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Ausgabe Nr. 38/2018 vom 18.09.2018, Foto: Sabine Mayer, ÖAMTC
Peter Jonas, Marion Seidenberger
Pflicht-Fahrtests für ältere Lenker?
In der Schweiz wird ab Jänner die Altersgrenze für die Führerschein-Kontrolluntersuchung von 70 auf 75 Jahre hinaufgesetzt. Alle zwei Jahre müssen sich ältere Eidgenossen dem Gesundheitstest unterziehen. Das fordert der Verkehrspsychologe Peter Jonas vom Institut „Gute Fahrt“ auch für unser Land. Im Jahr 2017 starben 141 Autofahrer auf unseren Straßen. 27 davon im Alter zwischen 17 und 24 Jahren. 17 Todesopfer waren 75 Jahre und älter. Insgesamt fahren ältere Lenker aber seltener.
JA: Peter Jonas,
Verkehrspsychologe „Gute Fahrt“

„Das erhöhte Unfallrisiko ab 75 Jahren ist keine Meinungsfrage, sondern simple Verkehrsstatistik. Die Häufigkeit von Fahruntauglichkeit aufgrund von Erkrankungen wie Demenz oder Diabetes steigt mit dem Alter. Es ist keine Ungerechtigkeit, wenn die Behörde oder der Staat sagt, sie schauen bei älteren Lenkern genauer hin, weil es ja gute Gründe dafür gibt. Mein Vorschlag ist eine ärztliche Untersuchung für Lenker ab dem 75. Geburtstag, alle zwei Jahre, und zwar kostenlos. Als mögliche Konsequenz sollte es auch abgestufte Einschränkungen der Fahrerlaubnis geben. Etwa dass sie auf eine bestimmte Region eingeschränkt wird, damit die Betroffenen die Kinder besuchen, zum Supermarkt fah-
ren, die Kirche oder den Friedhof besuchen können. Aber nicht mehr auf der Autobahn oder in den Urlaub fahren. Doch leider ist das Thema ein politisches Minenfeld und wird bei uns rein emotional abgehandelt. Die längst notwendige wissenschaftliche Diskussion könnte aber nur auf Basis von Fakten geführt werden. Kulturell ist Österreich anders: Das Land liebt seine Raucher, Säufer und Verkehrssünder. Die derzeitige Regierung trägt dieser Einstellung Rechnung.“

Nein: Marion Seidenberger,
ÖAMTC-Verkehrspsychologin

„In einigen europäischen Ländern gibt es seit Jahren regelmäßige verpflichtende Kontrolluntersuchungen für ältere Kraftfahrer. Zum Teil beginnend für ,Senioren‘ schon ab 45 Jahren, mehrheitlich ab 70 Jahren, in unterschiedlichen Abständen. Die mit diesen Tests erhofften Sicherheitswirkungen sind nicht eingetreten, dagegen sind diesbezügliche Befürchtungen wahr geworden. So haben durch die Testmaßnahmen etliche Senioren an Mobilität und Lebensqualität verloren. Andere haben aus Angst vor der Prüfung ihren Führerschein abgegeben und sind häufiger als zuvor als Fußgänger oder Radfahrer im Straßenverkehr unterwegs und damit noch in weit höherem Maß unfallgefährdet als zuvor. Deshalb sollten Untersuchungen nicht generalpräventiv, sondern anlassbezogen und individuell stattfinden, so wie es aktuell bei uns praktiziert wird. Ein kritischer Umgang mit der eigenen Leistungsfähigkeit, möglicherweise auch mit der Einholung von Ratschlägen oder Hinweisen Angehöriger, aber auch von Freunden, Fahrprofis, vielleicht sogar auch des Hausarztes, ist somit der beste Schutz für eine sichere individuelle Mobilität, auch im höheren Alter.“
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