Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 45/2018 vom 06.11.2018, Fotos: Fotolia, Raunig
Einsamkeit macht krank.
Auch dank Karin Widder (re.) hat Eva Schranz ihre Fröhlichkeit zurückgewonnen.
Die Einsamkeits-Epidemie
Einsamkeit macht krank. Doch sie betrifft immer mehr Menschen, jüngere genauso wie ältere. In Großbritannien gibt es nach einer erschütternden Studie sogar ein Staatssekretariat für Einsamkeit. Bei uns kämpft der Kärntner Verein MENA gegen die Einsamkeits-Epidemie und die „Ich-Gesellschaft“. Er verbindet einsame Menschen jeden Alters.
In Großbritannien ist Einsamkeit seit Jänner Regierungssache. Ein eigenes Staatssekretariat kümmert sich um das Thema. Denn „Einsamkeit ist eine Realität für zu viele Menschen in unserer heutigen Gesellschaft“, erklärte Premierministerin Theresa May, als sie kürzlich ihre Strategie dagegen vorstellte. „Sie kann jeden betreffen, in jedem Alter und mit jedem Hintergrund.“

Auf den britischen Inseln sollen Hausärzte künftig einsamen Menschen statt Medikamente die Teilnahme in Kochgruppen, Wandervereinen oder Malkursen verschreiben können. Bis zu fünf Menschen kommen täglich in die Arztpraxen, nur um der Einsamkeit zu entfliehen. In einem Pilotprojekt versuchen auch Briefträger der privatisierten Post mit isolierten Menschen ins Gespräch zu kommen.

Der Hintergrund der „Einsamkeits-Strategie“ ist dramatisch. Laut einer Studie des Roten Kreuzes fühlt sich fast jeder siebente der 66 Millionen Briten häufig oder immer einsam. 200.000 ältere Menschen hatten seit mehr als einem Monat kein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten.

Auch bei uns nimmt die Einsamkeit zu. In der Stadt eher als am Land, wo die Menschen ihre Nachbarn noch kennen. Aber die Kontaktlosigkeit zieht sich quer durch alle Altersschichten. Nicht nur ältere, sondern auch immer mehr junge Menschen fühlen sich isoliert. Die sozialen Medien können das verschärfen. Denn bei Kontakten im Internet fehlt meist eine tiefergehende Verbindung. Die Einzel-Haushalte haben sich laut Statistik Austria von 1986 bis heute nahezu verdoppelt. Gab es im Jahr 1986 rund 780.000 Einpersonen-Haushalte, waren es 30 Jahre später 1.430.000. Fast eine halbe Million Menschen, die den 65. Geburtstag hinter sich haben, wohnen allein.

Einsamkeit, die „Epidemie im Verborgenen“, wie sie britische Experten bezeichnet haben, macht krank. Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass chronische Einsamkeit ebenso gesundheitsschädlich ist wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag, Übergewicht und Bewegungsmangel.

Vom Alleinsein unterscheidet sich die Einsamkeit dadurch, dass die Menschen darunter leiden. Es ist ein Zustand, den sie sich nicht ausgesucht haben. Zwei Drittel der Menschen unseres Landes haben laut einer Umfrage Angst vor der Einsamkeit. Rund die Hälfte der 60- bis 69jährigen fürchtet sich davor, am Lebensende zu wenige Freunde und Bekannte zu haben.

Ein Umstand, dem der Verein „MENA MEnschenNAh“ aus Villach (K) entgegenwirken möchte. Gegründet wurde er vor acht Jahren von Isabella Scheiflinger, 52, die im Hauptberuf Leiterin der Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung in Klagenfurt (K) ist. „Wir bieten einsamen Personen aller Altersgruppen sowie Menschen ohne sozialen Rückhalt unsere Hilfe an. Wir kämpfen gegen das gesellschaftliche Phänomen der Einsamkeit und verbinden einsame Menschen, die ähnliche Interessen und Anschauungen haben. So unterstützen wir einsame Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die keine Familienangehörigen oder Freunde haben. Häufig werden wir von Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Behinderungen kontaktiert, denn gerade diese Zielgruppe ist gefährdet. Aber auch Armut trägt zur Einsamkeit bei und das schon bei Schulkindern“, sagt Scheiflinger.

Knapp 540 Menschen in Kärnten hat der Verein bereits gegen die Einsamkeit unterstützt. „Unsere 52 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind motivierte Personen, die nicht wegschauen, sondern sich für das Schicksal anderer interessieren und den Menschen zur Seite stehen. Angefangen vom Studenten über die Hausfrau bis hin zu Wirtschaftstreibenden, Pensionisten und Ärzten haben wir alles dabei“, erzählt Scheiflinger.

Eine davon ist Karin Widder, 49, die seit einem Jahr bei MENA mitarbeitet. „Ich unterstütze zwei einsame Menschen aus dem Raum Klagenfurt. Ich hatte schon immer eine soziale Ader und helfe gerne jemandem über schwierige Zeiten hinweg. Das ist mir ein großes Anliegen“, sagt die Büroangestellte aus Maria Rain (K).

Karin Widder betreut zurzeit Eva Schranz, 54, die durch viele Schicksalsschläge in die Einsamkeit gerutscht ist. „Ich bin Altenfachbetreuerin und wurde in meiner Arbeit gemobbt. Deshalb schlitterte ich auch in ein Burn-out und bin seit sieben Jahren arbeitsunfähig. Vor zehn Jahren wurde ich geschieden und meine Söhne sind ausgezogen. Hinzu kam eine Krebserkrankung. Das war alles äußerst belastend für mich. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, ging zum Schluss nicht einmal mehr außer Haus und hatte zu niemanden mehr Kontakt“, erzählt Eva Schranz, die durch eine Veranstaltung auf MENA aufmerksam wurde und sich dann bei dem Verein gemeldet hat. Seit einem Jahr wird sie nun von MENA betreut.

„In der ersten Zeit habe ich Eva einmal in der Woche für drei Stunden besucht. Wir haben lange geredet, sie hat mir von ihren Sorgen und Ängsten erzählt. Klar war sie anfangs ein bisschen misstrauisch, aber sie hat sich nach und nach geöffnet, rief mich sogar um drei Uhr in der Früh an, wenn es ihr schlecht ging. Wir sind zusammen einkaufen oder Kaffee trinken gegangen. Heute sind wir beide gut befreundet, besuchen einander alle 14 Tage und telefonieren regelmäßig. Eva ist heute ein ganz anderer Mensch als noch vor einem Jahr. Sie hat ihre Fröhlichkeit zurückgewonnen, geht wieder hinaus, fängt mit fremden Menschen einfach ein Gespräch an und beteiligt sich aktiv am Leben“, sagt Widder, die nun gemeinsam mit Schranz sogar ein Nachbarschaftstreffen plant, damit Menschen zusammenkommen und untereinander Kontakte geknüpft werden.

„Ich bin Karin und dem Verein MENA wirklich dankbar. Sie haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, aus der Spirale der Einsamkeit herauszukommen und dass es auch Menschen gibt, auf die ich mich verlassen kann“, meint Schranz. Im vorigen Jahr wurde MENA sogar mit dem Menschenrechtspreis des Landes Kärnten ausgezeichnet. „Das bestätigt unsere Arbeit, einsamen Menschen wieder Mut, Hoffnung und Zuversicht zu geben. Und wir werden nicht aufhören weiterzukämpfen, gegen das gesellschaftliche Phänomen der Einsamkeit und gegen eine Ich-Gesellschaft“, sagt Scheiflinger.

Da sich der Verein durch Spenden, Mitgliedsbeiträge oder Erlöse aus Veranstaltungen finanziert, freuen sich die Helfer über jede Unterstützung: Verein MENA, Bankverbindung: EASYBANK, IBAN: AT56 1420 0200 1761 9757, BIC: EASYATW1.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung