. „In dieses Bier wird sogar ein geräucherter Sauschädl mit eingebraut.“
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