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Ausgabe Nr. 46/2018 vom 13.11.2018, Foto: Walt Diesney
Der Zeichner Walt Disney (? 1966)
schuf vor 90 Jahren die beliebteste Maus der Filmgeschichte.
Er hatte Angst vor Mäusen
Vor neun Jahrzehnten huschte Micky Maus in Schwarzweiß das erste Mal über die Kinoleinwand. Es folgte eine Hollywood-Karriere, die bis heute ihresgleichen sucht. Die Filme, Bücher und Hefte der pfiffigen Maus erfreuen noch immer Jung und Alt. Dieser Tage feiert Micky ihren 90. Geburtstag und ist dabei noch lange nicht mausgrau.
Sie ist knapp mehr als einen Meter groß, im Sternzeichen Skorpion geboren, legt sich als Detektiv mit den fiesesten Schurken von Entenhausen an und ist mit der hübschesten Maus der Filmgeschichte namens Minnie verheiratet. Vor 90 Jahren hatte Micky Maus ihren ersten Leinwandauftritt, seitdem ist sie keinen Tag gealtert, hat aber Farbe bekannt. Ihre Filme, Bücher und Hefte sind rund um den Globus erhältlich und begeistern Jung und Alt gleichermaßen. Obendrein ist der pfiffige Mäuserich die erste Komikfigur, die einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame erhielt (USA). Das war vor 40 Jahren.

Aber alles der Reihe nach. Wir schreiben das Jahr 1928, als ein junger Zeichner namens Walt Disney mit dem Zug von New York nach Los Angeles (USA) reiste und an einer neuen Zeichentrickfigur tüftelte. Denn der 26jährige Mann aus dem Bundesstaat Illinois hatte gerade die Rechte an seinem bis dahin erfolgreichen, aber nicht patentierten Komikhasen „Oswald the Rabbit“ an das Filmstudio Universal Pictures verloren. „Ich war allein und hatte nichts“, berichtete Disney später. „Aber da war diese Maus in meinem Hinterkopf. Eine Maus hat einen sympathischen Charakter, auch wenn sich die meisten Menschen, mich eingeschlossen, vor ihr fürchten“, gestand er.

Seine Angst vor Mäusen hielt ihn letztendlich aber nicht davon ab, seine Zeichentrick-Figur zu Papier zu bringen. Sie hätte eigentlich Mortimer heißen sollen, Disneys Frau Lillian fand dies jedoch zu bieder. Sie bestand auf Mickey Mouse, deutsch Micky Maus, und setzte sich durch.

Walt Disney und sein Zeichner Ub Iwerks († 1971) produzierten mit der Maus in der Hauptrolle noch im gleichen Jahr den Stummfilm „Plane Crazy“ sowie einen weiteren Streifen. Aber erst mit „Steamboat Willie“ erlangte das kleine, witzige Kerlchen schlagartig Bekanntheit. Micky spielte darin einen aufmüpfigen Matrosen, der sich auf einem Dampfschiff um die Gunst der hübschen Minnie Maus bemühte und dem Kapitän „Kater Karlo“ Paroli bot.

Der bereits durch eine Tonspur mit Musik und viel Krach untermalte Kurzfilm wurde am 18. November 1928 uraufgeführt, der Tag gilt seitdem als Geburtstag von Micky Maus, die sich fortan vor Erfolg kaum noch retten konnte. Kinosäle waren oft nur dann voll, wenn Micky Maus im Vorspann lief. Und der eine oder andere Kinobesucher blieb nach der Veranstaltung einfach sitzen, um die süße Maus noch einmal zu sehen.

Zu sprechen begann Micky mit etwa einem Jahr. Seine ersten Worte waren „Hot Dog“ in „The Karnival Kid“ (1929). Denn der Mäuserich versuchte in dem Kurzfilm als Imbissverkäufer auf einem Jahrmarkt heiße Würstel in Gebäck an die Besucher zu bringen. Die Stimme lieh ihm für fast zwei Jahrzehnte sein Erfinder Walt Disney.

Für seine Wunder-Maus wurde er im Jahr 1932 mit einem Ehren-„Oscar“ ausgezeichnet, bis zu seinem Tod im Jahr 1966 durch Lungenkrebs heimste Disney 26 „Oscar“-Statuen ein, was in der Filmbranche unerreicht ist. Mickys Erfolgsgeheimnis beschrieb er folgendermaßen, „Wenn die Menschen über Micky Maus lachen, dann deshalb, weil er so menschlich ist.“

Seine Zeichner stellten dem sympathischen Mäuserich daher noch mehr „menschliche“ Charaktere zur Seite. Als da wären der zu Wutausbrüchen neigende Donald Duck, seine modebewusste Freundin Daisy sowie die frechen und neunmalklugen Neffen Tick, Trick und Track. Nicht zu vergessen auf Mickys tollpatschigen Freund Goofy und dessen treuen Hund „Pluto“.

Minnie Maus ist auf den Tag gleich alt wie Micky. Eine Hochzeit zwischen den beiden verliebten Nagern fand bis jetzt in keinem Film statt, der Walt-Disney-Konzern beteuert aber, dass sie, wie es sich für anständige Mäuse gehört, verheiratet sind.

Während des Zweiten Weltkrieges setzten die Amerikaner Micky sogar für Propagandazwecke ein. Er flog in Comics als Bomberpilot über das Dritte Reich, und auf einem Poster warnte er vor den Nazis, „Aufgepasst, 24 Studen am Tag, sieben Tage in der Woche.“

Bei den Nationalsozialisten war Micky hingegen von offizieller Seite her als „Ungeziefer“ und „Bakterienträger“ verhasst. Heute ist jedoch belegt, dass sowohl Adolf Hitler als auch sein Propagandaminister Joseph Goebbels eine Schwäche für den kleinen Amerikaner hatten. So bekam der Diktator bereits im Jahr 1937 zu Weihnachten Mickymausfilme von Goebbels geschenkt, wie aus dessen Tagebuch ersichtlich ist.

Der Krieg ging vorüber und Micky Maus wurde dicker und rundlicher, bekam Pupillen und Augenbrauen. War die Maus in ihrer Anfangszeit ein nur spärlich mit einer Hose bekleidetes „Nackerpatzl“, erhielt sie jetzt auch adäquate Kleidung.

Zudem entstanden ab 1935 die ersten Micky-Maus-Farbfilme. Der Held kämpfte als Zauberlehrling in „Fantasia“ (1940) gegen Geister und Dämonen. Mit klassischer Musik in Stereoton untermalt, war der Film eine technische Sensation.

Micky war ungefähr ein Vierteljahrhundert alt, als sich die Amerikaner im Kalten Krieg befanden. Also brauchte das Land wieder Helden. Micky Maus, die längst ein Inbegriff westlicher Kultur war, wurde zu einer Art National-Ikone. Sie wandelte sich von der einst aufmüpfigen Maus hin zum Alleskönner. Ihr Repertoire reicht heute vom Feuerwehrmann über Cowboy, Dirigent und Erfinder bis zum Detektiv auf Verbrecherjagd.

Der Siegeszug von Micky, der in Italien „Topolino“, in Schweden „Musse Pigg“ und in Japan „Mi-kki Mau-su“ genannt wird, war nicht mehr aufzuhalten. So ist die Maus in ihrem Geburtsland, den Vereinigten Staaten von Amerika, mit 97 Prozent Bekanntheitsgrad sogar bekannter als Santa Claus. Und das Micky-Maus-Magazin erscheint heute in 27 Sprachen. Hierzulande gab es das erste Heft am 29. August 1951. Es kostete vier Schilling, das sind umgerechnet rund 30 Cent.

Legendär sind die Aussprüche von Micky, die auf die deutsche Komikheft-Übersetzerin Erika Fuchs († 1997) zurückgehen. Sie reichen von „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ über Zustandsbeschreibungen wie „Seufz“, „Grübel“ „Schluchz“ und „Buhu“.

Nach „Buhu“ oder „Schluchz“, also zum Weinen, war jedenfalls auch den Mitarbeitern von Walt Disney zumute. Denn der erklärte Antikommunist und Gewerkschaftsgegner ließ seine Angestellten bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten.

Heute ist der Disney-Konzern ein gigantisches Unterhaltungs-Imperium, das auf Platz 67 der weltgrößten Unternehmen rangiert. Bei weltweit 195.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro wird sogar der im Geld badende Onkel Dagobert neidisch.

Walt Disney liebte Micky „mehr als jede Frau, die ich jemals kennengelernt habe“. Seine Mitarbeiter mahnte er im Hinblick auf die Firmengeschichte daher, stets demütig zurückzublicken, „denn denkt bitte immer daran, alles begann mit einer kleinen Maus.“ rb
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