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Ausgabe Nr. 42/2018 vom 16.10.2018, Fotos: imago, Norwegian Armed Forces
Oben li.: der Flugzeugträger „Harry S. Truman“, re.: amerikanische Militär-LKW werden in Norwegen entladen. Gr. Bild: Bis 7. November sind Teile Norwegens „Sperrgebiet“.
Die größte NATO-Militärübung seit dem
Kalten Krieg
Schau-Kampf für Russland
Die NATO spielt Krieg. Mehr als 50.000 Soldaten, 150 Flugzeuge und 60 Schiffe üben ab 25. Oktober den Ernstfall. Der Schauplatz ist Norwegen, nur Hunderte Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Doch die NATO behauptet, das Säbelrasseln sei rein fiktiv.
Der amerikanische Flugzeugträger „Harry S. Truman“ kreuzt schon im Norden Europas. Das Schiff und seine 6.000-Mann-Besatzung spielen eine wichtige Rolle im NATO-Großmanöver „Trident Juncture“ (Dreizack-Verbindung). Und es soll das Engagement der Amerikaner für den Nordatlantikpakt (NATO) und seine größte Übung seit dem Ende des Kalten Krieges zeigen.

Bis 7. November üben die mehr als 50.000 Soldaten der 29 NATO-Staaten sowie von Finnland und Schweden den Angriff auf einen Verbündeten und den Beistandsfall. Nicht von ungefähr findet das NATO-Kriegsspiel in Norwegen statt, lediglich Hunderte Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Auch wenn das von NATO-Diplomaten nur hinter vorgehaltener Hand erzählt wird.

Offiziell heißt es, es handle sich um ein fiktives Szenario. „Diese Übung hat mehrere Botschaften“, sagt der amerikanische Admiral James G. Foggo, „und zwar, dass die NATO fähig ist, sich zu verteidigen und dass sie jeden Gegner abschrecken kann, nicht irgendeinen im Speziellen.“

Moskau hat das Großmanöver in Norwegen als unverantwortlich kritisiert. Es trage zur „Destabilisierung in der Region“ bei. Dem widerspricht der norwegische General Rune Jakobsen. „Der Kern des Manövergeländes ist mehr als tausend Kilometer von der russischen Grenze entfernt, der Luft-Einsatz könnte bis auf fünfhundert Kilometer vor der Grenze stattfinden. Deshalb sollte es keinen Grund für die Russen geben, Angst zu bekommen oder es als irgendetwas anderes zu sehen als eine Verteidigungsübung.“

Doch abseits der Militärdiplomatie wächst die Kritik an dem überdimensionierten Schau-Kampf. In Deutschland, das mehr als 8.000 Soldaten in den hohen Norden sendet, fordert der Linken-Verteidigungssprecher Tobias Pflüger eine Absage der Bundeswehr-Beteiligung, „sonst macht sie sich weiter mitschuldig an der Eskalation und Verschlechterung der Beziehungen zu Russland.“ Denn die „NATO-Osterweiterung hat die Sicherheitslage in Europa deutlich verschlechtert. Noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges waren die Beziehungen zwischen der NATO und Russland so schlecht“. Das Großmanöver bringe nur zusätzliche Unsicherheit in die ohnehin schon angespannte Lage. Und: „Es ist mehr als fadenscheinig, wenn die NATO beteuert, dass sich das Manöver gegen niemanden richtet. Jeder weiß doch, dass Russland gemeint ist.“

In Norwegen trainiert der Nordatlantikpakt den Bündnisfall. Wenn ein NATO-Staat nach einem schweren Angriff von außen die Bündnispartner zu Hilfe ruft. Die Übung soll zeigen, wie schnell die Staaten Truppen, Panzer, Schiffe und Flugzeuge ins Gefecht bringen können. Und wie die Soldaten aus verschiedenen Heeren zusammenarbeiten.

Die NATO hat 29 Mitglieder, inklusive Kanada und der Vereinigten Staaten. Seit dem Jahr 2004 ist ein Großteil des früheren Warschauer Paktes Teil des westlichen Verteidigungsbündnisses. Die NATO ist damit an die Grenze zu Russland gerückt. Auch die Ukraine und Georgien wollen zum Pakt.

In den vergangenen vier Jahren hat die NATO ihre Kampfkräfte in Europa verdreifacht. Seit der Annektion der Halbinsel Krim durch Russland fürchten sich vor allem Polen und die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland vor dem großen Nachbarn im Osten. Seit zwei Jahren gibt es deshalb eine eigene Abschreckungs-Truppe des Nordatlantikbündnisses in diesen Ländern. Rund tausend NATO-Soldaten sind dort rotierend stationiert.

200 Kilometer lang ist die Grenze Norwegens zu Russland. Dortige Militärs sind zum Manöver eingeladen worden. „Die Übung ist transparent. Alle Mitglieder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Russland eingeschlossen, sind eingeladen worden, Beobachter zu entsenden“, sagt der NATO-Generalsekretär und Norweger Jens Stoltenberg.

Auch in unserem Land wird die Entsendung eines Beobachteroffiziers geprüft, hieß es kürzlich aus dem Verteidigungsministerium. Unsere Soldaten werden nicht an „Trident Juncture“ teilnehmen. Das war vor drei Jahren noch anders. Damals übten auch Bundesheer-Soldaten den Ernstfall bei einem NATO-Großmanöver. Grüne und FPÖ warnten damals vor einer Gefahr für die Neutralität. Unser Land ist Mitglied der „Partnerschaft für den Frieden“, die mit der NATO zusammenarbeitet.

Abgesehen von der politischen Dimension ist das NATO-Manöver eine Materialschlacht. 1,8 Millionen Mahlzeiten werden serviert, 4,6 Millionen Wasserflaschen ausgehändigt und 660 Tonnen an Schmutzwäsche werden während der Übung anfallen. Das haben die norwegischen Militärs ausgerechnet.

Um allzu schlimme Umweltschäden zu verhindern, haben die norwegische Kartographie- und Katasterbehörde und das Militär 1,6 Millionen Landkarten gedruckt. Für das Fünf-Millionen-Einwohner-Land zahlt sich das Rollen der Panzer aus. 200 Millionen Euro investieren die NATO und das norwegische Heer in die dortige Geschäftswelt.

Erfahrung mit Großmanövern hat aber auch Russland. Anfang September fand die Übung „Wostok 2018“ (Osten 2018) statt, an der auch mongolische und chinesische Streitkräfte teilnahmen. Es war die größte Übung seit dem Jahr 1981, das russische Verteidigungsministerium hatte dafür 300.000 Soldaten angekündigt.
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