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Ausgabe Nr. 42/2018 vom 16.10.2018, Foto: All mauritius
Ein guter ärztlicher Rat von früher verliert immer mehr an Bedeutung
Bettruhe kann krank machen
Wer krank ist, braucht Ruhe und die findet er am besten im Bett. Seit Generationen gilt die Bettruhe als Königsweg, damit Kranke wieder zu Kräften kommen. Ein Bild, das gewaltig bröckelt, denn Ärzte wissen heute, zu viel Liegen fördert nicht das Genesen, sondern das Kranksein. Mit oft schlimmen Folgen vor allem für ältere Menschen.
Bleib ein paar Tage im Bett und schone dich.“ Diesen gut gemeinten Rat hören zur Zeit viele Erkältete. Die Bettruhe gilt als probates Mittel für jedes akute Leiden, gleich, ob eine Verkühlung, Grippe oder ein Eingriff den Körper vorübergehend schwächt. Die Bettruhe hat einen guten Ruf. Sie wird seit Generationen empfohlen. Daran kann nichts falsch sein.

Das stimmt nicht, darüber sind sich Ärzte aller Fachrichtungen einig. Sie empfehlen, das Krankenbett so bald wie möglich zu verlassen, denn ein ruhiggestellter Körper funktioniert mit jedem Tag schlechter. Die frühe Mobilisierung fördert die Heilung.

Das gilt nicht nur für harmlose und alltägliche Krankheiten wie eine Erkältung oder einen grippalen Infekt. Tagelanges Liegen bringt keinen Vorteil. Bei einer schweren Erkältung tut es den meisten Menschen zwar gut, sich am Tag für ein, zwei Stunden ins Bett zu legen. Dann sollten sie aufstehen, lüften und, sofern die Kraft reicht, einen Spaziergang an der frischen Luft machen.

„Tagelanges Liegen hat negative Folgen auf den Körper und auf das Herz-Kreislauf-System. Dazu gehören Kreislaufschwäche, Verlust der Kondition oder Muskelabbau, der schon nach vier Tagen Bettruhe beginnt. Das ist für ältere Menschen dramatisch, weil sie dann viel mehr Zeit benötigen, wieder fit zu werden. Wer noch länger liegt und dazu eine Begleiterkrankung hat wie etwa Diabetes oder Herzschwäche, läuft Gefahr, zusätzlich an einer Lungenentzündung oder Venenthrombose zu erkranken“, warnt der Gefäßexperte Prim. Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Gefäßchirurgie im Wilhelminenspital Wien und wissenschaftlicher Sprecher des Gefäßforums Österreich. Um diese mitunter lebensbedrohlichen Folgen zu verhindern, wird die Bettruhe heutzutage auf das Nötigste reduziert.

Sogar Intensivpatienten werden bewegt

„Früher wurde ein Patient mit einer tiefen Beinvenen-Thrombose ins Bett gelegt und zwei Wochen ruhig gestellt. Heute bekommt er blutverdünnende Medikamente, einen Verband oder Kompressionsstrumpf und wird nach Hause geschickt, sofern keine Gefahr auf oder durch eine Lungenembolie besteht.“

Herzkatheteruntersuchungen werden immer häufiger über ein Gefäß im Handgelenk gemacht und nicht mehr über die Leiste. „Beim Zugang über ein Gefäß in der Leiste muss der Patient danach acht Stunden oder mehr streng ruhen, wegen der Gefahr einer Nachblutung. Das entfällt bei einem Zugang über das Handgelenk, weil hier das Gefäß besser ruhiggestellt ist und durch die Bewegung keine Blutungsgefahr besteht. Damit entfällt die Bettruhe mit all ihren möglichen Folgen.“ Sogar Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall werden, wenn möglich, schon am nächsten Tag mit Unterstützung bewegt. „Dazu gehört das Aufsetzen, zur Toilette gehen, erste Schritte am Gang. Intensivpatienten, die sich selbst nicht bewegen können, werden von Therapeuten im möglichen Ausmaß, zum Beispiel an den Beinen bewegt. Das unterstützt die Gelenke, die Muskeln und den Kreislauf des Patienten.“

Ein anderes Leiden, das gerne mit langem Liegen kuriert wird, ist der Rückenschmerz. Doch auch hier gilt strenge Bettruhe nur noch in wenigen Fällen. „Schmerzhafte Verspannungen, Gelenksprobleme oder Nervenwurzelreizungen wie beim Ischiasschmerz bedürfen in der Akutphase zwar einer ersten Ruhigstellung durch Liegen, aber die Therapie sieht immer vor, dass der Patient so bald wie möglich mit Massagen, Osteopathie und Heilgymnastik beginnt. Bei Operationen an der Wirbelsäule oder Knochenverletzungen der Wirbelkörper kommt es auf den Eingriff an, wie lange Bettruhe erforderlich ist. Tatsache ist, die anhaltende Bettruhe erzeugt innerhalb kürzester Zeit beträchtliche Muskelverluste. Sie sollte so kurz wie möglich dauern. Eine zu lange Bettruhe fördert Wundliegen sowie Lungen- und Kreislaufprobleme, was wiederum eine zügige Rehabilitation behindert“, bestätigt Univ. Doz. Dr. Max Böhler, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Wer Muskeln abbaut, verliert Kraft. Das erhöht die Sturzgefahr und Gebrechlichkeit. Ebenfalls viel schneller mobil als noch vor Jahren werden Patienten, die ein neues Knie- oder Hüftgelenk erhalten haben. „Hier wird die sofortige Belastung schon einige Stunden nach der Operation angestrebt. Die Rehabilitation wird dadurch verkürzt, die postoperativen Schmerzen werden verringert.“

Bewegung hilft auch der Psyche

Studien haben gezeigt, eine lange Bettruhe führt bei älteren Menschen rasch zur Pflegebedürftigkeit. Patienten, die vier Wochen immobil sind, haben ein 61-fach gesteigertes Risiko, pflegebedürftig zu werden, bei teilweiser körperlicher Bewegung hingegen nur um das fünffache. Diese Auswirkungen kann die Physiotherapeutin Sabine Stögerer aus Wien bestätigen. „Es hat sich viel geändert. Wurde vor einigen Jahren ein Patient mit einer Bandverletzung großzügig eingegipst, entlasten heute Orthesen nur jene Strukturen, die betroffen sind. Benachbarte Gelenke bleiben beweglich, so dass der Patient nicht betroffene Muskeln, am besten nach physiotherapeutischer Anleitung, weiterbewegt.“

Hinzu kommt, in einer Woche Bettruhe kann bis zu zwanzig Prozent der Muskel-Maximalkraft verloren gehen. „Bewegung ist wichtig, zu Hause oder im Spital. Aufsetzen, Gehen und Stiegensteigen, spezielle Übungen im Bett helfen, die Folgen des zu langen Liegens zu vermeiden. Nicht zu vergessen, Bewegung hat immer positive Wirkung auf die Psyche des Patienten. Wer sich bewegen kann, fühlt sich auf dem Weg der Besserung und wieder Herr seiner selbst. Das beflügelt jeden Kranken und fördert jede Genesung.“
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