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Ausgabe Nr. 46/2018 vom 13.11.2018, Foto: Fotolia
Immer weniger Jugendliche sprechen
Österreichisches Deutsch
Verlieren wir unsere Sprache?
Sprache ist Identität. Doch viele Jugendliche benutzen die „Treppe“ statt der „Stiege“, haben keinen „Fünfer“, sondern „eine Fünf“ und trinken am liebsten „die Cola“. Schuld daran sind vor allem Fernsehen und Internet. Aber auch Lehrer sehen im Österreichischen Deutsch nur einen Dialekt.
In Bayern (D) gibt es künftig den Unterrichtsschwerpunkt „Mundart und regionale Kultur“. Denn „Mundart ist Teil unserer Identität“, heißt es im bayerischen Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freien Wählern. Für unser Land „wäre das die falsche Lösung“, sagt der Grazer Sprachforscher Rudolf Muhr. Das Österreichische Deutsch ist kein Dialekt, sondern die Sprache unseres Landes. Weshalb Muhr auch für die Großschreibung plädiert, denn „es ist ein Eigenname. Alles andere ist sprachwissenschaftliche Unterwürfigkeit“.

Das Deutsch in unserem Land unterscheidet sich nicht nur bei bestimmten Wörtern von dem unseres großen Nachbarn, sondern auch in der Grammatik. So sagen wir „ich bin gesessen“ und nicht „ich habe gesessen“. Es sei denn, jemand war im Gefängnis. „In Zeitungstexten lese ich immer wieder, ,er habe gestanden‘ statt ,er sei gestanden‘“, kritisiert Rudolf Muhr. „Das ist noch dazu irreführend, weil das bei uns heißt, er hat ein Geständnis abgelegt.“

Vor allem Jugendliche in der Stadt tun sich schwer mit dem Österreichischen Deutsch. Sie gehen die „Treppen hoch“ statt die „Stiegen hinauf“, essen „Schlagsahne“ statt „Schlagobers“ und verschicken nicht „das“ sondern „die E-Mail“.

„Das ist die Schuld der Medien, die ständig Deutschlandismen übernehmen“, sagt der Sprachwissenschaftler Muhr. Kinder und Jugendliche schauen oft stundenlang deutsche Sendungen oder verfolgen deutsche Videomacher auf der Plattform „Youtube“. Doch Rudolf Muhr entlässt auch die Eltern nicht aus der Verantwortung. „Es ist zum Teil auch der Fehler der Eltern, die nicht sagen, liebe Tochter oder lieber Sohn, so redest du mir nicht daheim. Es ist eine Erziehungsfrage, Normen werden über das Elternhaus vermittelt. Passiert das nicht, geht die Sprache verloren.“

Auch die Lehrer tragen ihr Scherflein zur Sprach-Vergessenheit bei. Vielfach gilt bei Lehrern das „bundesdeutsche Deutsch“ als das bessere, das richtige Deutsch. Was zur Folge hat, dass die Kinder mit „der Eins“ statt „dem Einser“ rechnen und in Aufsätzen von dem „Jungen“ statt dem „Buben“ schreiben. Laut einer Studie hält die Mehrheit der Lehrer und der Schüler das Deutsch unserer Nachbarn für korrekter als das hiesige Deutsch. Dabei ist das Österreichische Deutsch unsere Ausprägung des Hochdeutschen. Und damit auf jeden Fall richtig, genauso wie britisches und amerikanisches Englisch anerkannt werden.

Vor allem jüngere Lehrer verwenden eher bundesdeutsche Begriffe. „Das ist kein Wunder, weil sie auf der Universität fast nur noch von deutschen Professoren unterrichtet werden, und die vermitteln ständig das Gefühl, dass alles, was österreichisch ist, sowieso Dialekt ist“, klagt Rudolf Muhr. „Wenn ein Land seine eigenen Normen nicht ernst nimmt, dann hat es keine. Es ist immer dieselbe Geschichte, der Große gegen den Kleinen.“

Mit dem österreichischen Wort des Jahres kämpft der Sprachforscher Muhr seit 1999 auch gegen die sprachliche Vereinnahmung an. Damals gewann der Begriff „Sondierungsgespräche“. Das Unwort des Jahres war „Schübling“, das aus der Verwaltungs- und Polizeisprache stammende Wort für „Schubhäftling“. Im Vorjahr ging der „Vollholler“-Ausspruch des früheren SPÖ-Chefs Christian Kern als Sieger hervor, das Unwort lautete „alternative Fakten“.

Seit ein paar Jahren können Interessierte auch das Jugendwort des Jahres wählen. Wie beim „Wort des Jahres“ entscheidet dabei das Publikum. Beim Jugendwort sollte es aber jünger als 25 Jahre sein. Noch bis 3. Dezember kann jeder im Internet seine Stimme abgeben (http://www.oedeutsch.at/OEWORT/). „Im vergangenen Jahr haben 11.000 Menschen teilgenommen, heuer werden es sicher mehr sein“, freut sich Rudolf Muhr. Dass bei den Jugendwörtern oft englische Begriffe oder deren Abwandlungen zur Wahl stehen, ist laut dem Grazer aber kein Grund zur Besorgnis. Denn die tatsächliche Gefahr für unsere Sprache kommt eher vom großen Nachbarn Deutschland als aus England.
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