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Ausgabe Nr. 43/2018 vom 22.10.2018, Fotos: picturedesk, picturdesk
Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen ein Kreuzerl machen
Die ersten weiblichen Abgeordneten im Parlament waren hauptsächlich
Sozialdemokratinnen.
Frauen wählen anders
Hätten Frauen das Sagen, wäre Wolfgang Schüssel wohl nie Bundeskanzler geworden. Das Bundespräsidenten-Duell hätte Norbert Hofer gegen Irmgard Griss gelautet und Amerika würde von Hillary Clinton regiert. Frauen dürfen bei uns seit 100 Jahren wählen. Doch zur Regierungs- oder Staatschefin hat es noch nie eine Frau gebracht.
Die Frau sei „viel zu impulsiv, zu nervös, um sich mit Wahlen und Politik abzugeben“, urteilte ein Grazer Journalist im Jahr 1913. Da durften die Frauen in Neuseeland schon seit 20, in Finnland seit sieben Jahren wählen. Und auch bei uns forderten sozialdemokratische und bürgerliche Frauen das Recht zu wählen.

Erst wenige Jahre zuvor, 1907, hatte Kaiser Franz Joseph das allgemeine Wahlrecht für Männer in der österreichischen Reichshälfte zugelassen. Das war bis zu diesem Zeitpunkt meist an eine bestimmte Steuerleistung gebunden. Mit der Reform verloren auch die wenigen wahlberechtigten Frauen wieder ihre Stimme. Der Kampf für das Frauenwahlrecht gewann an Fahrt. 1911 gingen dafür 20.000 sozialdemokratische Frauen und Männer auf die Straße. Bürgerliche Frauen bevorzugten zwei Jahre später eine „Protestfahrt“ durch die Stadt, im Auto oder Fiaker.

Der Erste Weltkrieg änderte das Geschlechtergefüge. Abertausende Männer zogen, am Anfang jubelnd, an die Front. Zuhause übernahmen Frauen die Verantwortung. Auf einmal gab es Tramwayfahrerinnen, Schaffnerinnen oder Straßenarbeiterinnen. In den Rüstungsfabriken schuftete das „schwache Geschlecht“ bis zu 13 Stunden am Tag, versorgte nebenbei die Kinder und die Familie. Als vollwertig galten Frauen demnach nicht. Für die Arbeit an der „Heimatfront“ bekamen sie deutlich weniger bezahlt als Männer, oft nur die Hälfte. Denn sie waren angeblich weniger belastbar und leistungsfähig. Von Gleichberechtigung war keine Rede. Auch nicht bei der Stimmabgabe. „Zum Wählen zu dumm, aber zur Arbeitspflicht für das Kriegsführen gescheit genug“, brach es im März 1918 aus der linken Frauenrechtlerin Adelheid Popp heraus.

Wenige Monate später war der Krieg verloren, der Kaiser aus Wien verjagt. Als am 12. November bei nasskaltem Wetter vor dem Parlament in Wien die Erste Republik ausgerufen wurde, hatten sich die Abgeordneten nicht nur auf einen Namen für den neuen Staat, „Deutschösterreich“, geeinigt, sondern auch auf das „allgemeine, gleiche, direkte und geheime Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts“.

So manche Hoffnung, die damit verbunden war, blieb unerfüllt. „Nie würde Fraueneinfluss es dulden, dass in der Politik mit der Möglichkeit des Krieges gerechnet wird“, sagte die Wiener Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Olga Misar im Jahr der Republiksgründung. Und eine andere Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht war überzeugt, es bleibe der Frau „vorbehalten, die Herrschaft des Egoismus, des Vorurteils und des Hasses zu brechen“.

Am 16. Februar 1919 durften alle Staatsbürger ab 20 Jahren zum ersten Mal ihr Kreuzerl im Staat „Deutschösterreich“ machen. Die Befürchtungen der Christlichsozialen, dass das Frauenwahlrecht vor allem die Linken bevorzugen würde, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil, die Frauen wählten vor allem konservativ. Trotzdem waren sieben der ersten acht weiblichen Abgeordneten im Parlament Sozialdemokratinnen. Die einzige christlichsoziale Volksvertreterin war Hildegard Burjan, die später das „Gewissen des Parlaments“ genannt und im Jahr 2012 wegen ihrer Sozialarbeit selig gesprochen wurde.

Doch ganz traute die Männer-Mehrheit im Hohen Haus den Frauen nicht. 1920 führten sie verschiedenfarbige Kuverts für die Geschlechter ein, um das Wahlverhalten der weiblichen Bürger zu beobachten. „Das Wahlkuvert wird für Männer aus lichtgrauem, für Frauen aus blaugrauem Papier hergestellt“, hieß es in der Vollzugsanweisung. Nach dem Zweiten Weltkrieg verzichtete der Nationalrat auf diese Unterscheidung. In Wien hingegen gab es die verschiedenen Kuverts für Männer und Frauen noch bis 1996.

Tatsächlich wählen Frauen anders als Männer, in den vergangenen Jahrzehnten eher links und grün. Die erste schwarz-blaue Koalition unter ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel wäre wohl nicht zustande gekommen, hätten Frauen alleine das Sagen. Nur jede fünfte wählte 1999 die FPÖ von Jörg Haider, bei den Männern war es jeder Dritte.

Auch in der Hofburg würde heute ein anderer oder eine andere sitzen. Bei der Bundespräsidenten-Stichwahl wäre Irmgard Griss (NEOS) gegen Norbert Hofer (FPÖ) angetreten. Jede vierte Frau stimmte für Griss, aber nur jeder zehnte Mann. Der heutige Verkehrsminister hingegen konnte fast jeden zweiten Mann auf seine Seite ziehen.

Donald Trump wäre nicht Präsident, wenn nur Frauen gewählt hätten. Den „Brexit“ gäbe es allerdings auch, wenn lediglich die Britinnen zur Abstimmung gegangen wären. Auch sie waren mehrheitlich für einen Austritt Großbritanniens aus der EU.

Frauen stellen mehr als die Hälfte der Stimmbürger, doch im Parlament ist nur jeder dritte Sitz von einer Abgeordneten besetzt. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis die erste Frau Ministerin wurde. Grete Rehor zog 1966 als Sozialministerin in die ÖVP-Alleinregierung ein und „schenkte“ uns den 8. Dezember „Mariä Empfängnis“ als Feiertag.
Rehor war eine erfolgreiche Gewerkschaftsfunktionärin, aber in ersten Interviews fragten Journalisten die 55jährige vor allem, wie sie es schaffe, Ministeramt und Haushalt unter einen Hut zu bringen. Sie selbst stellte fest: „Es ist wichtig und richtig, wenn Frauen auch in höchste Positionen vordringen. Das entspricht nicht nur der Beschäftigungsstruktur, sondern auch der Wählerstruktur.“

Auch Bruno Kreisky holte wenige Frauen in seine Regierungen. 1979 machte er Johanna Dohnal zur „Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen“. Zur ersten Frauenministerin wurde Dohnal erst 1990 unter Franz Vranitzky.

Bei den Landeshauptleuten war es wieder eine ÖVP-Politikerin, die für eine Premiere sorgte. Waltraud Klasnic war von 1996 bis 2005 „Frau Landeshauptmann“ in der Steiermark. Erst Gabi Burgstaller (SPÖ) ließ sich in Salzburg als Landeshauptfrau ansprechen, ebenso wie heute Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) in Niederösterreich. Die Verfassung erlaubt beide Varianten.

Auf die bisher höchste Sprosse im Staatsgefüge kletterte im Jahr 2006 die frühere SPÖ-Frauenministerin Barbara Prammer. Als Nationalratspräsidentin war sie in der protokollarischen Rangordnung auf dem zweiten Platz, nach dem Bundespräsidenten, aber noch vor dem Bundeskanzler. Prammer starb 2014 an den Folgen ihrer Krebserkrankung. Eine mögliche Kandidatur als Bundespräsident blieb ihr verwehrt.

Noch nie stand eine Frau an der Spitze unseres Staates oder der Regierung. Auch wenn derzeit drei Parlamentsparteien eine Chefin haben. Pamela Rendi-Wagner führt die SPÖ, Beate Meinl-Reisinger die NEOS und Maria Stern die Liste Pilz. „Frau sein alleine ist kein Programm“, hat Barbara Prammer einmal gesagt. Mann sein alleine aber auch nicht.
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