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Ausgabe Nr. 39/2018 vom 25.09.2018, Foto: pro imago
Täglich gibt es etwa zehn Beißattacken durch Hunde in unserem Land.
Wenn die Bestie im Hund erwacht
Vor fast acht Jahren verletzte der Hund eines Nachbarn die damals vierjährige Amelie schwer. Sie ist eines von vielen Opfern, denn jährlich kommt es hierzulande zu 3.600 Hundeattacken. Mit fatalen Folgen, gerade für Kinder. So wurde dieser Tage ein Kleinkind in Wien von einem Hund in den Kopf gebissen und lebensgefährlich verletzt.
Es war wie in einem Albtraum,“ erinnert sich Anna Reifberger aus Wals-Siezenheim (Sbg.) an die Geschehnisse jenes Tages im Mai 2011. „Der Rottweiler ‚Avego‘ unseres Nachbarn, der zwei Häuser weiter wohnt, sprang über den Zaun, drang durch unsere Hecke und fiel über unsere vierjährige Tochter Amelie her. Sie wurde regelrecht skalpiert, der Hund riss ihr ein großes Stück Haut samt Haaren vom Kopf. Auch im Gesicht erlitt sie schwere Bisswunden“, erzählt Reifberger.

Im Spital wurde das kleine Mädchen notoperiert und anschließend für zehn Tage in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Weil die abgerissene Kopfhaut großteils nicht wieder anwuchs, bekam sie unter anderem Eigengewebe des Oberschenkels und der Leistengegend verpflanzt. Bis heute musste das Mädchen mehr als dreißig Operationen über sich ergehen lassen. Das Kind ist traumatisiert. „Amelie spricht nicht über den Vorfall. Sie blockt ab, wenn sie darauf angesprochen wird. Es geht ihr den Umständen entsprechend körperlich gut, sie ist sich aber im Klaren, dass die Narben bleiben werden“, sagt ihre Mutter.

Der 48jährige Tierhalter wurde zu einer bedingten Haftstrafe von vier Wochen mit einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt. „Er wusste, dass sein Zaun mit 1,20 Meter Höhe viel zu niedrig war“, begründete der Richter das Urteil. Der kleinen Amelie musste der 48jährige 13.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, der Hund wurde eingeschläfert, der Besitzer mit einem Hundehalteverbot belegt.

Fälle wie jener der kleinen Amelie sind keine Seltenheit. Erst am 10. September wurde ein einjähriger Bub im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt von einem Rottweiler angefallen und schwer verletzt, nur wenige Tage später ereignete sich ein ähnlicher Vorfall in Ruden (Ktn.). Beide Kinder wurden in den Kopf gebissen, was Experten auf das Jagdverhalten der Tiere zurückführen.

Nach Auskunft der Fachleute vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) kommt es hierzulande jährlich zu rund 3.600 Beißattacken (2017), also rund zehn Übergriffen pro Tag, die ambulant behandelt werden müssen. Das sind um 20 Prozent mehr als noch im Jahr 2015. Jedes sechste Opfer ist unter 15 Jahre alt.

Die Attacken passieren, weil die Besitzer nicht in der Lage sind, ihren Hund abzurichten und ihm „Manieren“ beizubringen. Ihnen fehlt jegliche Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit den Vierbeinern. Vor allem, wenn es sich um sogenannte Listenhunde handelt. Das sind jene Tiere, die aufgrund ihrer Beißkraft als gefährlich anzusehen sind. Dazu gehören neben den Rottweilern die Pitbullterrier, Bullterrier, Mastiff sowie Mischlingsrassen. Allerdings gibt es keine einheitliche Regelung in unserem Land, derzufolge Tierhalter eine verpflichtende Ausbildung absolvieren müssen. Auch die Liste der als gefährlich eingestuften Hunde ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Wien und Niederösterreich verlangen einen Sachkundenachweis für die Haltung von Listenhunden. In Oberösterreich, Salzburg und der Steiermark müssen alle Hundebesitzer einen Kurs absolvieren. Die übrigen Länder kommen ohne Hundeführschein aus.

In Wien ist das Gesetz besonders streng. Mit 1. Juli 2010 wurde ein Hundeführschein für Listenhunde eingeführt. Antragsteller müssen einen Test mit 150 Fragen absolvieren. Bis jetzt wurden 6.579 Hundeführscheine ausgestellt, rund 5.000 Listenhunde gibt es in Wien, insgesamt sind es hierzulande etwa 20.000.

Dass die Zahl nicht pflichtbewusster Hundehalter zunimmt, zeigen Kontrollen des Veterinärdienstes der Stadt Wien (MA60). So wurden im Vorjahr bis Ende August 29 Personen ohne Hundeführschein angezeigt. Heuer waren es im gleichen Zeitraum mit 57 bereits fast doppelt so viele. „Wer ohne Schein erwischt wird, muss diesen nachmachen, zudem droht eine Geldstrafe von bis zu 20.000 Euro sowie die Abnahme des Hundes“, erklärt Harald Wenzel von der MA 60. Dies sei heuer bereits 18 Mal geschehen. Wenn Tiere nicht richtig verwahrt werden, beziehungsweise ein Mensch gebissen wurde, wird ein sogenanntes „Hundehalteverbot“ verhängt. Heuer wurden deswegen schon sechs Tiere abgenommen. Grundsätzlich wird versucht, die Tiere zu resozialisieren. Hunde, die Menschen schwer verletzen, bleiben in Gewahrsam oder werden eingeschläfert.

Weil die Halterin des Rottweilers, der den einjährigen Buben in Wien schwer verletzte, mit 1,4 Promille Alkoholgehalt im Blut mit ihrem Hund unterwegs war, möchte Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima sogar ein Alko-Limit einführen. „Ich kann mir eine Obergrenze wie beim Autoführerschein von 0,5 Promille vorstellen“, sagt Sima. Auch Verschärfungen bei der Beißkorbpflicht für einige Rassen sind angedacht. Die ist grundsätzlich Ländersache, in Wien gilt an belebten Plätzen entweder Leinen- oder Beißkorbpflicht, in öffentlichen Verkehrsmitteln müssen Hunde einen Maulkorb tragen.

Wer glaubt, nur die Listenhunde ins Visier nehmen zu müssen, irrt. Laut einer Untersuchung der Medizinischen Universität Graz gehen die meisten Bisse auf das Konto von Nicht-Listenhunden. Am öftesten beißen Schäferhunde zu, gefolgt von Dobermann und Spitz, erst auf Platz zehn findet sich mit dem Rottweiler ein Listenhund.

Für die Wiener Tierschutzobfrau Eva Persy wäre es wünschenswert, „wenn sich mehr Hundehalter mit dem theoretischen und praktischen Wissen beschäftigen würden, das für eine harmonische Mensch-Tier-Beziehung notwendig ist.“

Die Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, Madeleine Petrovic, erklärt: „Letztlich sind es Menschen mit brutalen Ausbildungsmethoden oder mangelndem Fachwissen, die einen Hund gefährlich machen.“ Sie verlangt daher strengere Kontrollen.

„WOCHE“-Kolumnist und Tierarzt Hans Christ fordert, „dass in unserem Land die Persönlichkeit des Tierhalters und die Charaktereigenschaft des Hundes beurteilt werden müssen.“ Nicht jeder sei als Halter für jede Rasse geeignet, meint Christ.

Ist die Bestie in einem Hund erwacht und er attackiert einen Menschen, lässt er sich nur schwer bändigen. Experten raten, wenn möglich kaltes Wasser über den Hund zu gießen oder ihn von hinten am Halsband zu packen und in die Höhe zu ziehen, bis seine Vorderbeine in der Luft hängen, sodass er den Halt verliert. Im Extremfall kann ein Elektroschocker zum Einsatz kommen. rb
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