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Ausgabe Nr. 40/2018 vom 02.10.2018, Fotos: Fotolia, Raunig
Kranke gehen immer öfter zum Privatarzt. Sie machen Mediziner reich, die Kassenärzte stöhnen. Die Kassen wollen ebenfalls davon profitieren.
Zur Behandlung seiner Patienten bleibt Dr. Bernd Michael Siding nicht viel Zeit. Der Allgemeinmediziner hat einen Kassenvertrag, er glaubt aber, dass der Arzt keinen hohen Stellenwert mehr bei den Menschen hat.
Preiskampf auf dem Rücken der Patienten
Unsere Mediziner wollen Geld verdienen. Es gibt immer mehr Wahlärzte in unserem Land. Kaum ein neuer Arzt möchte einen Kassenvertrag, weil es wesentlich einträglicher ist, als Wahlarzt zu ordinieren. Ein Preiskampf auf Kosten der Patienten.
Das Wartezimmer von Dr. Bernd Michael Siding ist voll. Der 61jährige Allgemeinmediziner in Velden (K) behandelt an diesem Vormittag bereits den 80. Patienten. „Ungefähr 150 Patienten behandle ich jeden Tag von Montag bis Freitag innerhalb von nur fünf Stunden. Zwei Mal in der Woche öffne ich meine Ordination noch am Nachmittag für jeweils zwei Stunden. Ich liebe meine Arbeit, aber früher war alles besser. Da hatte der Arzt noch einen hohen Stellenwert“, seufzt Siding, der seit 30 Jahren am Wörthersee Kassenarzt ist.

Zeit für seine Patienten bleibt dem Arzt kaum. Im Schnitt gerade einmal zwei Minuten. Da sind Überweisung oder das Ausstellen von Rezepten mit berücksichtigt. Das geht rasch. Aber für eine genaue Untersuchung muss sich der Kassenarzt schon irgendwo Zeit abzweigen. Bei einer Bezahlung, die ihn nicht glücklich macht. Vor allem im Vergleich zu seinen kassenfrei agierenden Kollegen. „Wahlärzte sind finanziell besser dran, weil sie ihre Preise selbst gestalten können und keinen Bereitschaftsdienst machen müssen. Ich bekomme pro Patienten von der Krankenkasse nur 15 Euro netto bezahlt. Einmal im Monat muss ich von Samstag 7 Uhr Früh bis Montag 7 Uhr Früh Bereitschaftsdienst machen. Wenn ich in dieser Zeit zu einem Patienten nach Hause fahren muss, bekomme ich nicht einmal Kilometergeld ausbezahlt“, klagt Siding, der sein „Leid“ mit 7.000 Kassenärzten in unserem Land teilt. Diese Zahl hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Es gibt rund 200 Kassenärzte weniger als im Jahr 2008. Dagegen stieg die Zahl der Wahlärzte im gleichen Zeitraum von 7.000 auf 10.000 an.

Das ist nicht verwunderlich, immerhin wuchs die Bevölkerung in unserem Land. Es gibt also mehr Patienten und immer mehr wollen keine langen Wartezeiten mehr in Kauf nehmen. Deshalb bevorzugen sie einen privaten Arzt, zahlen die Rechnung zunächst selbst und holen sich dann von den Kassen bis zu 80 Prozent jenes Betrages zurück, den die Kassen an ihre Ärzte tarifmäßig überweisen.

Das ist für die Wahlärzte ein gutes Geschäft auf Kosten der Patienten. Das ergab eine parlamentarische Anfrage der NEOS. Während die Krankenkassen ihren Versicherten im Jahr 2010 rund 139 Millionen Euro für privatärztliche Leistungen zurückzahlten, waren es im Vorjahr schon 206 Millionen Euro, ein Plus von 48,3 Prozent. Spitzenreiter ist die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) mit einem Anstieg von 87,3 Prozent in diesem Zeitraum. In absoluten Zahlen gab 2017 die Beamtenkasse am meisten für die Rückerstattung von Wahlarztleistungen aus, 36,6 Millionen Euro, dahinter liegt die SVA mit 29,7 Millionen und die Wiener GKK mit 25,7 Millionen Euro. „Das belegt, dass es ein Mehrklassensystem im Gesundheitsbereich in unserem Land gibt. Die Zahlungen für Wahlärztinnen und -ärzte steigen deshalb so stark an, weil es zu wenige Ärztinnen und Ärzte mit Kassenverträgen gibt und die Patientinnen und Patienten zu Wahlärzten ausweichen müssen“, sagt NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker.

Die Ärzte wollen das Geld und immer seltener Kassenverträge unterschreiben. So gibt es etwa im gesamten Bezirk Freistadt (OÖ) derzeit keinen einzigen Kassenarzt für Gynäkologie. „Die Vertragsbedingungen der OÖ-Gebietskrankenkasse entsprechen nicht mehr der Kostenwahrheit und sind für Ärzte zunehmend unattraktiv“, sagt Dr. Peter Neuner, der seinen Vertrag als Kassenarzt mit 1. Juli dieses Jahres gelöst hat.

„Ich habe einen guten Ruf als Frauenarzt und die meisten meiner bisherigen Patientinnen kommen auch in die Wahlarzt-Ordination“, sagt Neuner, der auch Primar im Landeskrankenhaus Freistadt ist. Er kann sich jetzt nicht nur mehr Zeit für seine Patienten nehmen, sondern von ihnen auch mehr Honorar verlangen. „Mit der Kasse konnte ich 40 Euro brutto pro Patientin abrechnen, als Wahlarzt zahlt mir die Patientin für eine normale Untersuchung 80 Euro.“

Und es wäre auch für die Kassen ein gutes Geschäft, mit Wahlärzten zu arbeiten, denn sie müssen ja deren Patienten nur 80 Prozent vom Tarifpreis rückerstatten. Damit würden sie sich 20 Prozent jenes Betrages sparen, den sie einem ihrer Kassenärzte zahlen müssten.

„Es ist aber für die Kasse kein Geschäft, weil wir zusätzliches Personal benötigen, um die Abrechnungen abwickeln zu können. Der bürokratische Aufwand ist zu hoch. Deshalb wäre es sinnvoll, auch für die Wahlärzte die E-Card zuzulassen“, erklärt ein hochrangiger Kassen-Vertreter. Ein erster Schritt zur rascheren Bearbeitung wurde bereits durch die elektronische Bearbeitung der Anträge eingeleitet.

Harald Schmadlbauer von der OÖGKK verweist aber darauf, dass selbst die Kassenärzte nicht am Hungertuch nagen müssten. „Jeder Hausarzt verdient jährlich rund 100.000 Euro netto. Nicht enthalten in diesem Betrag sind etwa Tätigkeiten als Schul- oder Betriebsarzt. Und auch die Umsätze, die mit der Hausapotheke gemacht werden, sind darin noch nicht erfasst.“
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