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Ausgabe Nr. 41/2018 vom 09.10.2018, Fotos: Shutterstock, Fotolia
Mit gefälschten Lebensmitteln lassen sich
Gewinne wie im Drogenhandel machen
Die zehn Lebensmittel mit dem höchsten
Betrugsrisiko
1. Olivenöl
2. Fisch
3. Bio-Lebensmittel
4. Milch
5. Getreide
6. Honig/Ahornsirup
7. Kaffee/Tee
8. Gewürze wie Safran
oder Chili
9. Wein
10. Fruchtsäfte
Betrug auf dem Teller
Es wird gestreckt, gepanscht und umdeklariert. Lebensmittel-Betrug nimmt weltweit zu.
Die Konsumenten können sich dagegen kaum schützen, außer möglichst regional und saisonal zu kaufen. Oft kommen Experten den Machenschaften erst im Labor auf die Schliche.
Die Täter verdienen gut daran, auch wenn die Polizei immer wieder Fälscherbanden aushebt. Das Produkt mit dem höchsten Betrugsrisiko ist Olivenöl, gleich danach kommt Fisch.
Die „Beute“ war 230 Millionen Euro schwer. Bei der Operation „Opson VI“ beschlagnahmte die Polizei im Vorjahr weltweit 9.800 Tonnen Lebensmittel und 26,4 Millionen Liter Getränke.

Opson ist das altgriechische Wort für Nahrung. Doch was die Beamten fanden, sollte auf keinen Teller mehr kommen. In Portugal konfiszierten sie 300.000 Fisch-Konserven. Blechdosen mit fast abgelaufenen Sardinen in Paradeissauce standen bereit, um frisch verpackt und in EU-Länder verkauft zu werden.

In Italien gingen den Fahndern Wein-Panscher ins Netz. Sie setzten minderwertigem Rebensaft reinen Alkohol zu, um den Alkoholgehalt zu erhöhen. Deklariert als teurer Spitzen-Rotwein sollte er dann auf den Tischen landen.

In Dänemark entpuppten sich etliche Proben von angeblich hochwertigem Olivenöl als verschnitten oder gar aus billigem Lampant-Öl. Dessen Name stammt von der einstigen Verwendung als Lampenöl. Es wird zwar auch aus Oliven hergestellt, ist aber industriell gereinigt.

Bei uns wurde bei den Opson-Kontrollen im Vorjahr lediglich gefälschter Kaviar auf Wiener Märkten beschlagnahmt. Auch wir sind in Zeiten der Globalisierung und des freien Handels keine Insel der Seligen. Aber „es handelt sich eher um Produkte aus dem Ausland, die hier in Kooperation mit Experten aus dem Gesundheitsministerium kontrolliert werden“, sagt Vincenz Kriegs-Au vom Bundeskriminalamt. Es gebe „kaum Lebensmittelkriminalität in Österreich, aber Verbesserungspotenzial im Allergen-Management“, teilte das Gesundheitsministerium auch nach der heurigen Schwerpunktaktion mit.

Weltweit nimmt Lebensmittelbetrug aber immer mehr zu. Dabei „lassen sich Gewinnspannen wie beim Drogenhandel erzielen“, warnt ein deutscher Konsumentenschützer. Die organisierte Kriminalität hat den „Betrug auf dem Teller“ längst entdeckt. Manchmal nutzen die Täter sogar die selben Vertriebswege wie im Drogengeschäft.

„Eine Fälschungsgefahr ist immer dann vorhanden, wenn das Endprodukt teuer ist, es aber durch billigere Produkte gestreckt werden kann“, erklärt der Sprecher des Wiener Marktamtes, Alexander Hengl. Er ist selbst Lebensmittelkontrolleur und weiß: „Es ist tatsächlich Detektivarbeit, um auf solche Fälle draufzukommen.“ Oft muss der Weg eines Produktes bis zum Erzeuger zurückverfolgt werden.

Wobei viele Betrüger den Fahndern meist ein Stück voraus sind. Vor dem Glykolskandal Mitte der 80er Jahre waren die Lebensmittelinspektoren hierzulande mit einem Messgerät unterwegs, das den Alkoholgehalt von Wein anzeigt. „Das liegt jetzt im Marktamtsmuseum, weil es nichts bringt. Wenn Wein mit Wasser verdünnt und dann noch mit einem Frostschutzmittel gestreckt wird, kann ich das mit diesem Untersuchungsgerät nicht messen“, erzählt Alexander Hengl. Denn der Alkoholgehalt ist ja hoch genug.

Anders als etwa in den Niederlanden gibt es bei uns keine einzelne Behörde, die sich um die Nahrungsmittelsicherheit kümmert. Zuständig ist grundsätzlich das Gesundheitsministerium. Die amtliche Kontrolle ist Angelegenheit der Bundesländer. In Wien gibt es 80, im ganzen Land an die 300 Lebensmittelinspektoren. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) untersucht übermittelte Proben. Dort analysieren Experten zum Beipiel die Echtheit von Fleisch- und Fischarten oder Honig.

Wobei die „Phantasie“ der Lebensmittel-Fälscher kaum Grenzen kennt. So wird etwa das graubraune Fleisch von Thunfisch, das für die Konservenherstellung vorgesehen ist, mit Nitritpökelsalz, Kohlenmonoxid oder Betanin, dem Farbstoff der Roten Rübe, „aufgefrischt“.

Hochwertigen, teuren Thunfisch müssen die Fischer bei mindestens minus 18 Grad tiefkühlen, damit er die rote Farbe nicht so schnell verliert. Konserven-Thunfisch wird von vornherein lediglich in einer Salzlake bei minus neun Grad gelagert. „Dieser Unterschied bestimmt nicht nur den Verwendungszweck, sondern auch den Handelspreis, der für tiefgekühlten Thunfisch bis zu drei Mal höher sein kann“, heißt es beim deutschen Bundesamt für
Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Der gefälschte Thunfisch kann zudem für Allergiker gefährlich werden, wenn zuviel Histamin im älteren Fischfleisch vorhanden ist. Denn sofort tiefgekühlter Fisch enthält deutlich weniger Histamin.

Fisch steht auf der Liste der zehn Lebensmittel mit dem höchsten Betrugsrisiko auf Platz zwei, gleich hinter Olivenöl. Experten warnen bei den Meerestieren auch vor falschen Angaben. Statt Seezunge wird billiger Pangasius verkauft, Red Snapper durch Rotbarsch ersetzt.

Auch Honig ist eines der meistgefälschten Lebensmittel. Dabei werden die Betrüger immer raffinierter. Sie nutzen statt Zuckersirup inzwischen oft den schwerer nachweisbaren Sirup aus Zuckerrüben oder Reis zum Strecken.

Kaffee wurde schon mit geröstetem Mais oder Malz „vermehrt“, bei Tee waren es benutzte Teeblätter, gefärbte Sägespäne oder wertloses Stängelmaterial. In Chili-Gewürzen fand sich eingefärbtes Gras und „frischgepressten Apfelsaft“ können Schwindler durch den Einsatz von Trübungsmittel vortäuschen.

Selbst vor schweren Gesundheitsfolgen schrecken Täter nicht zurück. In China mussten etwa im Jahr 2008 Tausende Kleinkinder ins Spital, weil sie gepanschte Milch tranken. Sechs Babys starben daran. In Milchpulver, aber auch in Frischmilch und Joghurt fanden Lebensmittel-Prüfer die Substanz Melamin. Sie kann zu schweren Nierenerkrankungen führen. Durch den Stoff sollte ein höherer Eiweißgehalt in verdünnter Milch vorgetäuscht werden.

Gesundheitsschädliche Fälschungen sind aber mittlerweile „eher in der Minderheit“, sagt Alexander Hengl vom Wiener Marktamt, „weil die Prüfer auf solche Zusätze leichter draufkommen.“
Das große Geld machen Betrüger vor allem mit nicht riskanten Verfälschungen. Sie fallen bei einer normalen Lebensmittelkontrolle in der Regel nicht auf. Vor allem, wenn es um die falsche Deklaration von ähnlichen Produkten geht.

Für solche Machenschaften muss es nicht unbedingt hohe Strafen geben. „Lebensmittelbetrug ist erst seit dem Pferdefleisch-Skandal zu einem Begriff geworden“, erklärt eine AGES-Sprecherin. „Die Grenzen zur verwaltungsrechtlich strafbaren Täuschung sind fließend. Ob ein gerichtlich strafbares Betrugsdelikt gegeben ist, kann erst im Wege einer Erhebung durch die Staatsanwaltschaft festgestellt werden. Wesentliche Merkmale sind Vorsatz und der Eintritt eines Vermögensschadens.“

Der Pferdefleisch-Skandal hat im Jahr 2013 in ganz Europa für Empörung gesorgt. Nachdem in Großbritannien und Irland in Burgern Spuren von Pferdefleisch entdeckt wurden, stießen die Kontrolleure in etlichen Ländern auf nicht deklariertes Pferdefleisch, etwa in Gulasch oder Lasagne. Bei uns wurde mittels DNA-Analyse Pferdefleisch in Tortelloni, in Döner Kebabs und Wurst gefunden. Insgesamt landeten mindestens 750 Tonnen von billigerem Pferdefleisch in verschiedenen Produkten.

Erst im Vorjahr konnte das Europäische Polizeiamt „Europol“ die mutmaßlichen Hintermänner des Pferdefleisch-Skandals aufdecken. Die Ermittler zerschlugen einen internationalen Ring von Fleischbetrügern und nahmen 66 Verdächtige fest. Der Kopf der Bande soll das betrügerische Netzwerk von Spanien aus geleitet haben. Den Verdächtigen wurde unter anderem Betrug, Dokumentenfälschung und Verbrechen gegen die Gesundheit der Bevölkerung vorgeworfen.

„Lebensmittel-Skandale werden weiter auftauchen“, warnt die Konsumentenschutz-Organisation „foodwatch“ in einem Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, wenn das EU-Lebensmittelrecht nicht umfassend reformiert wird.

Denn die vorgeschriebene lückenlose Rückverfolgbarkeit von Nahrungsmitteln funktioniert laut den Kritikern bis heute nicht. Der von Brüssel vorgelegte Reformvorschlag sehe lediglich neue Regeln für die Risikobewertung von Pflanzenschutzmitteln vor. Das sei zu wenig.
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