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Ausgabe Nr. 47/2018 vom 20.11.2018, Foto: Foto: valiza14/Fotolia
Volksweisheiten der Medizin auf dem Prüfstand.
Sauer macht nicht lustig, aber mutig
Alte Sprüche und Bauernregeln, davon sind viele überzeugt, haben auch heute noch ihre Gültigkeit oder einen wahren Kern. Ob und wie viel Wahrheit in fünf bekannten Gesundheitsweisheiten steckt, damit beschäftigt sich auch die moderne Medizin. So manche Antwort der Wissenschaftler überrascht.
„Sauer macht lustig“

Ein Selbstversuch überzeugt. Wer kräftig in eine Zitrone beißt, dem ist selten zum Lachen zumute. Tatsächlich ist das Wort „lustig“ in diesem Sprüchlein nicht mit Humor gleichzusetzen.

Vielmehr ist seine Bedeutung in der Entstehungszeit rund um das Jahr 1700 zu berücksichtigen. Damals bedeutete „lustig“ viel mehr „gelustig“, also, „Lust auf mehr machend“, etwa auf mehr Essen. Das heißt, „Sauer macht hungrig“, und wer nur an Saures denkt, kann diese Wahrheit spüren. Saures regt den Speichelfluss an. Nicht umsonst sind viele Vorspeisen säuerlich angerichtet. Sauer macht darüber hinaus nicht lustig, aber mutig. In einer aktuellen britischen Studie aus Sussex konnte nachgewiesen werden, dass Menschen, die saure Getränke konsumieren, (bei einem Computerspiel) risikobereiter und mutiger sind als jene, die bittere, salzige oder süße Getränke konsumierten.

„Nach dem Essen sollst du ruh‘n oder 1.000 Schritte tun“

Ein ausgiebiges oder deftiges Essen ermüdet rasch, doch wer Großmutters Rat befolgen möchte, ist meist hin- und hergerissen. Ruhen oder Spazierengehen? Der Magen-Darm-Spezialist Dr. Hans Peter Gröchenig, Erster Oberarzt am KH der Barmherzigen Brüder in St. Veit/Glan (K) kann das „Rätsel“ lösen.

„Bei schweren oder üppigen Speisen wäre eine Ruhephase nach dem Essen empfehlenswert. Die Verdauung kommt nach dem Essen in Schwung, mehr Blut fließt in den Darm und in die Leber. Das ist für den Weitertransport und die Verarbeitung unserer Nährstoffe wichtig. Durch verschiedene chemische Signale versucht unser Körper sogar, uns in den Ruhezustand zu führen. Der Vorteil des Ruhens, unsere Muskeln benötigen weniger Durchblutung, dadurch kann die Verdauung optimal vonstatten gehen. Im Gegenzug scheint bei leichteren Mahlzeiten mäßiges Gehen die Darmaktivität und Verdauung positiv zu unterstützen. Unsere Vorfahren waren über das richtige Verhalten nach dem Essen bestens informiert.“

„Wenn‘s Arscherl brummt, ist‘s Herzerl g‘sund“

Diesen Satz, so die Überlieferung, hat einst ein berühmter Mann immer wieder gerne zitiert, das Musikgenie Wolfgang Amadeus Mozart.

Blähungen als Zeichen einer blendenden Herzgesundheit, hier ist der Volksmund einem Irrtum aufgesessen, sind sich die Mediziner einig. Früher glaubten die Gelehrten, der Darm müsse täglich entleert werden, um gesund zu bleiben, denn es bestand die Vermutung, aus dem Stuhl stiegen Giftstoffe und Bakterien in den Körper auf. Das ist jedoch widerlegt.

Richtig ist hingegen, dass Darmgase, die nicht entweichen können (Meteorismus = Blähsucht) das Zwerchfell nach oben zum Herzen drücken und Beschwerden, etwa ein beklemmendes Gefühl, auslösen können. Ist der Weg für die Gase durch den Darm hingegen frei und können sie entweichen, bleibt das Zwerchfell, wo es hingehört, hat das Herz ausreichend Platz und spürt keinerlei unangenehmen Druck.

„Lachen ist die beste Medizin“

Das sagt nicht nur der Volksmund, sondern auch die Wissenschaft, meint der deutsche Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen. „Groucho Marx sagte einst treffend, ‚Ein Clown wirkt wie Aspirin, nur doppelt so schnell.‘

Tatsächlich verändert Lachen die Schmerzwahrnehmung. Das Zwerchfell als der zentrale ‚Lachmuskel‘ erschüttert aus der Körpermitte alle Organe und Muskeln. Lachen ist der direkteste Anti-Stress-Mechanismus. Spannt die Muskulatur im Stress an, lassen wir beim Loslachen auch körperlich locker. Nach dem Lachen sinkt der Blutdruck und das Immunsystem verbessert sich.“ Derzeit wird die Humorforschung noch belächelt, denn sie ist schwieriger als ein Medikament zu testen, schließlich lacht jeder Mensch über etwas anderes. „Meine Stiftung ‚Humor hilft heilen‘ fördert Studien, um genauer herauszufinden, was genau wirkt, das geht weit über Clowns hinaus. Die großen Volkskrankheiten wie Depression, Übergewicht und Rückenschmerzen hängen eng mit dem Thema Stimmungsregulation zusammen“, erklärt von Hirschhausen und verrät, dass sich auch Ärzte im Dienst in Humor üben.

„Menschliche Zuwendung, emotionales Mitschwingen und die Fähigkeit, Hoffnung zu vermitteln, sind wesentliche Elemente des Heilungsprozesses. Ich träume davon, dass es für Humor im Spital eines Tages keine privaten Spenden mehr braucht, sondern es eine selbstverständliche Kassenleistung wird.“

„Ein Apfel am Tag spart den Doktor“

Kein Zweifel, Äpfel sind das beliebteste Obst im Land.
Der Pro-Kopf-Verbrauch der runden, knackigen Früchte beträgt rund 30 Kilo im Jahr. Mit nur 54 Kalorien bei 100 Gramm fördert der Apfel dazu die schlanke Figur. Schale, Fruchtfleisch und sogar der „Butzn“ liefern Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe und vieles mehr. Dass der Genuss eines der kleinen „Kraftpakete“ pro Tag aber gleich den Arzt auf Abstand hält?

Nicht ganz, wie der US-Forscher Matthew Davis aus New Hampshire und sein Team vom Dartmouth Institut für Gesundheitspolitik herausfanden.

„Wir haben für eine Studie Daten von 8.700 Erwachsenen ausgewertet. Das Ergebnis war interessant. Bei den Arztbesuchen konnten wir keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Apfelessern und Apfelmeidern erkennen. Das Kernobst hat auf die Zahl der Arzt-besuche eher keinen Einfluss. Aber Apfelesser müssen deutlich weniger verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen als jene, die keine oder kaum Äpfel essen. Daher müsste der berühmte Spruch heute ein wenig anders lauten. ‚Ein Apfel am Tag, hält den Apotheker fern.“
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